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| 01:04 Uhr

Was von der Kohle blieb

Schwarzheide.. Auch mit dem gebührenden Stolz auf wirtschaftliche und wissenschaftliche Leistungen wird in dieser Woche auf ein besonderes Jubiläum geblickt: 70 Jahre chemische Produktion und 15 Jahre BASF am Standort Schwarzheide. Menschen, die Geschichte gemacht und damit auch geschrieben haben, hat die RUNDSCHAU aufgespürt. Teil 3 der Chemie-Geschichte(n) widmet sich der Historie. Von Kathleen Weser


Das Treibstoffwerk
in der Niederlausitzer Heide

Es begann mit der Vorbereitung des Zweiten Weltkrieges. Die weitestgehende Unabhängigkeit Deutschlands von Rohstoff-Importen wurde mit der Machtergreifung Hitlers zum wirtschaftlichen Entwicklungsziel gemacht. Für den Krieg war neben dem eigentlichen Aufbau der Rüstungsindustrie vor allem die Treibstoffversorgung mit Benzin und Diesel unerlässlich. Die weitflächigen Braunkohle-Vorkommen boten sich an. So wurden Forschungsarbeiten zur Hydrierung von Braunkohle, die seit den 20er-Jahren liefen, vorangetrieben und zügig in technische Anlagen umgesetzt. Es lag also auf der Hand, in der Niederlausitz ein Treibstoffwerk aufzubauen.
Die großen Braunkohlegesellschaften lehnten die freiwillige Gründung einer Gesellschaft zu dem Zwecke 1934 im Reichswirtschaftsministerium ab. Zehn Unternehmen - darunter die Ilse Bergbau AG, die Braunkohlen- und Brikettindustrie AG (Bubiag) und die Mitteldeutsche Stahlwerke AG - mussten die Braunkohle-Benzin AG (Brabag) mit Sitz in Berlin mit gründen. Bereits elf Tage vor dem Gründungstag hatte die Planungsgemeinschaft Niederlausitz in Cottbus seine Stellungnahme zur Standortsuche abgegeben. „Es wird die in der Gemeinde Naundorf (Kreis Calau) an der Bahn Ruhland-Lauchhammer, und zwar an der Einmündung dieser Bahn in die Bahnstrecke Ruhland-Senftenberg, gelegene waldbestandene Fläche vorgeschlagen, die zur so genannten Pößnitz-Auswaschung gehört“ , heißt es in zeitgeschichtlichen Dokumenten. Das wurde der Standort für das Brabag-Werk in der Niederlausitz.
Im Gegensatz zu den anderen Treibstofffabriken der Aktiengesellschaft, die Kohle durch Hydrierung unter hohem Druck verflüssigten, wurde für Schwarzheide die Fischer-Tropsch-Synthese gewählt. Demnach wurde die Kohle erst vergast. Daraus entstanden dann ohne Druck an einem speziellen Kontakt die flüssigen Kohlenwasserstoffe Benzin und Dieselöl. Ein außerordentlich kompliziertes und teures Verfahren.
Im Jahr 1943 bezog die Brabag Schwarzheide aus dem Lausitzer Revier 1,3 Millionen Tonnen Briketts. Statt der ursprünglich geplanten 1600 Beschäftigten arbeiteten tatsächlich 4800 Menschen in der Brabag - mit Konsequenzen für Infrastruktur und Wohnraum.
Das Hauptprodukt Benzin blieb von minderer Qualität. Die geplante Fugbenzinproduktion blieb Illusion. Das Dieselöl war jedoch sehr gut und wurde vorwiegend für die Kriegsmarine genutzt. Hoch siedende Nebenprodukte wurden als Rohstoffe für die Waschmittel- und Seifenproduktion verwendet.
Nach den ersten Bombenangriffen auf die mitteldeutschen Treibstoffwerke ab Mai 1944 wurden auf Führerbefehl KZ-Häftlinge zum Bunkerbau und zur Munitionsberäumung eingesetzt. Im Juli begann nach Verlegung der Ostarbeiter aus dem Barackenlager Ost an der Stelle die Errichtung des KZ-Außenlagers Sachsenhausen. Von den 1000 Häftlingen, die nach Schwarzheide gebracht wurden, haben vermutlich nur 227 das Kriegsende erlebt.

