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| 17:12 Uhr

Umweltgift im Eisenhydroxidschlamm
Warnung vor Arsen im Lausitzer Eisenocker

 Der Eisenhydroxidschlamm wird in Geotubes gepresst, um dann entsorgt zu werden.
Der Eisenhydroxidschlamm wird in Geotubes gepresst, um dann entsorgt zu werden. FOTO: LR / Annett Igel-Allzeit
Senftenberg. Der rostbraune Lausitzer Eisenschlamm macht seinem üblen Ruf alle Ehre: Wissenschaftler haben erhöhte Giftkonzentrationen nachgewiesen. Brandenburgs Vize-Nabu-Chef warnt davor, das Material ausgerechnet in den streng geschützten Meuroer See zu kippen. Von Jan Augustin

Wo nur hin mit dem rostbraunen Eisenschlamm der Lausitz? In Tagebauseen, auf Deponien an Land oder als Dünger in die Erde? Die einzig wahre Lösung ist noch nicht gefunden. Beim Umgang mit dem Eisenhydroxidschlamm (EHS) verfolgt die Lausitzer und Mitteldeutsche Bergbau-Verwaltungsgesellschaft (LMBV) bisher und auch künftig die Strategie, „den EHS-Anfall prioritär zu vermeiden, vorrangig zu verwerten sowie nachrangig zu verbringen“. Das bestätigt LMBV-Sprecher Uwe Steinhuber mit.

Eine Überlegung dabei ist auch, das Material in strukturschwache Böden einzuarbeiten, um die Ertragsfähigkeit zu verbessern. Eine Anregung dazu kommt von der Universität Potsdam. Zwar ist dieses Pilot- und Demonstrationsvorhaben noch nicht abgeschlossen. Die Genehmigungsfähigkeit wurde aber geprüft und grundsätzlich bestätigt, so Steinhuber. Der bergrechtliche Genehmigungsantrag für durchzuführende Pflanzversuche sei erarbeitet und im vergangenen Jahr eingereicht worden.

Werner Kratz macht das Kopfzerbrechen. Der 69-Jährige war von 1998 bis 2012 Abteilungsleiter im Brandenburger Landesumweltamt. Heute ist er Privatdozent an der Freien Universität Berlin und zweiter Vorsitzender des Naturschutzbundes Brandenburg. Kratz war vor vier Jahren auch einer der schärfsten Kritiker, als es um die Eisenocker-Einspülpläne für den Altdöberner See ging. Jetzt ist er wieder beunruhigt. Eine unter anderem von ihm betreute und vor wenigen Tagen publizierte Masterarbeit über den in der Lausitz anfallenden Eisenhydroxidschlamm kommt zu einem aus seiner Sicht besorgniserregendem Ergebnis.

 Werner Kratz ist stellvertretender Vorsitzender des Naturschutzbundes Brandenburg.
Werner Kratz ist stellvertretender Vorsitzender des Naturschutzbundes Brandenburg. FOTO: Nabu Brandenburg / David Wagner

Die Autorin der Masterarbeit Friederike Meier schreibt in ihrer Zusammenfassung, dass in allen von ihr genommenen Proben erhöhte Schadstoffkonzentrationen gemessen worden sind. Vor allem Arsen mit bis zu 106,5 Milligramm je Kilogramm, Kadmium (bis zu 5,44 mg/kg) sowie bei manchen Proben Nickel und Zink sollen die Vorsorgewerte der Bundesbodenschutzverordnung überschritten haben. „Frau Meier hat in ihre Masterarbeit nicht die Gesamtgehalte bestimmt, sondern die potenziell bioverfügbaren Anteile“, erklärt Kratz. Das wäre der Anteil, der von Pflanzen und Fischen aufgenommen werden könnte. Daher sei es rechtlich auch nicht zulässig, diese Schlämme als Zutaten ungeprüft für Pflanzsubstrate zu verwenden.

Die von der LMBV mit einer anderen Messmethode gemachten Proben kommen dann auch zu einem anderen Ergebnis: „Bei den EHS-Beprobungsergebnissen aus den Jahren 2013 bis 2018 wurden keine gefahrrelevanten Schadstoffbelastungen festgestellt“, teilt LMBV-Sprecher Uwe Steinhuber mit. Die abfallrechtliche Bewertung und Einstufung des EHS sei ausnahmslos als nicht gefährlicher Abfall erfolgt.

