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| 02:49 Uhr

Vom Arbeitsamt an den Pokertisch

Karten und Chips, das ist die Arbeitswelt des Cottbusers Andreas Stelter. Wie er sagt, ein schöner, aber auch knochenharter Job.
Karten und Chips, das ist die Arbeitswelt des Cottbusers Andreas Stelter. Wie er sagt, ein schöner, aber auch knochenharter Job. FOTO: privat
Poker – Millionen Menschen spielen es im Internet. Millionen Euro können an einem Abend an einem Tisch erspielt werden. Der Cottbuser Andreas Stelter (34) ist in der Welt der Karten und Chips zu Hause. In der RUNDSCHAU erzählt er über seinen Job am Tisch, den Traum vom Reichtum und gibt Tipps für einen erfolgreichen Pokerabend. Daniel Steiger

Herr Stelter, wie sind Sie beim Pokern gelandet und wie wurde das zu Ihrem Beruf?
Zum Pokern bin ich 2006 kurz nach der Fußball-WM gekommen. Da habe ich zu Hause damit angefangen. 2007 haben wir mit einem guten Freund unter dem Namen Poker-Day den größten Pokersachpreis-Anbieter Ostdeutschlands aufgebaut. Im Jahre 2009 wurden einige Gesetze in Deutschland geändert, und damit war dieses Geschäftsmodell nicht mehr möglich. Da bin ich nach Österreich gegangen und habe in Wiener Neustadt meine Ausbildung zum professionellen Pokerdealer gemacht.

Das ist eine richtige Ausbildung?
Das ist ein Kurs, dafür musste man sich bewerben. Der Kurs ging dann zehn Wochen lang und hat 1500 Euro gekostet. Das wurde sogar vom Arbeitsamt gefördert. Und seitdem bin ich hier.

Und Sie arbeiten jetzt in einem richtigen Casino?
Das nennt sich hier Card-Casino. Das war damals der größte Cardclub Europas. Wir hatten mehr als 70 Pokertische bei uns stehen. Es gibt bei uns kein Roulette, Blackjack oder so was.

Was braucht man denn, um ein guter Pokerdealer zu sein?
Spaß und Interesse am Spiel ist das Wichtigste überhaupt. Dir sitzen halt immer neun, zehn Spieler gegenüber, schauen dir auf die Hände, schauen dir ins Gesicht, stellen dir Fragen. Und wenn sie dir ansehen, dass du an dem Spiel keinen Spaß hast, ist das doof für alle. Ansonsten braucht man zwei geschickte Hände beim Kartenmischen und Kartenausteilen. Und Konzentration über die komplette Zeit am Tisch.

Über wie viele Stunden reden wir da?
Im Schnitt fange ich hier bei Poker Royal in Wiener Neustadt gegen 18, 18.30 Uhr an zu arbeiten. Wir sind insgesamt 20 Kollegen, davon arbeiten im Schnitt zwölf an jedem Tag. Und je nachdem, was man für eine Schicht hat und wie viel los ist im Casino, arbeite ich bis zwischen 3 und 6 Uhr in der Früh. Es kann aber auch mal sein, dass es noch länger geht. Da können auch mal 15, 16 Stunden am Tag zusammenkommen.

Wie halten Sie sich denn da wach?
Alle halbe Stunde muss eh der Dealer seinen Tisch wechseln. Der Hauptgrund ist, damit kein Spieler sagen kann, dass er von einem Dealer ständig benachteiligt wird oder so. Und entweder geht der Dealer dann gleich an den nächsten Tisch oder hat halt seine regelmäßigen Pausen. Das geht dann schon mit der Konzentration.

Beschreiben Sie doch mal bitte genau Ihre Aufgabe an einem Pokertisch.
Ich mache das mal am Beispiel Turnierpoker. Wir bereiten die Chips für den Tisch vor. Jeder Spieler muss einen Betrag zwischen 20 und 60 Euro bezahlen, um mitspielen zu können. Dafür bekommt jeder Spieler die gleiche Anzahl an Chips. Dann setzen wir uns an die Tische und nehmen die Spieler in Empfang. Diese haben ein Ticket in der Hand. Darauf steht genau, wo der Spieler sitzen muss. Und schon geht es los. Ich mische die Karten und gebe in Uhrzeigerrichtung aus. Dann scheidet mal ein Spieler aus, ein neuer nimmt dessen Platz ein, und so geht das die ganze Nacht.

Wer kommt denn zu Ihnen pokern?
Wirklich einmal quer durch alle Schichten - vom 18-jährigen Schüler bis zum 81-jährigen Rentner, es spielen Arbeitslose, Anwälte, Autohändler, eigentlich jeder. 80 Prozent sind Hobbyspieler, der Anteil von Profis ist in anderen Casinos höher. Es ist einfach sehr angenehm, es gibt nie Stress am Tisch wegen des Aussehens, der Herkunft, der Religion.

