Von Jan Augustin

Das Logo kommt unspektakulär daher: OE. Die beiden Buchstaben stehen für Ortrander Eisenhütte. Unscheinbar eingeprägt ist das zentimetergroße Zeichen etwa auf Kaminöfen. Auch viele Autos mit Verbrennungsmotoren fahren mit dem in Ortrand gegossenen Eisen. Oder Regenentwässerungssysteme – auch das ist ein wichtiges Geschäftsfeld des Ortrander Unternehmens. Jens Muschter nennt es Infrastrukturguss. Der Vertriebsleiter ist seit 31 Jahren im Unternehmen, kennt die Firma wie kaum ein anderer. Fast schon zurückhaltend, so wie das Logo, schätzt er die aktuelle Situation der Eisenhütte ein. „Die wirtschaftliche Lage hat Anlass gegeben, neue Leute zu integrieren“, sagt der 54-Jährige.

Dabei ist die Entwicklung seit den 1990er-Jahren erstaunlich. 115 Mitarbeiter waren 1993 beschäftigt. Heute sind es gut 330. Auch die Umsatzzahlen sind alles andere als bescheiden. Seit 15 Jahren steigen sie Jahr für Jahr an, auf heute rund 50 Millionen Euro. Das bestätigt Geschäftsführer Bernd H. Williams-Boock. Kunden gebe es weltweit – sogar in Brasilien und Japan werde die Ortrander Qualität geschätzt. Doch der Hauptmarkt ist Europa. Mehr als 90 Prozent aller Aufträge kommen von hier. Nur ganz im Osten hat die Eisenhütte noch nicht wie gewünscht den Fuß in der Tür.

Zwar gibt es schon Kunden in Polen, Tschechien, Slowakei und Ungarn, bestätigt Williams-Boock. Noch weiter Richtung Osten sieht es aber rar aus. Aber auch da gehe es voran. In Moskau und St. Petersburg kauft zumindest ein Kunde Kaminöfen, die als Designobjekte in neue Wohnkonzepte integriert werden. Die Ortrander Eisenhütte will hier stärker werden. Das Unternehmen hat jetzt eine russische Muttersprachlerin eingestellt, um Beziehungen aufbauen zu können. In der Vorwoche hat der weißrussische Botschafter Denis Sidorenko die Firma besucht. Konkrete Geschäfte hatte der Diplomat zwar nicht mit im Gepäck. „Es ist aber hilfreich, wenn man ein Sprachrohr hat. Sie müssen einen Türöffner haben“, erläutert Vertriebsleiter Jens Muschter. Dass sich der Aufbau von Geschäftsbeziehungen in Osteuropa langwierig und manchmal erfolglos gestalten kann, weiß Muschter nur zu gut. Vor fünf Jahren bahnte sich ein lukratives Geschäft in der Ukraine an. Für die dortigen Eisenbahnwaggons hätte die Eisenhütte die passenden Achslagergehäuse liefern können. Jens Muschter war mehrfach vor Ort, ist nach Kiew und Donezk geflogen und hat das Produktmuster vorgestellt. Doch dann begann der Krieg. „Das Geschäft war nicht zustande gekommen, leider“, erinnert sich der Prokurist.

Auch heute noch hängt die wirtschaftliche Lage des Lausitzer Traditionsunternehmens am Tropf der Weltpolitik. Währungsschwankungen zwischen dem Dollar und dem Euro oder Handelsbarrieren, etwa zwischen Europa und Russland, beeinflussen auch das Ort­rander Geschäft. „Wenn man wachsen will, braucht man einen freien Handel“, glaubt Muschter. Auch die sich abzeichnende Entwicklung weg vom Verbrennungsmotor hin zur Elektromobilität könnte in Zukunft Auswirkungen auf den Absatz haben. Aktuell ist der Automotivguss noch der umsatzstärkste Geschäftsbereich. Der Markt heute sei einfach „viel unsicherer“ geworden und nicht mehr so kalkulierbar. „Wir haben uns aber ständig neuen Herausforderungen zu stellen und anzupassen“, sagt Jens Muschter.

Mit Sorge blickt die Führungsspitze auch auf die aktuellen Diskussionen um den Kohleausstieg. Für das Industrieunternehmen seien die Versorgungssicherheit und ein wettbewerbsfähiger Strompreis entscheidende Faktoren, um auf diesen Märkten erfolgreich zu sein. Geschäftsführer Bernd H. Williams-Boock kritisiert: „Es gibt aktuell kein schlüssiges Konzept, wie diese beiden Faktoren ohne die Lausitzer Braunkohle garantiert werden können - ganz zu schweigen von den zusätzlichen Bedarfen, die die Mobilitätswende und die Wärmewende mit sich bringen werden. Insoweit sind positive Entscheidungen zur Lausitzer Braunkohle für die Hütte immens wichtig.“ Die Ortrander Eisenhütte erschmilzt ihr Eisen mit umweltfreundlichen Elektroöfen. Sie braucht dafür etwa 48 Gigawattstunden im Jahr. „Insoweit sind positive Entscheidungen zur Lausitzer Braunkohle für die Hütte immens wichtig“, sagt Williams-Boock.