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Viel Freiraum für die jungen Wilden

Tom Bartels (r.) und Sebastian Volk in der Kultkomödie "Ladies Night" – das nächste Mal zu erleben am Freitag im Amphitheater.
Tom Bartels (r.) und Sebastian Volk in der Kultkomödie "Ladies Night" – das nächste Mal zu erleben am Freitag im Amphitheater. FOTO: Steffen Rasche/Neue Bühne
Senftenberg. Die Schauspieler Tom Bartels und Sebastian Volk über "Ladies Night" und andere nackte Tatsachen des Senftenberger Theaterlebens. Heidrun Seidel

"Ach, sie sitzt eigentlich noch ganz gut", überlegt Sebastian Volk. Der Schauspieler spricht von der Choreografie der Kultkomödie "Ladies Night". Mit den Tanzeinlagen nämlich haben die Proben für die Wiederaufnahme des Stückes an der Neuen Bühne Senftenberg nach fast einem Jahr Pause begonnen. Sechsmal wird das Premierenstück von 2016 auch in diesem Sommer auf der Bühne am See zu sehen sein. Kommenden Freitag geht es los. "Und zum Glück immer nur in Abendvorstellungen", freut sich Tom Bartels, der seit drei Jahren in Senftenberg engagiert und derzeit in mehr als einem Dutzend Rollen zu sehen ist. "Da kommen insbesondere die Lichteffekte viel besser zur Geltung als an Nachmittagen", meint er. "Und man muss nicht so die Kollegen anschauen", springt er auf, kneift die Augen zusammen, als würde er in die Sonne blinzeln. Sein Talent zur Komik hat der 29-Jährige in den drei Senftenberger Jahren schon oft beweisen können. Ob als Gustav, dem Burnout nahen Diener im "Gestiefelten Kater", als Tom in "Shakespeares sämtliche Werke (Leicht gekürzt)" oder als Herr Bartels in "Ewig jung". Dass er aber auch das "ernste Fach" - dramatisch, klassisch, tragisch - versteht, hat er jetzt als Mephistopheles in "faust in ursprünglicher gestalt" eindrucksvoll gezeigt. Der Frank in "Ladies Night" war ihm allerdings anfangs nicht ganz geheuer. "Mit einem roten Glitzertanga auf die Bühne zu gehen - da musste ich schon über meinen Schatten springen", gesteht er heute. "Aber auch das gehört zu unserem Beruf - und letztlich hat es uns und dem Publikum viel Spaß gemacht."

Das hatte sich im Sommer 2016 bei den Zuschauern bald herumgesprochen. Die Ränge waren von Vorstellung zu Vorstellung voller besetzt, "und manche sind dann auch zum zweiten Mal gekommen", erinnert sich Sebastian Volk. Da haben sie ihren Nachbarn schon immer die spannenden Pointen, in denen auch die Hüllen fallen, mit "Jetzt - jetzt kommt's" angekündigt, hat er selbst gehört. "Das war eine irre Stimmung."

Kein Wunder, die Geschichte ist nicht einfach nur frivol, sie ist auch sympathisch, versprüht einen unaufdringlichen Hauch Sozialkritik und macht Mut, Neues zu wagen.

Kurz erzählt: Für sechs arbeitslose Männer sind die Aussichten auf einen anderen Job schlecht, und auch das Glück daheim gerät in Schieflage. Als auch noch die gut gebauten Männer der Strippergruppe "Die Chippendales" im Ort auftreten und von den Frauen angehimmelt werden, fassen die sechs Arbeitslosen einen Entschluss: Sie wollen eine eigene Strippergruppe gründen. Das aber heimlich, denn sie müssen erst Antwort finden auf die Fragen: Wie können sie eine gute Figur auf einer Bühne machen und wie Mangelan Rhythmusgefühl und Waschbettbauch mit Charme und Persönlichkeit ausbügeln?

