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| 02:53 Uhr

Unvollendeter Traum vom Elbe-Spree-Oder-Kanal

Blick auf das Kanal-Kunstwerk an einem leer stehenden Schwarzheider Wohnhaus in der Straße Alte Flur.
Blick auf das Kanal-Kunstwerk an einem leer stehenden Schwarzheider Wohnhaus in der Straße Alte Flur. FOTO: T. Richter-Zippack/trt1
Senftenberg. Zwölf bis 13 Kanäle wird es in naher Zukunft im Lausitzer Seenland geben. Diese verbinden insgesamt zehn Gewässer. Der längste Überleiter ist rund drei Kilometer lang. 156,5 Kilometer misst dagegen der "ESO-Kanal". Gebaut wurde er aber bis heute nicht. Torsten Richter-Zippack / trt1

Das Haus an der Alten Flur am Südrand von Schwarzheide ist nicht ganz einfach zu finden. Früher befand sich auf diesem Gelände unweit der Total-Tankstelle und der örtlichen Straßenmeisterei eine Autoverglaserei, doch nunmehr steht das dazugehörige Wohngebäude seit Jahren leer. Interessant ist die Südseite der Fassade, also die der nahen Schwarzen Elster und der Stadt Ruhland zugewandte Front. Und das aus einem bestimmten Grund: Dort prangt ein Kunstwerk an der braunen Wand. Es stammt nach Angaben des Ruhlander Ortschronisten Horst Bormann aus den Händen seines Vaters, der sein Geld als Bildhauer verdiente.

Dargestellt werden eine kniende Frau und ein stehender Mann. Deutlich sind Wellen zu erkennen und in ihnen ein fahrendes Schiff. Über allem strahlt hell die Sonne. "Das Motiv ist eine Anspielung auf ESO", sagt Bormann geheimnisvoll. Mit "ESO" meint der Ruhlander die Abkürzung für den "Elbe-Spree-Oder-Kanal", eine Wasserstraße über eine Gesamtlänge von 156,5 Kilometer. Diese sollte in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts errichtet werden. Erste Pläne dazu stammen aus dem Jahr 1916. Weiter konkretisiert wurde die Vision durch einen Vorentwurf des Projektes im Jahr 1925. Die 77 Seiten starke Schrift geht bereits detailliert auf das Vorhaben ein.

Demzufolge war eine schiffbare Wasserstraße von der Elbe bei Mühlberg über Elsterwerda, das Mückenberger Ländchen, Ruhland, die Senftenberger und Drebkauer Braunkohlenreviere, Cottbus, den Schwielochsee bis zum Oder-Spree-Kanal unweit von Frankfurt (Oder) geplant. Sowohl zwischen Mückenberg (heute Lauchhammer-West) und Dolsthaida (heute Lauchhammer-Süd) als auch in Ruhland und in Senftenberg waren öffentliche Häfen vorgesehen. Zwischen Elsterwerda und Senftenberg sollte die dort entlang fließende Schwarze Elster als Kanal ausgebaut werden. Wo einstmals die Bahntrasse von Senftenberg nach Kamenz den Fluss kreuzte, war die Richtungsänderung des Kanals gen Nordosten vorgesehen, und zwar nach Cottbus, zum Schwielochsee und zur Oder.

Der "ESO-Kanal" wurde aus wirtschaftlichen Gründen für äußerst notwendig erachtet. Zum einen wegen des zügigen Abtransports der Kohle, der Veredlungsprodukte und aller möglicher weiterer Waren in Richtung Berlin. Neben den Brikettfabriken produzierten und exportierten unter anderem das neue Lautawerk sowie ab den 1930er-Jahren die Brabag in Schwarzheide. Darüber hinaus bemaßen die Ingenieure dem Kanal eine wesentliche Rolle bei der Hochwasserabwehr bei. So war geplant, in der fast menschenleeren Lieberoser Heide ein Rückhaltebecken zu errichten, das die Fluten aus der Spree und Grubenwässer aufgenommen hätte.

Bis heute ist das Bauwerk nicht realisiert worden. Eine der wahrscheinlich letzten Erwähnungen findet das Vorhaben in einem Zeitungsartikel aus dem Jahr 1948. Weshalb der Elbe-Spree-Oder-Kanal letztlich nicht realisiert wurde, dürfte nicht zuletzt an den immensen Kosten liegen. Bereits im Jahr 1925 war von rund 98 Millionen Reichsmark die Rede.