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| 02:49 Uhr

Weiße Glücksboten auf 200 Hochzeiten

Rund 130 weiße Tauben haben Gitta und Wolfgang Bäde in ihrem Bestand. Zu Hochzeitsfeiern werden sie gern gebucht, wie 2014 von Stefanie und André Marose aus Muckwar, die sich im Vetschauer Schloss das Ja-Wort gaben.
Rund 130 weiße Tauben haben Gitta und Wolfgang Bäde in ihrem Bestand. Zu Hochzeitsfeiern werden sie gern gebucht, wie 2014 von Stefanie und André Marose aus Muckwar, die sich im Vetschauer Schloss das Ja-Wort gaben. FOTO: Hegewald
Kemmen. Der Landkreis Oberspreewald-Lausitz umfasst 1200 Quadratkilometer Fläche. Er ist Heimat für 113 000 Einwohner, die in neun Städten, 32 Gemeinden und deren Ortsteilen leben. Doch wer sind die Nachbarn? Die RUNDSCHAU geht auf Kreis-Reise. Die Station heute: Kemmen (Stadt Calau). Uwe Hegewald / uhd1

Der etwas kauzig daherkommende Tierarzt Dr. John Dolittle war nie in dem westlich von Calau gelegenen Ortsteil. Kann er auch nicht - schließlich handelt es sich bei Dr. Dolittle um eine literarische Filmfigur, der nachgesagt wird, dass sie mit Tieren kommunizieren könne. Doch genau in dieser Befähigung zeichnen sich Zusammenhänge mit Kemmen ab. Was den sprichwörtlichen Draht zur Tierwelt betrifft, gilt das Dorf als kleines Epizentrum im Landkreis. Auf nahezu jedem Hof tummelt sich Kleinvieh, Hunde erweisen sich als zuverlässige Wächter der Grundstücke, und auf dem Friesenhof Kemmen wachsen besondere Pferde heran. Friesen zählen zu den ältesten Rassen Europas.

Bei Gitta und Wolfgang Bäde sind es gleich mehrere tierische Lieblinge, die den Lebensrhythmus des Paares mitbestimmen. "Wir geben Katzen, Vögeln oder Nagern ein temporäres Zuhause. Neben Rennmäusen hatten wir für ein halbes Jahr sogar schon zwei ausgewachsene Aras zu Gast", erzählt die Inhaberin der Tierpension. Ein weiteres Standbein: weiße Hochzeitstauben, mit denen das Paar regionalen Hochzeiten oder anderen Feierlichkeiten besonderen Glanz verleiht. "Rund 200 Trauungen durften wir bisher mit unseren weißen Glücksboten begleiten", so Gitta und Wolfgang Bäde, bei denen auch schon der Naturschutzbund Brandenburg angeklopft hat. 2014 bedankte sich der Nabu für das Engagement des Kemmener Paares, auf ihrem Grundstück Schwalben zu dulden und sogar Nistmöglichkeiten zu errichten. Aufgrund der hohen Anzahl von Rindern, den weitläufigen Weideflächen und des sich dadurch einstellenden Anzuges von Insekten, finden Schwalben stets ausreichend Nahrung zum Aufziehen ihrer Jungen.

Im benachbarten Gemeindeteil Säritz gibt es einen Rinderzüchter im Nebenerwerb, in Kemmen selbst sind es die Landwirte Steffen Bräsemann und Peter Schollbach, die sich der Rinderzucht verschrieben haben. Letzterer hat mit seiner Herdbuchzucht von Uckermärker Rindern überregionalen Bekanntheitsgrad erworben. Regelmäßig erringen die wuchtigen Fleischrinder von Bauer Schollbach beachtenswerte Erfolge.

