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| 07:47 Uhr

Wie eine Schwarzheiderin den Unfall-Tod ihres Mannes verkraftet
„Fast wäre ich hinterhergegangen“

 Im Garten hinter dem Wohnhaus in Schwarzheide hat sich Iris Große einen Ort zum Gedenken angelegt – die Hänge-Birke hat sie vor über 20 Jahren gemeinsam mit ihrem Mann gepflanzt. Am Bungalow ein Bild einer Harley Davidson – der Lastkraftfahrer war großer Fan von schicken Motorrädern.
Im Garten hinter dem Wohnhaus in Schwarzheide hat sich Iris Große einen Ort zum Gedenken angelegt – die Hänge-Birke hat sie vor über 20 Jahren gemeinsam mit ihrem Mann gepflanzt. Am Bungalow ein Bild einer Harley Davidson – der Lastkraftfahrer war großer Fan von schicken Motorrädern. FOTO: LR / Jan Augustin
Schwarzheide. Vor genau zwei Jahren stirbt ein Motorradfahrer bei einem Unfall auf der Bundesstraße 156 – unverschuldet. Die Trauer der Witwe ist noch groß, Hass auf den Verursacher empfindet sie aber nicht. Von Jan Augustin

Iris Große steht im Garten hinter ihrem Wohnhaus unter einer Hänge-Birke. Den Baum hat sie vor mehr als 20 Jahren gemeinsam mit ihrem Mann gepflanzt. Jetzt hängt ein Foto von ihm am unteren Teil des Stammes.

Iris Große geht in die Knie, streicht über das Bild und lächelt zaghaft. Auf dem Boden liegt ein Gedenkstein, der die Form eines aufgeschlagenen Buches hat. „In Erinnerung an einen wundervollen Menschen“, ist dort geschrieben.

Motorradfahrer auf Bundesstraße 156 ums Leben gekommen

Es sind nur noch wenige Tage – dann wird Iris Große wieder besonders intensiv an ihren Mann denken. Bei einem Verkehrsunfall auf der Bundesstraße 156 in Richtung Lieske kommt Falko Große vor zwei Jahren ums Leben.

Es ist das gleiche schöne Frühlingswetter wie jetzt. Die Sonne scheint, es ist angenehm warm. Mit seiner liebevoll gepflegten MZ ETZ 250 aus DDR-Zeiten unternimmt der Motorradfan an diesem Sonntag einen Ausflug, seinen letzten. Ein entgegenkommendes und außer Kontrolle geratenes Auto rammt ihn mit voller Wucht. Der 51-Jährige hat keine Chance, er stirbt noch am Unfallort.

Weder er noch die Fahrerin des entgegenkommenden Autos hatten Schuld an dem Zusammenstoß – sondern ein anderer Autofahrer, der den Crash durch sein Überholmannöver verursachte. Zu diesem Ergebnis ist vor einem Monat das Amtsgericht Senftenberg gekommen. Der 58-jährige Mann aus Schipkau, der zugab, den Abstand falsch eingeschätzt zu haben, wurde zu einer Freiheitsstrafe von einem Jahr auf Bewährung verurteilt.

Witwe hat keinen Hass auf den Unfallverursacher

„Ich habe keinen Hass. Meine ganze Familie hat ihm vergeben“, sagt Iris Große, die im Prozess als Nebenklägerin auftrat. Gewünscht hätte sie sich aber eine schnellere Entschuldigung von ihm. Das sei erst ein Vierteljahr vor Prozessbeginn geschehen.

Und trotzdem: Jetzt, nach dem Urteil, könne sie endlich einen Schlussstrich ziehen. „Wenn man nicht vergibt, findet man selbst keine Ruhe“, sagt Iris Große, die gläubig ist.

Mit dem Tod anderer Menschen hat die Betreuungsassistentin oft zu tun. Iris Große arbeitet im Altenheim in Ortrand. Sie begleitet Sterbende und hält Lesegottesdienste in der „Arche Noah“. „Aber dass es mich selber trifft, habe ich nicht erwartet“, sagt die 52-jährige Mutter zweier erwachsener Kinder. