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Was ist normal?

Ich stehe auf dem Friedhof, grüße in Gedanken die Freundin, vor deren Grab ich stehe. Mir fehlt sie, ihre guten Worte, ihr ansteckendes Lachen.

Und ich weiß: Bei Gott hat sie nun ein neues Zuhause gefunden, ohne Schmerz und Zweifel, friedlich, voller Lebendigkeit. In einiger Entfernung stehen ein Kind und seine Oma. Sie haben einen Blumenstrauß auf das Grab gestellt. Der Kleine ist nachdenklich. "Opa sieht doch von den Blumen nur die Stiele." Oma schweigt, ringt nach Worten, sagt dann: "Opa ist doch tot. Der sieht nichts mehr." Und als die Trostlosigkeit ihrer Worte bei ihr selbst ankommt, fügt sie hinzu: "Der Opa ist jetzt im Himmel" und zeigt in die Wolken.

Einige Tage später kommen wir ins Gespräch. Ihr Enkelkind ist gerade in die Schule gekommen. Ob das Kind und seine Eltern kirchlich sind, frage ich. Ihre Antwort ist spontan "Nein, die sind normal." - und wie entschuldigend "also nicht religiös." Was ist normal? Der Duden zeigt die Definition: "der Norm entsprechend; vorschriftsmäßig". Wessen Vorschrift entspricht diese "Normalität"?

Die Geschichte der Menschheit macht deutlich, dass Menschen religiös sind. Schon vor Millionen von Jahren haben unsere Vorfahren ihre Toten so bestattet: Sie glaubten an ein Weiterleben nach dem Tod. Sie haben gewusst, dass wir nicht alles erklären und erfassen können und dass unsere Welt viel größer und weiter ist, als das, was wir sehen und messen können. Und diese Gewissheit trägt auch heute die große Mehrheit. Ist ein Leben ohne Glauben normal? Ich finde, die kleine Szene am Grab spricht eine andere Sprache. Für den Jungen ist - wie für jedes Kind in diesem Alter - ganz klar, dass der Tod nicht das Ende ist. Und seine Oma spürt nach ihrer ersten "der Norm entsprechenden" Antwort, dass diese nicht trägt, trost- und hoffnungslos ist. Ich bin meinen Eltern und Großeltern dankbar, dass in meiner Kindheit der Glaube an Gott "normal" war. Dass Gott ganz selbstverständlich auch zu Ihrem Leben dazugehört und Sie die ermutigende und tröstliche Kraft des Glaubens erleben, das wünsche ich Ihnen.