Ist der Kemmener Chef über rund 100 Tiere mal nicht auf den Koppeln oder zu Rinder-Leistungsschauen unterwegs, macht Peter Schollbach Politik. Seit 1994 als Ortsvorsteher und darüber hinaus als Faktionsvorsitzender der "Ländlichen Wählergemeinschaft" (LW) und Vorsitzender des Hauptausschusses der Calauer Stadtverordnetenversammlung. "Die Landwirte, die freiwillige Feuerwehr und der Heimatverein sind die Anker fürs Dorf", sagt Schollbach. Mit dem Verein zur "Förderung des Feuerlöschwesens und Heimatgedankens Kemmen" um ihren Vorsitzenden Heiko Lattke und einem schmucken Sportlerheim besitzt das Dorf auch gute Ankerplätze.

Gab es zu DDR-Zeiten mit "Traktor Kemmen" noch eine Männermannschaft im aktiven Spielbetrieb, so sind es heute die Feuerwehrsportler, die Kemmen in die Schlagzeilen bringen. 2014 kehrte die Kindermannschaft (AK 10-14/männlich) von den Landesmeisterschaften im Feuerwehrsport mit dem Siegerpokal nach Kemmen zurück.

"Diesen Tag werden wir nie vergessen", ist sich Klaus Schmogrow sicher. Dem Jugendfeuerwehrwart und Vater des Erfolges wird das entsprechende Fingerspitzengefühl nachgesagt. "Disziplin, Respekt, Training, aber auch der Spaß sind wichtige Säulen, um erfolgreich zu sein. Man muss dem Nachwuchs aber auch was bieten", so Schmogrow. Fahrten zum Bowling nach Saßleben oder Eisdielen-Besuche auf der Rückfahrt von Wettbewerben sind keine Seltenheit.

Doch zurück zu den tierischen Momenten von Kemmen: Martina Neumann hat das Dorf zum Lebensmittelpunkt gemacht. In Berlin-Weißensee aufgewachsen, zog es sie schon immer aufs Land. "Mein Herz schlägt fürs Dorf. Durch die Großeltern in Greiffenberg (Uckermark) habe ich auch frühzeitig Kontakt zu Tieren bekommen", erzählt die Wahl-Kemmenerin mit hörbarem Berliner Dialekt. Auf dem Gut Kemmen kümmert sich Martina Neumann um fünf reinrassige Haflinger-Pferde, mit denen sie sogar klassisches Westernreiten praktiziert. "Das funktioniert ausgezeichnet, man muss nur etwas Geduld aufbringen und sich mit den Tieren verständigen", erklärt sie, wie es Dr. Dolittle nicht hätte besser formulieren können. Gerne ist die Tierfreundin bereit, ihre Leidenschaft mit anderen Interessierten zu teilen. "Kemmen und seine Umgebung bieten sich geradezu an für ausgedehnte Ausritte", schwärmt sie.

Alle Folgen nachlesbar unter: www.lr-online.de/hallo-nachbar

Zum Thema:
Im 1495 erstmals erwähnten Kemmen leben momentan 86 Einwohner, in der Ortslage Schadewitz sind es 27 Personen. Der Ortsname Kemmen leitet sich vom niedersorbischen Wort kamjeñ ab und bezeichnet einen Ort im steinigen Gelände oder an einem Steinbach. Durch den Ort fließt die Kleptna. Die Dorfkirche Kemmen stammt in ihren Grundmauern aus der Mitte des 14. Jahrhunderts. Küsterin Undine Grabitz besitzt den Schlüssel zum Gotteshaus, das im Dreißigjährigen Krieg zerstört wurde. Bemerkenswert: Kanzel, Taufe und Altar stammen von dem im 17. Jahrhundert lebenden Bildhauer Andreas Schultze. 2013 wurden in Kemmen Szenen des Filmes "Nachthelle" mit Benno Fürmann, Anna Grisebach und Gudrun Ritter in den Hauptrollen gedreht. Seine Premiere erfolgte im Juni 2014 beim Filmfest in München. Ein Jahr später lief der Streifen in den Kinos. uhd1