Die russische Besetzung
des Werkes

Die Rote Armee besetzte am Abend des 21. April 1945 kampflos das praktisch menschenleere und von Bomben schwer zerstörte Werk. Die Brabag wurde zur Kriegsbeute erklärt. Nach Übereinkunft der Alliierten sollen eigentlich alle kriegswichtigen Betriebe - wozu das Treibstoffwerk zweifelsfrei gehörte - zerstört werden. Den westlichen Mächten fiel das nicht schwer, konnten sie doch auf Erdöl zurückgreifen. Die Rote Armee konnte die Militärmaschinerie jedoch wegen der langen Transportwege nicht schnell versorgen. Der synthetische Treibstoff wurde für die Panzer gebraucht. Deshalb wurde alles in Schwarzheide der Wiederaufnahme der Produktion untergeordnet. Im zerbombten Werk keine Kleinigkeit. Bereits im Mai 1945 arbeiteten schon wieder 350 Menschen im Werk. Es wurde kein Lohn gezahlt. Erst nach Klageeinreichung 1947 durch den Betriebsrat zahlte die Landesregierung Brandenburg die ausstehenden Summen gegen Jahresende 1948 nach. Arbeitskräfte waren ein Problem: Ein Großteil der Chemiker, Ingenieure, Meister und Facharbeiter war im Krieg geblieben. Ab Ende der 40er-Jahre zog der sich ausdehnende Braunkohlebergbau die Menschen wegen der besseren Verdienste aus dem Werk. Im August 1946 wurde die Brabag Schwarzheide als Reparation (Wiedergutmachung) in den Besitz der Sowjetunion übernommen und als Betrieb der sowjetischen Aktiengesellschaft (SAG-Betrieb) weitergeführt. Bis 1953 wurde der Wiederaufbau durch die Sowjets - nach deren Bedürfnissen - fortgesetzt. Dann entschied die Regierung in Moskau, die letzten 33 SAG-Betriebe, zu denen auch Schwarzheide gehörte, an die DDR-Regierung zu übergeben.

Der Wandel zum
chemischen Großbetrieb

Der Name VEB Synthesewerk Schwarzheide wurde dem Werk am 1. Januar 1954 gegeben. An der inneren Struktur änderte sich zunächst nichts. Lediglich die russische Werkleitung wurde aufgelöst. Guter Rat war teuer. Die Kriegsschäden waren nicht vollständig beseitigt, die Anlagen waren alt, das von Anfang an unrentable Produktionsprofil und die Nebenerzeugnisse befanden sich auf dem absteigenden Ast. Denn inzwischen wurde schon Besseres angeboten. Geld fehlte, denn die Sowjets hatten Gewinne und Abschreibungen kassiert. Bis auf die Chlorparaffine als Weichmacher für den Kunststoff PVC hatten alle Produkte schon Mitte der 50er-Jahre ihre Bedeutung für das Werk verloren. Und die Synthese-Grundprodukte konnten selbst unter DDR-Bedingungen nur mit Verlust hergestellt werden. Hoffnungslosigkeit zeichnete die Lage. Von den 40 Chemikern und Technikern in der Forschung und Entwicklung bis Kriegsende war 1953 keiner mehr da. Hier arbeiteten nur noch zwei Chemiker , die als Umsiedler ins Werk gekommen waren. Damit konnten keine neuen Themen angefasst werden. Trotzdem setzten die ersten Entwicklungsarbeiten ein. Mit nur wenig verfügbaren Arbeitskräften und äußerst schlechten Bedingungen für den Bau von Versuchsanlagen.
Die bestehende Syntheseanlage wurde ab 1954 zielstrebig auf Erdölverarbeitung umgestellt. So entstand in Schwarzheide eine „Kleinst-Raffinerie“ , die einen Gewinn abwarf. Doch am finanziellen Desaster änderte auch das nichts. Die wenigen noch verbliebenen alten Führungskräfte, noch auf Kohlebasis ausgebildet, resignierten. Doch mit Absolventen der Universitäten und Hochschulen kamen hoch qualifizierte junge Leute ins Werk. Die Erzeugung von Kunststoffen und synthetischen Fasern wurden 1958 im Chemieprogramm zu einem Eckpfeiler der DDR-Entwicklung gemacht. Damit begann der Abgesang der Fischer-Tropsch-Synthese, die 1968 stillgesetzt werden sollte, dann aber doch noch bis 1972 lief. Zehn Jahre höchster Improvisationskunst folgten, als die alte Produktion nach und nach abgeschafft und zeitgleich die neue aufgebaut wurde. Dabei war am Anfang völlig unklar, was in Schwarzheide überhaupt produziert werden sollte. 1958 war das Werk VVB Mineralöle und organische Grundprodukte Halle zugeordnet worden. 1970 der VVB Agrochemie und Zwischenprodukte. In vielen Betrieben gab es vorbereitete Pr ojekte und fast fertige Forschungsvorhaben, die an den Standorten nicht umgesetzt wurden. Schwarzheide war der Kandidat. Zentral war festgelegt, dass 1966 die Herbizidfabrik ihre Arbeit aufnehmen würde. Die Mangelwirtschaft in der DDR verzögerte das. Verzögerungen am Bau, fehlende Leute und Material - und im Werk verstanden die Leute von Herbiziden so viel wie ein Schuhmacher vom Brotbacken. Trotzdem wurde es geschafft. Der DDR-Polyurethankomplex folgte, der dann mit Partnern aus dem kapitalistischen Ausland entwickelt wurde, damit die SYS-Produkte weltmarktfähig wurden. Die gesamte Anwendungstechnik konnte nur in einer Firma in der Bundesrepublik, die Elastrogran Lemförde, beschafft werden. Diese wurde kurze Zeit nach dem Vertragsabschluss von der BASF AG übernommen. Zusammen mit dem Basiswissen wurde auch eingekauft, dass die Verfahren zehn Jahre nach Vertragsabschluss zum Eigentum des Werks wurden. Im Blick auf das, was 1990 kam, ein wahrer Gl ücksgriff.

