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Weiden, Windkraft, Wilder Westen

Weiden zählen zu den Wahrzeichen von Barzig. Um diese zu erhalten, haben Personen um Günter Kalliske ein mehrjähriges Projekt angeschoben, an dem selbst Kinder Gefallen finden. Chauffiert werden die jungen Pflanzer von Harald Schliedermann per Traktor-Express.
Weiden zählen zu den Wahrzeichen von Barzig. Um diese zu erhalten, haben Personen um Günter Kalliske ein mehrjähriges Projekt angeschoben, an dem selbst Kinder Gefallen finden. Chauffiert werden die jungen Pflanzer von Harald Schliedermann per Traktor-Express. FOTO: Uwe Hegewald/uhd1
Barzig. Der Oberspreewald-Lausitz-Kreis umfasst 1200 Quadratkilometer Fläche. Er ist Heimat für 114 000 Einwohner, die in neun Städten, mehreren Gemeinden oder Ortsteilen leben. Doch wer sind die Nachbarn? Die RUNDSCHAU geht auf Kreis-Reise. Die Station heute: Barzig (Stadt Großräschen). Uwe Hegewald / uhd1 uhd1

Wer in die Geschichte und Gegenwart von Barzig eintauchen will, kommt an Annemarie Grafe nicht vorbei. Selbst Sabine Wolf, die von den Einwohnern des kleinsten Ortsteiles der Stadt Großräschen im Mai 2016 zur Ortsvorsteherin gewählt wurde, empfiehlt den Kontakt zu Annemarie Grafe. Der Seniorin sind Besuche von Medienvertretern immer etwas unangenehm. "Warum ausgerechnet ich? Es gibt doch so viele bedeutende Personen im Dorf, die es verdient haben, einmal vorgestellt zu werden", betont sie. Die 1962 von Thüringen nach Barzig gezogene Ortschronistin, ehemalige Bürgermeisterin und spätere Ortsvorsteherin (1988 bis 2001) zieht sich in Bescheidenheit zurück. Vielmehr sieht sie sich als eine Staffelläuferin. Wunder könne und konnte auch sie nicht vollbringen. Wohl aber dazu beitragen, dass das Dorfgefüge zusammenhält und der Ort nicht hinter der Kernstadt Großräschen zurückfällt.

Auf die Frage nach den Architekten des gemeinschaftlichen Zusammenlebens muss sie nicht erst in einem ihrer umfassenden Ortschronik-Ordner blättern. Den Heimatverein nennt sie, der in diesem Jahr sein 15-jähriges Bestehen feiert sowie eine Reihe von Privatpersonen, denen dörfliche Belange am Herzen liegen. Günter Kalliske zum Beispiel, der als Lausitzer Original in mehrere Rollen schlüpft (Weihnachtsmann, graues Männlein aus den Freibergen, Wassermann) aber auch lokale Aktivitäten anschiebt.

Mit der von ihm initiierten Arbeitsgemeinschaft AG "Vitalarseum", die an der GutsMuths-Grundschule Großräschen angesiedelt ist, stehen Baumpflanzaktionen in Verbindung. So auch beim ambitionierten Vorhaben, dem Barziger Charakterbaum - die Kopfweide - mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Bei den "Schliedermännern" fand Günter Kalliske sofort offene Ohren. Vermessungs-Ingenieur Harald Schliedermann chauffierte mit seinem Traktor-Express die pflanzenden Mädchen und Jungen heran. Sohn Sandro Schliedermann begleitete das Projekt als fachkundiger Garten- und Landschaftsbauer.

Respekt bei den Dorfbewohnern hat sich die Familie ebenso als Baumeister verschafft: Beim Bau des gemeinsamen Geschäftshauses, wo einst ein LPG-Sozialgebäude stand oder beim Errichten eines Backhäuschens. "Zu besonderen Anlässen wird der historische Ofen von Harald Schliedermann angeheizt und die Leute vom Dorf zum gemeinsamen Backen und Schlemmen eingeladen", berichtet Annemarie Grafe. Oftmals erweise sich das Backhäuschen als willkommene Ergänzung zu Veranstaltungen im benachbarten "Kuhstall". Renate und Hans-Werner Lehmann haben das ehemalige Stallgebäude zu einer einladenden, rustikalen Begegnungsstätte ausgebaut. Auslöser war die Schließung der einzigen Gaststätte im Dorf.

Dass Barziger relativ schnell auf Veränderungen reagieren, die sich unmittelbar auf ihren Lebensrhythmus und Gewohnheiten auswirken, ist bekannt. Wenn erforderlich wurde auch Widerstand geleistet, wie der Chronik zu entnehmen ist.

So entschädigte Graf Witzleben (Altdöbern) im Jahr 1895 die Dorfbewohner mit 500 Mark, um den Bau seines Tiergeheges im Chransdorfer Wald zu etablieren. Barziger mussten beim Durchqueren des Geheges fortan vor Gattertoren stoppen, diese öffnen und wieder schließen. Beim Bau der Autobahn (A 13), Ende der 1930er-Jahre, erstritten sich die Dorfbewohner sogar drei Brücken, um ohne Umwege in die angrenzenden Waldgebiete zu kommen.

Der Kampf gegen Windmühlen - 24 Windkraftanlagen im Chransdorfer Forst - erwies sich jedoch als aussichtslos. "Mit dem Bau der Anlagen sind uns liebgewonnene Reitwege verloren gegangen", beklagt Ute Kroll vom gleichnamigen Reiterhof. Wie die Reittherapeutin erzählt, sei von den Monteuren selbst eine Warnung ausgesprochen haben. "Wenn sich Windräder in Bewegung setzen, auf denen sich Eisablagerungen befinden, können diese mit Geschwindigkeiten von über 100 km/h zu Boden krachen. Viel zu gefährlich, um sich dort aufzuhalten", hadert sie. Geschotterte Wege, der Schattenwurf oder der Lärm in unmittelbarer Nähe belasten die Situation zusätzlich. "Insbesondere Personen, die mit dem Reiten anfangen oder Menschen mit Behinderungen oder Handicaps, die bis aus Berlin zu uns kommen, ist das nicht zuzumuten, begründet Ute Kroll das Ausweichen auf andere Wege. 1996 hatte sie mit ihrem Ehemann Georg den Western-Reiterhof gegründet, zu dem unter anderem eine Reithalle, ein Gastraum und Gästezimmer gehören.

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Barzig steht mit 97 Einwohnern kurz davor, die magische Zahl von 100 zu knacken. Zuletzt war das im Jahr 1985 der Fall, als im Dorf 101 Frauen, Männer und Kinder lebten. 1990 wurden 92, 1992 insgesamt 83 Einwohner (Tiefststand) gezählt. Der Höchststand datiert mit 188 Personen aus dem Jahr 1910. Barzig wurde 1403 erstmals urkundlich als Barczk erwähnt. Der Ortsname kann auf das altsorbische Wort bart zurückgeführt werden. Dies bedeutet Waldbienenstock und weist auf eine Waldimkerei hin. Die Sanierung des Straßenbelages der Brücke in Richtung Großräschen oder das Errichten eines Fahrstreifens für Radfahrer stehen auf der Wunschliste an oberster Stelle; ebenso eine Veränderung der Situation an der Brandruine in Richtung Lug. 2010 kam es auf dem Grundstück zu einem tödlichen Ehedrama mit anschließender Brandstiftung. uhd1