 Der künftige Meuroer See hat bis zum Jahr 2025 noch einen erheblichen Sanierungsaufwand. Ob dann Ockerschlamm auf den Seegrund eingelagert wird, ist derzeit noch offen.
Der künftige Meuroer See hat bis zum Jahr 2025 noch einen erheblichen Sanierungsaufwand. Ob dann Ockerschlamm auf den Seegrund eingelagert wird, ist derzeit noch offen. FOTO: LR / Jan Augustin

Das bestätigt auch das für die Bergbausanierung federführende Brandenburger Landesbergamt (LBGR). Die Masterarbeit sei bisher nicht bekannt gewesen. Wie Dezernatsleiter Uwe Neumann mitteilt, liegen die genannten Werte aber im Bereich der auch beim LBGR vorliegenden Untersuchungsergebnisse. Egal aber – ob nun in den Boden oder ins Wasser – es muss immer die Vorbelastung des bergbaulich geprägten Seewassers sowie des umgebenen Grundwassers mit einbezogen werden, erklärt der Experte für Montanhydrologie. Diese Vorbelastung sei bei einigen Tagebauseen relativ hoch, auch im Bereich des Restloches Westmarkscheide, also dem Meuerer See. Bei einem Einspülen müsse sichergestellt sein, dass sich keine der im EHS relativ fest an das Eisen gebundene Stoffe im See wieder lösen, sagt Uwe Neumann. EHS gehe mit vorkommenden Schwermetallen eine relativ stabile Verbindung ein. Die Schwermetalle seien damit weitestgehend immobil. In einem noch zu führenden Genehmigungsverfahren sind diese Anforderungen zu prüfen, betont Neumann. Voraussichtlich werden daher Kriterien für bestimmte Stoffe festgelegt werden. „Bei Überschreitungen erfolgt kein Einspülen, sondern weiterhin die fachgerechte Entsorgung durch zertifizierte Entsorgungsbetriebe“, so Neumann.

Dozent Werner Kratz betont indes, dass die von ihm und seinem Wissenschaftler-Team in der Lausitz genommenen und an einem Berliner Universitätslabor ausgewerteten Proben eine hohe Qualität besitzen. Für ihn steht fest: Eisenhydroxidschlamm in Verbindung mit Arsen hat nichts im Boden zu suchen, auch nicht auf dem Grund des künftigen Meuroer Sees bei Schipkau.

Die LMBV prüft aber weiter, ob bergbauliche Flächen geeignet sind, um den Ockerschlamm zu entsorgen – ohne aber einer Einengung auf genau dieses Restloch, betont Uwe Steinhuber. Eisenhydoxidschlamm wird seit vielen Jahren in Tagebaurestlöcher gespült. Allein der Spreetaler See hat nach LMBV-Angaben seit 1998 mehr als 20 Millionen Kubikmeter Schlamm aufgenommen. Auch der Sedlitzer See, der im Tourismuskonzept des Lausitzer Seenlandes eine wichtige Rolle spielt, hat große Mengen Eisenocker geschluckt, die nun an seinem Grund liegen.

Pikant beim Meuroer See sind zudem die Eigentumsverhältnisse. Denn das Areal gehört der Stiftung Naturschutzfonds Brandenburg und hat eine Ausgleichsfunktion für den Bau des Lausitzrings. Deren Geschäftsführer Bernhard Schmidt-Ruhe ist sich des Eisenschlamm-Problems bewusst. „EHS in Gewässern ist ein Problem, das erhebliche Auswirkungen auf die Natur der Gewässer hat und daraus entfernt und möglichst ohne weitere Schäden beseitigt werden muss“, teilt er mit. Mit dem Restloch habe der Naturschutzfonds aber eine Fläche, die für die Verbringung des EHS geeignet sein könnte. In einem geordneten Planverfahren müsse das geklärt werden. Dargelegt werden müsse zudem, wie die Kompensationsfunktion erhalten oder ersetzt werden kann. Nur im Zusammenhang mit diesen Fragen kann entschieden werden, ob ein Verkauf der Fläche an die LMBV eine geeignete Möglichkeit sein kann, erläutert Bernhard Schmidt-Ruhe. Der Geschäftsführer betont: „Der Naturschutzfonds arbeitet intensiv und in enger Kooperation mit den anderen Beteiligten an dem Thema.“ Ein Zeitplan sei aufgrund der Komplexität des Sachverhalts, der notwendigen Abstimmungen und einzuhaltender Verfahren und Abläufe noch nicht festgelegt worden.

Werner Kratz findet für diese Ideen deutliche Worte: „Das geht nicht und verstößt gegen Umwelt- und Naturschutzgesetze“, schimpft er. Außerdem dürfe das Vorhaben nicht ohne der Bevölkerung „klammheimlich“ vorangetrieben werden. Einen Lösungsansatz, wie mit dem unliebsamen Schlamm umgegangen werden sollte, bietet aus seiner Sicht eine Zertifizierung des Materials. Wenn genau bekannt sei, wie stark EHS mit Schwermetall belastet sei, könne auch über die passende Verwertung entschieden werden. Hochkontaminiertes Eisenocker müsse einer ordnungsgemäßen Deponierung zugeführt werden, etwa in unterirdischen Salzstöcken. „Sollte sich der Naturschutzfonds trotz dieser Argumente dennoch für eine Verbringung des EHS in den Meurosee aussprechen und entsprechende Verträge mit der LMBV eingehen, beziehungsweise der LMBV diese Flächen übertragen, empfehle ich, dass die Umweltverbände und betroffene Bürger mit allen ihnen zur Verfügung stehen Mitteln dieses nicht umweltverträgliche Projekt zu Fall bringen.“ So wie damals beim Altdöberner See, sagt Werner Kratz.