BASF Schwarzheide - die Neugeburt des Chemie-Standortes
Das Wirtschaftssystem der DDR war Ende der 80er-Jahre offensichtlich zusammengebrochen. Es galt, den Industriestandort zu erhalten. Schon Ende Januar 1990 begannen Gespräche zwischen der BASF und dem Synthesewerk über eine engere Zusammenarbeit. Im Juni unterbreitete der Chemie-Riese vom Rhein der Treuhand ein Kaufangebot für das Werk Schwarzheide. Im Oktober wurde die Übernahme besiegelt. Seit mehreren Monaten bestand im Werk schon eine wirksame Arbeitnehmervertretung. Der Betriebsrat redete so ein gewichtiges Wörtchen mit. Das Kombinat wurde aufgelöst, Einzel-Kapitalgesellschaften gründeten sich. Die BASF erwarb nur den Standort Schwarzheide. Der Zusammenbruch des DDR-Binnenmarktes berührte das Werk kaum. Die Polyurethan-Produkte konnten ohne größere Probleme auf dem westlichen Markt abgesetzt werden. Bis zur Übernahme wurde die Beschäftigtenzahl von 5400 auf 4800 reduziert. Seit 1977 hatte das Synth esewerk zwar blendende Gewinne eingefahren. Doch wie die gesamte DDR-Wirtschaft war auch das Synthesewerk zur Wende über die Staatsbank auf Kredit finanziert. Das Werk war allein nicht lebensfähig. Denn das erwirtschaftete Geld war im bodenlosen Staatssäckl verschwunden.
Am 30. November 1990 wurde das Unternehmen namensändernd in die BASF Schwarzheide GmbH umgewandelt. Die „Perle der Ost-Chemie“ war mit westdeutschen Augen gesehen ein „Aschenputtel“ . Die Herbizidproduktion wurde nicht fortgeführt. Der Personalabbau brachte die Stimmung auf den Nullpunkt. Nur 2000 Beschäftigte sollten bleiben, 2800 waren damit zu viel. Zahlreiche Bereiche und Gewerke wurden ausgegründet. Auf diese Weise entstand in Schwarzheide innerhalb kürzester Zeit ein umfangreicher Mittelstand. Etwa 1000 ehemalige Werksangehörige fanden so neue Jobs. Vor weiteren 900 Menschen stand der Weg in die Arbeitslosigkeit. Bittere menschliche Schicksale sind damit verbunden. Und trotzdem ist die BASF-Übernahme eine Erfolgsgeschichte. Denn der Konzern hat alle für Europa geplanten Investitionsvorhaben, soweit sie nicht von Verbundstrukturen abhängig waren, auf ihre Realisierbarkeit in Schwarzheide geprüft - und ist damit der Job-Motor der Lausitz überhaupt.

Hintergrund Die Geschichte des Werks Schwarzheide
 Die geschichtliche Betrachtung des Werks Schwarzheide „Was von der Kohle blieb“ hat Autor Hans-Joachim Jeschke allen Menschen gewidmet, „die das Werk in der Heide schufen, den Wandel vom Kohleveredler miterlebten, die den Wiederaufbau bewerkstelligten und die nach der Wende bei der Neugeburt mitwirkten - kurz all denen, die über die Generationen hinweg zum Leben dieses großen Industriebetriebes ihren Beitrag leisteten.“