Das Stück der beiden neuseeländischen Autoren Stephen Sinclair und Anthony McCarten ist eine Erfolgsgeschichte geworden, wurde in sechs Sprachen übersetzt und kam so auch in ganz Europa auf die Spielpläne. 1997 verhalf der britische Kino-Erfolg "Ganz oder gar nicht" der Geschichte von den sechs arbeitslosen Strippern zu vier Oscar-Nominierungen.

Extra Muskeln aufgebaut haben Tom Bartels und Sebastian Volk aber nicht für die Komödie, berichten sie schmunzelnd. "Dass wir Schauspieler wie die Männer im Stück keine Adoniskörper haben, finde ich schön und authentisch", sagt Sebastian Volk. Er hat nach dem Schauspielstudium an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Frankfurt am Main in Senftenberg seit der Spielzeit 2015/16 sein erstes Engagement und ist aktuell beispielsweise als Faust in "Sterne über Senftenberg" oder "Ewig jung" zu sehen. Der Harry in Ladies Night war seine erste Rolle in einer Amphitheater-Produktion. Vielleicht geht es ja im nächsten Jahr weiter mit einem zweiten Teil der MS Madagaskar, die 2015 der musikalischen Fortsetzungsrevue "Camping Camping" gefolgt war.

Derzeit aber stecken die beiden 29-Jährigen bereits in den Proben für das nächste Spektakel zur Spielzeiteröffnung mit dem martialischen Namen "Blutmordrache". Wieder mit spannenden Rollen. Die Arbeit am kleinen Theater gebe ihnen die Möglichkeit, sich nach dem Studium in den ersten Berufsjahren freizuspielen: mit vielen unterschiedlichen Figuren, aber auch mit hoher Dichte der Aufgaben. Wer spielt schon wie der aus Augsburg stammende Sebastian Volk im zweiten Jahr nach dem Studium den Faust? Eingebettet in ein gestandenes und erfahrenes Ensemble können sich die jungen Leute in dem an 70 Jahren Erfahrung reichen Theater entwickeln und ihren Weg finden. "Es ist schon toll, wie viel Vertrauen uns entgegengebracht wird", sagt der durch seine leidenschaftliche Spielfreude auffallende Darsteller. "Ein großer Freiraum für uns." Allein für die von ihm in Zusammenarbeit mit anderen jungen Schauspielern initiierten und umgesetzten Formate "Dämmerschoppen - die Zugabe" und "Lesershow" gab es unkompliziert ein "Macht los!" von der Intendanz. Inzwischen gehört der Dämmerschoppen, ein "renommiertes Nachtschwärmer-Programm", das von Überraschungen und Improvisation lebt, zum fest installierten Repertoire und zieht treue Theatergänger ebenso wie neue Zuschauergruppen ins Haus. "Der Dämmerschoppen ist für uns so eine Art Kreativitätsventil. Hier können wir kleine Ideen, die man mit sich herumträgt, ausprobieren und darüber mit den Zuschauern ins Gespräch kommen." In der nächsten Spielzeit soll es sogar auch musikalisch dämmern.

So ist es kein Wunder, dass die engagierten jungen Schauspieler, die in "Ladies Night" die Strippergruppe "Die wilden Stiere" gründen wollen, wegen ihrer sprudelnden Ideen gern schon einmal "Die jungen Wilden" genannt werden.

Zum Thema:
"Ladies Night" steht auf dem Programm des Amphitheaters am 9., 16., 17., 25. und 30. Juni und am 1. Juli 2017, jeweils um 20 Uhr. Karten gibt es unter 03573 801286, an der Theaterkasse, in den Vorverkaufsstellen oder im Internet unter www.theater-senftenberg.de . Der letzte Dämmerschoppen dieser Spielzeit findet nach der Faust-Aufführung (auch mit Sebastian Volk und Tom Bartels) am 22. Juni um 21.30 Uhr im Rangfoyer statt.