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| 15:05 Uhr

Meine Heimat Oberspreewald-Lausitz
Aufgeben ist keine Option für Petra Franz in Neupetershain

 Petra Franz entschied sich, in Neupetershain zu bleiben. Mit den Schäden an ihrem Haus möchte sie sich nicht abfinden.
Petra Franz entschied sich, in Neupetershain zu bleiben. Mit den Schäden an ihrem Haus möchte sie sich nicht abfinden. FOTO: Uwe Hegewald
Neupetershain. „Heimat ist, wo wir unseren Lebensfaden festgemacht haben“, sagt ein Sprichwort. Die RUNDSCHAU besucht Menschen, um zu erfahren, wann, warum und wo sie ihren Lebensfaden im Kreis festgemacht haben. Heute: Petra Franz (Neupetershain). Von Uwe Hegewald

„Für mich ist Heimat ein Ort, an dem man sich wohl fühlt, ohne es erklären zu können. Ein Ort wo man lächelt und ankommt, an dem man beginnt, Spuren zu hinterlassen“, umschreibt Katrin Förster ihre Sicht auf den Begriff Heimat. Insbesondere das Haus in der Altdöberner Straße von Neupetershain, in dem sie gemeinsam mit ihrer Mutter Petra Franz lebt, atme dieses Gefühl.

„Es ist das Haus, in dem ich eine wundervolle Kindheit verlebt habe, ein Haus, in das ich zurückgekehrt bin und in dem ich die Seitenhiebe in der Welt da draußen für eine Weile aussperren kann“, begründet sie. Petra Franz bestätigt die Aussagen ihrer Tochter: „Haus und Garten waren zu jeder Zeit Anziehungspunkt für Familienmitglieder, sie standen immer für alle offen“, so die Rentnerin, die in dem Haus geboren wurde, im Schlafzimmer des 1902 errichteten Gebäudes, das sich seit über 90 Jahren in Familienbesitz befindet.

Doch es ist ruhiger geworden auf dem Anwesen, über das ein Schatten gefallen ist. „Vor über 25 Jahren sind uns Risse in der Fassade aufgefallen, die wir uns nicht erklären konnten. Zuerst wussten wir auch gar nicht, an wen wir uns diesbezüglich wenden sollten“, blickt Petra Franz zurück.

Stutzig wurde die Neupetershainerin, als Mitbewohner der Gemeinde (Amt Altdöbern) über ähnliche Probleme an ihren Häusern klagten. Inzwischen ist sie der festen Überzeugung, dass die Schädigungen an der Gebäudesubstanz auf den benachbarten Braunkohle-Tagebau zurückzuführen sind. „Wenn für den vorbeiziehenden Tagebau Welzow-Süd in 140 Metern das Grundwasser abgezogen wird, bleibt das nicht ohne Folgen“, begründet sie. „Der Boden setzt sich, was selbst im Garten zu sehen ist. Viele meiner Obstbäume sind in Schieflage geraten.“

Erklärlich, dass Petra Franz nicht sonderlich gut auf den Bergbau zu sprechen ist, der sich für die Schäden an ihrem Haus nicht verantwortlich fühlt. Seit 2006 liegt sie mit den Bergbaubetreibern im Clinch. „Vattenfall hatte jegliche Eingaben abgeschmettert. Ich habe wenig Hoffnung, dass die Leag in dieser Angelegenheit Zugeständnisse machen wird“, beklagt sie.

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Dass der Termin für die Aufnahme der Arbeit der Brandenburger Bergschäden-Schiedsstelle erneut verschoben wurde, setze dem Ganzen die Krone auf. „Die Betroffenen werden hingehalten und die Politik will es sich mit den Bergbaubetreibern nicht verscherzen. Dabei haben sie doch einen Eid geschworen, Schaden vom Volk abzuwenden“, ruft Petra Franz in Erinnerung.

Dabei geht es ihr nicht allein um ihr Wohnhaus. Die Heimat verändere ihr Gesicht, doch viele Lausitzer blendeten das aus. Den Kohleausstieg allein auf Klimaschutzziele zu reduzieren, sei für sie zu dünne Kosmetik auf den Augen. Brauner Eisenhydroxid-Schlamm in den Südbrandenburger Gewässern, riesige Bergbaufolgeflächen, die auf Jahre gesperrt sind, permanent eintretende Rutschungen – selbst auf vermeintlich sicherem Grund – oder massive Eingriffe in die hiesige Flora und Fauna seien auf das Schürfen nach Braunkohle zurückzuführen.

„Ich sehe doch, wie oft Langholzlaster an unserem Haus vorbeifahren. Mit jedem gerodeten Baum geht ein Stück Lebensqualität verloren“, stellt sie klar und fordert Demut gegenüber der Heimat. Petra Franz zeigt Verständnis, dass in der rohstoffarmen DDR Braunkohle abgebaut werden musste, nicht aber dafür, dass heute noch immer Dörfer der Kohle weichen sollen.

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Überlegungen, ihr Haus zu verkaufen und anderswo einen Neuanfang zu wagen, hat die Neupetershainerin verworfen. Ausgeschlossen war das nicht, hatte Petra Franz doch von 1991 bis 2009 in München als Bauleiterin im U-Bahnbau gearbeitet. „München war meine zweite Heimat. Bis heute gibt es intensive Kontakte zu ehemaligen Arbeitskollegen“, erzählt sie.

Die könnten die von ihr geschilderte Situation nicht nachvollziehen, zeigten sich aber beeindruckt vom Kampf ihrer Ex-Kollegin, der ein wenig an den von Don Quichotte gegen Windmühlen erinnert. Ein prall gefüllter Ordner mit Schriftwechseln, Kartenmaterial zu den geologischen Gegebenheiten in Neupetershain oder Gutachten machen deutlich, dass Aufgeben für sie keine Option ist.

Das Geburts- und Elternhaus soll zentraler Anlaufpunkt der Familie bleiben. Dies sei sie auch gegenüber ihren Enkeln schuldig und ihrer Tochter Katrin, die resümierend zusammenfasst: „Als es mir nicht so gut ging, habe ich mich hier mit wenigen Mitteln aber zündenden Ideen eingebracht. Jedes Stück, welches ich selbst erschaffen habe, hat mich ein bisschen stärker gemacht“, erklärt sie und zieht einen Vergleich zu Goethes Osterspaziergang heran: „Hier bin ich Mensch, hier darf ich`s sein.“

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