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| 02:39 Uhr

Was die "Blutegel der Forsten" so trieben

Senftenberg. Als "Geißel der Bauern" bezeichnet Prof. Günter Bayerl, Inhaber des Lehrstuhls Technikgeschichte an der Brandenburgischen Technischen Universität (BTU) Cottbus-Senftenberg, die Streunutzung durch die Landbevölkerung im Wald. Torsten Richter

Denn ab dem 17. Jahrhundert zogen die Bauern in die damals ohnehin schon durch Holzknappheit arg zugesetzten Forsten und harkten die Nadelstreu zusammen. Die Kiefernnadeln wurden als Einstreu für die Tiere auf dem heimischen Hof verwandt. Der Wald präsentierte sich anschließend zwar akkurat geharkt. Doch Gefallen an dem Prozedere fanden die Bäume keineswegs. Im Gegenteil: Denn durch den Entzug von Kiefer- und teilweise auch Laubstreu verschwanden lebenswichtige Nährstoffe. So mussten die Gehölze teilweise mit dem blanken Mineralboden vorlieb nehmen. Das blieb nicht ohne Folgen - dem Wald ging es zunehmend schlechter. Die Bäume wuchsen nur noch kümmernd. Manche starben ab.

Kein Wunder, dass der Obrigkeit dieses Treiben nicht passte. Günter Bayerl berichtet von Verboten für die Bauern, die besagten, dass überschüssige Streu nicht auf den Märkten Lausitzer Städte wie Cottbus oder Spremberg verkauft werden durfte. "Dabei machten es später einige Förster selbst", so Bayerl. In der Herrschaft Muskau wurden ab 1804 die Wälder für Streuholer "verschlossen". Die Bauern erhielten damals wenig schmeichelhafte Bezeichnungen, beispielsweise "Blutegel der Forsten".

Darüber hinaus gibt es bis heute die sogenannten Bauernwälder. Diese Grundstücke wurden einst an die Bauern verschenkt. Die Landbevölkerung holte sich dort alles heraus, was sie so zum Leben brauchte - Holz zum Bauen oder Verbrennen, Streu, Honig, Beeren und manches mehr. . Mancherorts wurden auch die Schweine hineingetrieben. Sie fraßen sich besonders an Eicheln und Bucheckern satt. Nebenbei schupperten sie sich an den Bäumen, die dadurch bleibende Schäden zurückbehielten. Im Spreewald wurden noch vor 40 Jahren die Borstentiere in den Wald eingetrieben. Bauernwälder sind heute insbesondere an ihren alten, meist ziemlich krummen und verzwieselten Bäumen und der teils sehr armen Bodenflora erkennbar. Dafür gelten sie im Sommer und Herbst als pilzreich. Reste von Bauernwäldern existieren beispielsweise am Heideradweg zwischen Kroppen und Zeisholz unmittelbar am Rand des einstigen Truppenübungsplatzes Königsbrücker Heide.

Auch das Lausitzer Seenland kann mit diesem Phänomen auftrumpfen. Nur ein paar Hundert Meter südlich von Partwitz wächst auf einer Düne ein Bauernwald. Laut der These von Günter Bayerl geht es dem Wald immer dann gut, wenn der Mensch leidet. Als Paradebeispiel verweist der Wissenschaftler auf den 30-jährigen Krieg (1618-1648). Durch die Kampfhandlungen, die auch die Lausitz berührten, kämpfte die Bevölkerung ums nackte Überleben und hatte keine Zeit, sich um den Wald zu kümmern. So konnte sich dieser regenerieren und wieder ausbreiten.

Später setzte sich dann die geregelte Forstwirtschaft durch. Galt ihr Interesse zunächst den monotonen holzbringenden Altersklassenwäldern, die in der Lausitz zumeist nur aus Kiefern bestanden, kam es später zu einem Umdenken.

Heute haben sich die Förster den Aufbau eines vitalen Mischwaldes auf die Fahnen geschrieben. Übrigens auch im Lausitzer Seenland: Auf den Flächen des gleichnamigen Naturschutzgroßprojektes wächst seit knapp einem Jahrzehnt ein Kiefern-Eichen-Wald heran, der hier und da auch Linden sowie weitere Baumarten beinhaltet. So ähnlich dürfte der Wald auch ganz ohne Zutun des Menschen in dieser Gegend aussehen.