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"Unter Folter das Geständnis abgepresst, ich sei ein Werwolf gewesen"

Wolfgang Lehmann auf einem Foto aus dem Mai des Jahres 1950.
Wolfgang Lehmann auf einem Foto aus dem Mai des Jahres 1950. FOTO: Wolfgang Lehmann
Wolfgang Lehmann, der heute in Rimbach im hessischen Odenwald wohnt, erinnert sich in einer E-Mail an die RUNDSCHAU an die Zeit des Kriegsendes in der Lausitz. Lehmann lebte damals in Großräschen. Seine Erinnerungen beginnen mit der Rückkehr aus der russischen Kriegsgefangenschaft im Frühjahr 1950. Mit diesem einschneidenden Kapitel seines Lebens endet auch die E-Mail. Dazwischen widmet sich der 1929 Geborene auch dem Kriegsende in der Lausitz und der folgenden Zeit. Die RUNDSCHAU druckt Auszüge.

( . . . ) Am 24. Oktober 1945 war ich als 16-Jähriger aus der Schule weg von der deutschen Miliz verhaftet und der sowjetischen Militärkommandantur übergeben worden. Einen Haftbefehl gab es nicht. Aus meinem Wohnort Großräschen/Niederlausitz teilten damals die meisten Jungen zwischen 12 und 17 Jahren mein Schicksal. Die Mehrzahl von ihnen ist in der nachfolgenden Gefangenschaft elendiglich umgekommen. Im sogenannten GPU-Keller (sowjetische Geheimpolizei) in der Kreisstadt Calau wurde mir unter Folter das Geständnis abgepresst, ich sei ein Werwolf (Partisan) gewesen, was nicht einmal ansatzweise der Wirklichkeit entsprach. Ich hatte bis dahin und auch später nie eine Waffe auf einen Menschen gerichtet. Später im Gerichtsgefängnis in Cottbus, wo ich mehrere Tage in Einzelhaft gehalten wurde, widerrief ich vor einem Militärgericht meine Aussagen. Daraufhin schlug man mich vor diesem Gericht nieder und schleifte mich in meine Zelle zurück.

Wenig später brachte man mich in das Sowjet-KZ Ketschendorf, das heutzutage verharmlosend "Internierungslager" genannt wird. Es war eines der elf KZ in der damaligen sowjetischen Besatzungszone. Von denen im Dritten Reich wurden drei von den Sowjets sofort weiterbetrieben. Schon Anfang April 1945 hatten die Sowjets die Wohnsiedlung des Reifenwerkes Fürstenwalde zu diesem KZ umgewandelt. Vorgesehen war sie für etwa 500 Bewohner. Nun waren dort bis zu 10 000 Menschen, von 12 bis 72 Jahren, eingepfercht. Ich war zusammen mit etwa 1200 anderen Jugendlichen in einem ehemaligen Acht-Familienwohnhaus "einquartiert".

Die restlichen Häuser waren von erwachsenen Gefangenen belegt. Die ersten Nächte musste ich auf einer Betonstufe einer Kellertreppe schlafen, bis durch Todesfälle ein Platz unter einer Pritsche im Keller frei wurde, von der nachts Wanzen herabfielen. Wir schliefen auf dem Betonboden oder Holzpritschen, alle dicht an dicht auf einer Seite liegend. Es gab keinerlei Bettzeug. Wenn jemand sich umdrehen wollte, weil er es vor Schmerzen am durchgelegenen Beckenknochen nicht mehr aushalten konnte, mussten sich alle anderen auch umdrehen.

Während die Erwachsenen zu Arbeiten, die zur Aufrechterhaltung des Lagers notwendig waren - zum Beispiel die Toten in großen Massengräbern würdelos einzuscharren -, herangezogen wurden, waren wir Jugendlichen zum Nichtstun verdammt. Die Verpflegung war so schlecht und gering, dass in kurzer Zeit entsprechende Mangelkrankheiten auftraten. Geschwüre und Eiterstellen wurden mit Chlorwasser abgewaschen, andere Medikamente gab es nicht.

Ende 1946 wurde ich zusammen mit anderen Jugendlichen und Erwachsenen zu einer "medizinischen" Untersuchung geholt, die wir "Arschbackendiagnose" nannten, weil sie aus nichts anderem bestand, als dass eine Ärztin in sie hineinkniff. So nackt vor einer Frau zu stehen, empfand ich wie eine seelische Vergewaltigung. Danach wurden wir gesondert untergebracht, ohne zu wissen, was mit uns geschehen wird. Wir bekamen Winterkleidung. Bis dahin hatte ich von meiner Verhaftung an Tag und Nacht in denselben Sachen gelebt, die nie gewaschen wurden.

Am 31. Januar 1947 fuhren wir dann von Frankfurt (Oder) in Viehwaggons weg, die keine Fenster besaßen und immer verschlossen waren - einem uns unbekannten Ziel entgegen. Die Verpflegung bestand überwiegend aus Trockenbrot, Salzheringen und Tee. Letzterer war so knapp, dass einige ihren eigenen Urin getrunken haben. Schließlich leckten wir den Raureif von den Wänden ab. Die Wandflächen teilten wir unter ein an der auf.

Nach einem Kurzaufenthalt in Moskau zum Waschen und Entlausen hielt unser Zug am 6. März 1947 im sibirischen Prokopjewsk - nach fünf Wochen Fahrt, die ich nur im Sitzen zugebracht habe, weil im Waggon kein Platz zum Liegen war. Ich stieg aus und fiel vornüber in den Schnee, den ich mit den Händen in den Mund schaufelte - genauso die anderen. Diesmal tatsächlich zu unserem Wohl prügelten uns die Wachposten hoch, denn wir wären daran gestorben.

Unsere Unterkunft bestand aus in die Erde gegrabenen Holzhäusern. Nur das Dach schaute heraus. Es war ein großer Raum, in dem stählerne Doppelstockbetten standen. Hier hatte ich, zum ersten Mal seit meiner Verhaftung am 24. Oktober 1945, wieder ein Bett nur für mich allein. ( . . . )