| 02:54 Uhr

Vom Sehen

Der morgige Sonntag hat in der christlichen Tradition den Namen "Oculi". Die Bezeichnung geht auf den Eingangspsalm der mittelalterlichen Liturgie zurück: "Oculi mei semper ad Dominum" ("Meine Augen schauen stets auf den Herrn") Worte des Dankes verbinden sich mit der Bitte um Gottes Hilfe in Angst und Not.

An diesem Sonntag klingt in allen Texten das Thema Nachfolge an. Darum hören wir die Geschichte von Elia, dem streitbaren Propheten. Eine faszinierende Figur in der Bibel im Buch der Könige. Die meisten dieser Könige waren korrupte, brutale Herrscher und Mörder, die nicht Gottes Willen taten. Über die Hälfte starb darum selbst keines natürlichen Todes.

Als Kind hab ich diese Geschichten gern gelesen. Die waren genauso spannend wie die Indianergeschichten. Zugleich sind es natürlich Zeugnisse großer Intoleranz. Die Königin Isebel hing anderen Gottheiten wie Baal und Aschera an und lässt alle Propheten des Gottes Israels töten. Im berühmten Gottesurteil am Karmel zeigt sich Elia nicht minder brutal. Als die Priester der Isebel ihren Baal nicht bewegen konnten, den Stier auf dem Altar zu entzünden, so sehr sich auch die Haut aufritzten, bis das Blut floss, schaffte es Elia in einer spektakulären Aktion. Da fiel das Feuer des Herrn herab und entzündete das nasse Holz. Elia aber tötete alle 450 Baalspriester am Bach Kichon.

Sicherlich, das war keine gewaltfreie Lektüre für einen zehnjährigen Jungen. Doch, was sehen die Kinder heute? Nun schwor Isebel Rache. Elia verzagte. Er hatte Angst und versteckte sich am Rand der Wüste unter einem Wacholder. Erschöpft und ermattet schläft er ein. Aber Gott lässt den Wacholder groß werden und Schatten spenden und ein Engel stellte ihm Wasser und Brot hin.

An dieser Stelle wird die Geschichte menschlich und konkret. Fallen uns Erlebnisse ein, wo wir ganz unten waren? Wo ist ihnen so ein Engel Gottes erschienen? Wann sind sie vielleicht für einen anderen Menschen zum Engel geworden?

Religiöse oder kulturelle Intoleranz erleben wir heute überall auf der Welt. Sei es in der Ukraine, in Syrien oder in Zentralafrika. Doch die Bibel erzählt noch mehr. Wir sind nicht allein. Da ist einer, der über uns wacht. Da ist manchmal auch ein Engel auf unserem Weg und wir können anderen zum Engel werden.

Mein Gott, auf dich hoffe ich. Meine Augen sehen stets auf dich.

*Pfarrer in Klettwitz