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Junge Frau aus Großräschen fährt zum Wunderheiler in den Urwald
Vanessa will in Peru Krankheit besiegen

Sie halten eisern zusammen und lassen sich nicht entmutigen: Mutter Solveig Jäckel kämpft dafür, dass ihre Tochter Vanessa trotz Epilepsie-Anfällen eine Chance bekommt. Ihre Reise nach Peru zum Meisterschamanen verbinden sie mit der Hoffnung auf Heilung.
Sie halten eisern zusammen und lassen sich nicht entmutigen: Mutter Solveig Jäckel kämpft dafür, dass ihre Tochter Vanessa trotz Epilepsie-Anfällen eine Chance bekommt. Ihre Reise nach Peru zum Meisterschamanen verbinden sie mit der Hoffnung auf Heilung. FOTO: Steffen Rasche
Großräschen. Vom stillen Kampf einer 19-jährigen Großräschenerin, die seit sechs Jahren an Epilepsie leidet und wegen ihrer Anfälle weder Lehrstelle noch Arbeit findet. Die Reise zu einem Wunderheiler als einziger Ausweg aus einem Leben ohne Ziel. Von Andrea Budich

Vanessa ist 19 Jahre alt. Wenn das Schicksal ihr nicht so unbarmherzig mitgespielt hätte, dann würde die zarte junge Frau heute in Berlin, Greifswald oder Heidelberg im Hörsaal sitzen und der Anatomie-Vorlesung ihres Professors folgen. Kinderärztin - das war ihr großer Mädchentraum. Mit Symptomen, Diagnosen und Medikamenten kennt sich Vanessa bestens aus. Aber nicht, weil sie Humanmedizin studiert, sondern weil sie seit sechs Jahren selbst sehr krank ist und sich ohne ihre Bauchtasche mit den Notfallmedikamenten nicht aus dem Haus getrauen kann.

Ihre Leidensgeschichte beginnt  am 3. Dezember 2012. Den Tag  vergisst sie nicht, weil es genau drei Tage vor ihrem 13. Geburtstag passierte. Die Siebtklässlerin saß im Mathe-Unterricht am Gymnasium Senftenberg . Beim Schreiben eines Mathe-Tests schlägt der Blitz ein wie aus heiterem Himmel: Vanessa kippt von ihrem Stuhl, geschüttelt von Muskelkrämpfen, hat Schaum vor dem Mund. Erst in der Notaufnahme in Lauchhammer erwacht sie aus der Bewußtlosigkeit. Mutter und Geschwister erkennt sie erst nach Tagen wieder, Kindheitserinnerungen sind gelöscht. Der Krampfanfall, von dem die Ärzte zunächst ausgehen, wiederholt sich ein halbes Jahr später, als sie sich mit Freunden am Rodelberg in Großräschen trifft. Danach werden die Abstände zwischen den Anfällen immer kürzer.

Weil Vanessa immer häufiger in der Schule fehlt, von einem Krankenhaus zum nächsten überwiesen wird, wechselt sie in der Klasse 9 zur Oberschule nach Großräschen. Dort schafft sie ihren Schulabschluss, obwohl sie in der zehnten Klasse neun Monate lang in Kliniken zubringt.

Inzwischen haben ihr die besten Mediziner aus den Epilepsie-Zentren Deutschlands bescheinigt, dass sie an einer psychisch verursachten Epilepsie leidet, die inoperabel ist.

„In Deutschland kann uns keiner mehr helfen“, seufzt Mutter Solveig Jäckel (47). Die ständigen Tablettenumstellungen ändern nichts daran, dass Vanessa bei ihren Anfällen immer wieder stark verunfallt. Rippen-Prellungen, ausgeschlagene Zähne, Narben im Gesicht - für Vanessa ist das Alltag.

Dabei ist die junge Frau eine Kämpferin, die im Internet eine Epilepsie-Gruppe mit 4700 Mitgliedern leitet. Von ihrer heimtückischen Krankheit aber wird sie selbst gleich doppelt aus der Bahn geschleudert. Denn die 19-Jährige findet trotz Hunderter Bewerbungen weder Lehrstelle noch Arbeit. Spätestens, wenn sie die Frage nach der Anfallshäufigkeit ehrlich beantwortet, zieht jeder Arbeitgeber die Notbremse. Zwei Jahre lang ist sie mit ihrer Mutter schon auf der Suche - ergebnislos. Ja, es hat Probe-Arbeits-Wochen gegeben. Die waren aber immer dann beendet, wenn sie wieder einen Anfall hatte. Beim Probejob im Dezember waren es in zwei Wochen vier Attacken.

Vanessa spürt, dass sie in kein Raster passt. Von ihrer Reha-Beraterin bei der Agentur für Arbeit ist ihr als letzte Möglichkeit die Behindertenwerkstatt in Senftenberg empfohlen worden. Aber auch dort bekommt die junge, intelligente Frau nach dem Vorstellungsgespräch zu hören: „Hier passsen Sie nicht rein!“

Mit Nerven und Kräften am Ende, greifen Mutter und Tochter nach dem Strohhalm, der ihnen noch bleibt. Beide reisen im August nach Peru zum weltberühmten Meisterschamanen Don Agustin Rivas Vasquez. „Die Schulmedizin kann für Vanessa nichts mehr tun. Was haben wir zu verlieren“, fragt Solveig Jäckel mit feuchten Augen. Sie will, dass ihre Tochter wenigstens einen Hauch einer Chance auf Heilung hat. Dabei fällt es ihr alles andere als leicht, die Reisekosten zu stemmen. Denn aufgrund der Krankheit der Tochter kann sie nur verkürzt im Jobcenter OSL arbeiten.

Von der zweiwöchigen Therapie  im Urwald des Amazonasgebietes erhoffen sich Mutter und Tochter sehnlichst den Augenblick, der alles verändert. Für ihr neues, gesundes Leben hat Vanessa auch schon einen Plan: Sie würde so gern Polizeibeamtin werden.