In einer Wohnung am Platz der Freundschaft, dem heutigen Markt, ist im Herbst 1989 Geschichte geschrieben worden. „Auf Anregung einer Bekannten haben meine Frau Martina und ich gemeinsam mit weiteren sieben Menschen dort das Neue Forum in Senftenberg gegründet“, berichtet Manfred Thürich. Die Oppositionsbewegung war in der Nacht auf den 9. zum 10. September 1989 vor den Toren Berlins von Bürgerrechtlern ins Leben gerufen worden. In den nachfolgenden Wochen und Monaten hatten sich in verschiedenen Orten der DDR weitere Ableger gebildet.

Zwei Bürgerbewegungen

Doch die Mitglieder des Neuen Forums Senftenberg waren nicht die einzigen, die sich gegen das SED-Regime positionierten. „Es gab bereits die Bewegung ,Demokratie jetzt` in der Stadt. Nur zum damaligen Zeitpunkt wussten wir nichts voneinander“, sagt Manfred Thürich. Er bezeichnet sich selbst und seine Frau als Bürgerrechtler aus der Lausitzer Provinz.

Der gebürtige Senftenberger Pädagoge wollte im Herbst 1989 allerdings nicht die deutsche Einheit erreichen. „Stattdessen habe ich von einer reformierten DDR geträumt“, bekennt der heute 62-jährige Lehrer für Deutsch und Geschichte am Friedrich-Engels-Gymnasium.

An die DDR geglaubt

Bis in die 1980er-Jahre habe Manfred Thürich geglaubt, dass die DDR das bessere Deutschland sei. Doch das der Sozialismus letztlich nur noch aus hohlen Phrasen bestand und das ganze Land im Stillstand versank, dazu die fehlende Demokratie, habe für den Bruch mit den bestehenden Verhältnissen gesorgt. Erste Risse bekam Thürichs sozialistisches Weltbild bereits Mitte der 1970er-Jahre mit der Ausbürgerung des DDR-Liedermachers Wolf Biermann und der Verbrennung des Pfarrers Oskar Brüsewitz.

Die Demos gehen los

Gemeinsam mit seinen Mitstreitern organisierten Manfred und Martina Thürich im Herbst vor 30 Jahren die ersten Kundgebungen und Demonstrationen gegen die Obrigkeit in Senftenberg. „Bei der ersten Veranstaltung Ende Oktober 1989 auf dem Neumarkt kamen rund 1000 Leute“, schätzt Thürich. Im November ging es dann von der SED-Kreisleitung in der Calauer Straße ins Stadtzentrum. Da marschierten erheblich mehr Menschen mit. Thürich fungierte selbst als Sprecher. „Es ging dabei um die Überwindung des Stillstandes“, erinnert er sich.

Ärger mit den DDR-Oberen bliebt dem Senftenberger indes erspart. „Das wäre vielleicht anders gewesen, hätte ich zu jener Zeit im Schuldienst gearbeitet“, vermutet der 62-Jährige. Damals war der Bürgerrechtlicher als Erzieher im Jugendwerkhof in Finsterwalde tätig.

Das erste Mal in Westberlin

Die Maueröffnung am 9. November in Berlin hatte Manfred Thürich einen Tag später wahrgenommen. Doch erst im Dezember reiste er das erste Mal nach Westberlin. „Ich wollte ja eine reformierte DDR. Daher hatte ich auch meine Probleme mit der damals von vielen Demonstranten gerufenen Parole ,Wir sind ein Volk`. Dennoch habe ich mich über die Grenzöffnung gefreut.“

Obwohl der Lehrer für Deutsch und Geschichte heute keiner politischen Gruppierung angehört, hält er die Präsentation seines eigenen politischen Standpunktes vor Schülern für richtig. „Ich manipuliere die jungen Leute aber nicht, sie sollen sich ihre eigenen Meinungen bilden“, erklärt der Pädagoge.

Keine „Wende 2.0“

Gar nicht anfreunden könne er sich hingegen mit dem AfD-Slogan „Wende 2.0“. Einige der führenden Politiker dieser Partei gäben sich als Wendeprotagonisten aus, obwohl sie vor 30 Jahren noch Schüler in Westdeutschland waren, begründet Thürich. Er selbst sei im Herbst 1989 nur ein „ganz kleines Licht“ innerhalb der Bewegung der Bürgerrechtler gewesen. „Aber es erfüllt mich schon ein wenig mit Stolz, dass wir in Senftenberg die Wende mit angestoßen haben“, lautet sein Resümee genau drei Jahrzehnte später.

Menschenkette in Senftenberg


Ab Oktober 1989 wurde auch in Senftenberg gegen die herrschenden Verhältnisse demonstriert. Die Veranstaltungen wurden von den Bürgerbewegungen Demokratie jetzt und Neues Forum auf die Beine gestellt. Am 3. Dezember 1989, dem ersten Advent, hatte sich in der Kreisstadt sogar eine Menschenkette gebildet. Das Motto lautete „Ein Licht für unser Land“. In jenen Tagen gab es auch die ersten Runden Tische in Senftenberg. Die Demonstrationen und Aussprachen wurden im Jahr 1990 fortgesetzt. Bereits im Januar gründete sich in der Stadt die SPD. Die Stadt Frechen im Rheinland hatte den Senftenbergern Hilfe angeboten in Bezug auf eine neue Kommunalpolitik. „Weg mit der SED“ hieß es während der Demo vom 15. Januar 1990. Am gleichen Tag erfolgte der Sturm von Demonstranten auf die Stasi-Zentrale in Berlin. Bei der Kommunalwahl im Mai 1990 bekam in Senftenberg die CDU die meisten Stimmen. Erster Nachwendebürgermeister wurde Klaus-Jürgen Graßhoff. Er ist bis heute als Stadtverordneter der CDU politisch aktiv.