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| 02:44 Uhr

Wandmalerei im Jugendstil entdeckt

Martina Dürrschmidt (l.) holt die alte Jugendstil-Wandmalerei in die neue Zeit zurück.
Martina Dürrschmidt (l.) holt die alte Jugendstil-Wandmalerei in die neue Zeit zurück. FOTO: Steffen Rasche/str1
Senftenberg. Restauratorin Martina Dürrschmidt geht das Herz auf in der alten gute Stube der Drogerie Strotzer. Das Wohn- und Geschäftshaus am Jüttendorfer Anger in Senftenberg, einem Haupteingang zur historischen Innenstadt, wird derzeit denkmalgerecht saniert und erweitert. Unter alter Wandfarbe sind überraschend großflächige Malereien im Jugendstil aufgetaucht. Kathleen Weser

In kräftigen Farben lässt Martina Dürrschmidt, Restauratorin aus Großräschen, in der guten Stube der Drogerie Strotzer jetzt eine wiederentdeckte Wandmalerei im Jugendstil in alter Gemütlichkeit neu erstrahlen. Reste einer Rahmung hatte die Expertin bereits bei der Untersuchung des Raumes, in dem Deckenstuck-Elemente erhalten werden, gefunden. Bauherr Mario Klemann hatte zwar geplant, die plastischen alten Schätze von einer Innenarchitektin durch eine moderne Wandgestaltung ergänzen und so neu in Szene setzen zu lassen. Nach dem überraschenden Fund steht aber für den Unternehmer fest: Die floralen Ornamente aus Blättern und dekorativ geschwungenen Linien werden den Gesellschaftsraum, die künftige Kochschule, wieder zieren. Dafür darf Martina Dürrschmidt jetzt frei Hand anlegen. Denn die mühsam mechanisch, also ganz sanft feucht freigelegten Malereien sind nicht mehr vollständig erhalten. Sie müssen ergänzt werden. Und das ist eine Arbeit ganz nach dem Geschmack der Restauratorin.

"In dem Umfang sind Jugendstilmalereien in unserer Gegend höchst selten", erklärt sie. "Sie in Senftenberg wieder zu haben, ist einfach nur schön", erklärt Martina Dürrschmidt strahlend. Preußische Gründlichkeit beim Renovieren habe viele Malereien und Tapeten des Jugendstils vernichtet. Die Restauratorin schätzt deshalb die Handwerker, die früher weniger sorgsam gearbeitet haben, besonders. Denn nur sie erhöhen ihre Chancen, noch fündig zu werden. Lachend berichtet Martina Dürrschmidt von einem äußerst anstrengenden Auftrag im Potsdamer Kabinetthaus. Fast vier Wochen lang hatte sie 70 Räume untersucht und nur zwei Befunde entdeckt. In einem der geschichtsträchtigen Räume der Kronprinzenwohnung, in dem der spätere König Friedrich Wilhelm III. und vermutlich auch Alexander von Humboldt geboren worden waren, hatte die Großräschenerin eine blaue Spur an der Wand gefunden - mit geschwungenen Linien. "Aber ich hatte mich zu früh gefreut. Mühsam habe ich nur einen Tintenklecks freigelegt, der wahrscheinlich aus der Zeit der Kadettenschule stammte, die später hier untergebracht war", erzählt die Restauratorin. Denn dem Federhalter des großen deutschen Naturforschers war der schnöde Fleck an der Wand nicht zwingend zuzuordnen.

Die großflächige Senftenberger Wandmalerei mache da schon deutlich mehr Freude. Der Jugendstil sei stark an der vielgestaltigen Natur orientiert. "Die Malererei hier ist lebendig und strahlt trotzdem Ruhe aus. Diese Harmonie schafft im Raum eine besondere Atmosphäre und wird zumindest vom Unterbewusstsein der Gäste auch so aufgenommen", zeigt sich Martina Dürrschmidt sicher. Gemeinsam mit Sohn Andreas Beese, der derzeit das Blattgold auf den Decken stuck aufträgt, arbeitet die Restauratorin nun auch unter Zeitdruck daran, die freigelegten Reste der Wandbilder zu restaurieren. Denn der Bauherr will die Gaststätte im Oktober eröffnen.

Zum Thema:
Das Gebäude der Drogerie Strotzer am Jüttendorfer Anger stammt aus dem Jahr 1905. 1948 hatte der stadtbekannte Drogerist das Geschäft von seinem Lehrmeister Max Hensel übernommen und bis Ende der 90er-Jahre geführt. Viele Jahre stand das Wohn- und Geschäftshaus dann leer. Der Senftenberger Unternehmer Mario Klemann lässt das Wohn- und Geschäftshaus denkmalgerecht sanieren und erweitern. Im Erdgeschoss entsteht eine Gastronomie mit regionaler Küche und bis zu 60 Plätzen. In der ersten Etage werden alte Zimmer mit denkmalgeschützten Stuckdecken zum Gesellschaftsraum umgebaut. Für Wohnungen, die über einen Aufzug barrierefrei erreichbar werden, wird auch das Dachgeschoss ausgebaut.