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| 19:09 Uhr

Eine der ältesten Friseurmeisterinnen der Handwerksammer Cottbus legt noch selbst Hand an
Waschen, schneiden - bei Ortrands Friseur-Legende alles Chefsache

Gisela Grau in ihrem Reich. Wer ihr Geschäft betritt, steht zuerst im Herrensalon mit der Original-Ausstattung  ihres Opas Alfred Kundisch aus dem Jahr 1907 - mit dem historischen Rasierstuhl  mit Kopfstütze und den Pumpstühlen, die  der Vater später ins Geschäft holte. Tradition ist für Gisela Grau  wichtig. „Der Herrensalon bleibt wie er ist, solange ich noch bin“, sagt sie potenziellen Käufern bis aus Berlin, die immer wieder einmal bei ihr  vorbeischauen.
Gisela Grau in ihrem Reich. Wer ihr Geschäft betritt, steht zuerst im Herrensalon mit der Original-Ausstattung ihres Opas Alfred Kundisch aus dem Jahr 1907 - mit dem historischen Rasierstuhl mit Kopfstütze und den Pumpstühlen, die der Vater später ins Geschäft holte. Tradition ist für Gisela Grau wichtig. „Der Herrensalon bleibt wie er ist, solange ich noch bin“, sagt sie potenziellen Käufern bis aus Berlin, die immer wieder einmal bei ihr vorbeischauen. FOTO: Rasche FOTOGRAFIE / Steffen Rasche
Ortrand. Eine der dienstältesten Friseurmeisterinnen der Lausitz wäscht mit 80 Jahren den Kunden noch immer den Kopf. Gisela Grau ist nach 66 Berufsjahren eine Institution in Ortrand.

Ob Pilzkopf, Vokuhila, Dutt, Schmalztolle, Pagenkopf, Föhnfrisur oder Dauerwelle: Gisela Grau hat sie alle mitgemacht. Seit 66 Jahren kämmt, schneidet und frisiert die Ortrander Friseurmeisterin ihre Kundschaft in dem Geschäft an der Bahnhofstraße, in dem sie vor 80 Jahren auch geboren wurde. In all den Jahren hat die Chefin so manche Trends und Modesünden kommen und auch wieder gehen sehen.

Gisela Graus Karriere wurde ihr quasi in die Wiege gelegt. Opa Alfred Kundisch hatte 1907 in der Bahnhofstraße 17 den Friseurladen eröffnet. Auch ihre Eltern schwangen als Friseure die Scheren und hatten sich - wo auch sonst - beim Schaufrisieren kennen- und lieben gelernt. Klein Giselas Kindheit war eng mit Opas Laden verbunden. Mit sieben Jahren stand sie als Dreikäsehoch auf Opas Fußbank und kassierte keck die Kundschaft ab. Als Schulmädchen half sie bei der Kopfwäsche. „Es waren schwere Zeiten, da musste ich mit ran“, erinnert sie sich.

Nach den acht Schuljahren wäre sie gern zur Oberschule gewechselt, um Lehrerin oder Bankangestellte zu werden. „Als Handwerkerkind hatte ich da aber keine Chance“, blickt sie ohne viel Wehmut zurück. Sie steigt stattdessen 1952 als Lehrling beim Vater ein, der inzwischen das Geschäft vom Opa übernommen hat.

Dem Familienbetrieb bleibt Gisela Grau ihr Leben lang treu. Viele Jahre als Angestellte beim Vater, 1990 übernimmt sie den Laden schließlich in die eigenen Hände. Auf das 110-jährige Firmenjubiläum hat die Chefin im Vorjahr mit Ehemann Manfred und Mitarbeiterin Viola Meinert angestoßen.

Die Jahre indes sind in der kleinen Frisierstube vergangen wie im Fluge. „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“, fasst Gisela Grau kurz zusammen. In der DDR hatte der private Betrieb des Vaters kaum Chancen zu überleben. „Andere gruppierten sich unter Staatseinfluss zu einer PGH. Wir nicht“, so Gisela Grau. Deshalb musste Gerhard Kundisch nach Dauerwellen, Haarfarben und Haarwasser auf Betteltour gehen. Ziemlich ausweglos war für ihn auch das Beschaffen von Rundbürsten und Föhnen für die damals modern gewordenen Schüttelfrisuren.

Dafür kostete zu DDR-Zeiten der billigste Herrenformschnitt im Friseursalon Kundisch 1,50 Mark. Dafür hätte es in der Kneipe ein paar Häuser weiter auch drei Bier gegeben. Für eine Föhnfrisur zahlten die Damen 8,75 Mark. „Die Geschäftsfrauen saßen bei uns abgeschirmt in eigenen Färbekabinen. Zur Unterhaltung brachten sie sich Zeitschriften mit“, erzählt Gisela Kundisch.

In den guten Jahren waren die acht Bedienplätze - drei im Herrensalon und fünf im Damensalon - von 7.30 bis 20 Uhr nonstop besetzt. Am Ende der DDR, im Sommer 1990, waren alle Angestellten bereits zu PGH’s gewechselt. Im Salon standen damals neben Gisela Grau noch Mutter, Vater und Bruder - ein reiner Familienbetrieb. Den Gisela Grau seit dem 1. Oktober 1990 durch alle Untiefen schifft.

Ein Umbau des Salons kam für sie in all den Jahren nicht in Frage. Sie legt großen Wert auf Tradition. Und genau deshalb sieht es heute im Herrensalon noch genauso aus, als ob Opa Alfred Kundisch den Raum gerade verlassen hat. Die riesigen Spiegel, der Rasierstuhl mit Kopfstütze und die Pumpstühle versetzen die Kundschaft zurück in alte Zeiten.

Schluss mit Kamm und Schere zu machen, das hat Gisela Grau indes noch lange nicht vor. Die heute 80-Jährige steht noch selbst im Laden. Waschen, Färben, Schneiden, Föhnen, Legen - sie hat noch alles drauf, was die Kundschaft wünscht. Wenn das Knie oder die Hüfte mal nicht so mitspielen, dann stützt sie sich auf ihren Stock, bis es wieder besser geht. An manchen Tagen frisiert sie zwei Kundinnen, an anderen vier. „Die Schere lege ich erst aus der Hand, wenn ich umfalle. Ansonsten würde ich krank werden“, so ihre klare Ansage an Ehemann Manfred. Es gibt sogar Kundinnen, die ihr seit ihren Lehrjahren Anfang der 1950er-Jahre die Treue halten.

Haare schneiden solange sie kann - das ist neben dem Tanzen ihr Leben. Wenn es nach Gisela Grau geht, soll sich daran demnächst auch nichts ändern. Auch nicht an ihren Arbeitshänden, wie sie sie selbst nennt. Vom Färben sind alle Fingerkuppen bunt.