Und was ist, wenn mal jemand richtig viel Geld verliert? Bleibt dann auch immer alles ruhig?
Es gibt natürlich mal einen Einzelfall, wo es laut wird, aber im Großen und Ganzen haben wir ganz wenig Probleme. Es gibt natürlich Spieler, die zu betrunken sind und dann Geld verlieren. Aber bei uns wird darauf strikt geachtet, dass das nicht aus dem Ruder läuft. Wenn halt doch mal jemand zu viel Unruhe am Tisch oder im Casino verbreitet, fliegt er raus. Das passiert aber ganz selten. Da haben wir Regeln.

Was sind das zum Beispiel für Regeln?
Bei uns am Tisch darf beispielsweise nur Deutsch oder Englisch gesprochen werden.

Aha, wieso das?
Bei uns spielen viele Ungarn und Türken. Wenn die sich zum Beispiel über ihre Karten austauschen würden in einer Sprache, die nicht alle verstehen, würde das anderen Spielern einen Nachteil bringen. Deshalb ist das verboten.

Kommen Sie als Pokerdealer auch mal raus aus Ihrem Casino?
Ja, ich bin seit 2011 auf der European Poker Tour als Dealer unterwegs. Das ist die größte Pokertour der Welt. Die veranstaltet mehrtägige Pokerfestivals über das ganze Jahr, zum Beispiel in Monaco, in Prag, in Kroatien, in London, in der Karibik - einfach überall. Man kommt da ziemlich viel rum. Die Tour wird gesponsert von Poker Stars, das ist der größte Online-Anbieter für das Pokern im Internet. Und so bin ich sieben bis zehn Wochen bei verschiedenen Turnieren in der Welt unterwegs und verdiene dort gutes Geld.

Auf dieser Tour geht es ja teilweise um Preisgelder im Millionenbereich. Wie kommen Sie mit solchen Summen klar?
Es gibt in Amerika sogar Turniere, da muss der Spieler erstmal eine Million Dollar zahlen, um überhaupt am Tisch sitzen zu dürfen. Das ist schon der Wahnsinn. Ende April war ich zum Beispiel in Monaco, da kostete das preiswerteste Turnier 100 Euro pro Platz, das teuerste 100 000 Euro. Bei dem teuren Turnier haben mehr als 80 Spieler mitgespielt. Der Gewinner hat dort 2,3 Millionen Euro abgeräumt.

Und was machen solche Summen mit Ihnen? Haben Sie da nicht Lust die Tischseite zu wechseln?
Nein, in den ersten Jahren habe ich selbst Poker gespielt. Das ist jetzt nicht mehr so. Mal mit Freunden, das ist okay. Aber ansonsten ist mir das Geld, für das ich hart arbeite, zu wichtig. Mich als Dealer darf das auch nicht interessieren, ob mir da ein Millionär gegenübersitzt oder eine Hausfrau.

Apropos. Wie hoch ist eigentlich der Frauenanteil am Tisch?
Es gibt viele Frauen, die Poker spielen. Es gibt sogar ein eigenes Frauenturnier. Ich würde schätzen bei einem normalen Pokerturnier sind zehn bis 15 Prozent Frauen. Bei uns im Casino sind es sogar 30 Prozent.

Spielen Frauen anders Poker als Männer?
Ich würde nein sagen. Vielleicht spielen sie ein klein wenig ruhiger und überlegter.

Es gibt eine Szene in dem Bond-Film "Casino Royal", in der Bond am Pokertisch nach dem Gewinn eine nicht unerhebliche Summe dem Dealer als Dankeschön rüberschiebt. Sind solche Szenen Hollywood-Legende oder gibt es das wirklich?
Die Szene ist sehr real. In dem Casino, in dem ich arbeite, werden wir fast ausschließlich so bezahlt. Das ist wie bei einem Kellner ein sehr stark vom Trinkgeld abhängiger Job. Wir kriegen ein relativ geringes Grundgehalt, der Rest kommt nur durch die Trinkgelder zusammen.

Was kann denn ein guter Pokerdealer im Monat verdienen?
Im Jahresmittel komme ich auf etwa 20 Euro Stundenlohn. Das monatlich zu sagen ist schwierig, weil in einem heißen Sommer weniger Besucher in das Casino kommen, als im November, wenn draußen kaum etwas los ist.

Können Sie als Profi noch drei Tipps geben, wie auch ein Anfänger einen erfolgreichen Pokerabend gestalten kann?
Sei wach und konzentriert! Spiele ruhig! Es sollte nicht herauskommen, dass du ein Anfänger bist. Die Regeln sollten aber schon sitzen. Welche Handkombination schlägt welche Handkombination? Und so weiter.Wie viel Glück ist letztendlich dabei, um ein Spiel zu gewinnen? Poker gilt in Deutschland ja als Glücksspiel.
In meinen Augen ist es kein Glücksspiel. Gerade das Turnierpokern kann kein Glücksspiel sein, wenn Spieler über mehrere Tage erfolgreich sind. Das ist für mich ein Geschicklichkeitsspiel. Um längerfristig profitabel zu spielen, würde ich sagen, 30 Prozent sind Glück und 70 Prozent Erfahrung und Geschick.

Mit Andreas Stelter

sprach Daniel Steiger

Alle Interviews können Sie noch einmal nachlesen unter www.lr-online.de/interview

Zum Thema:
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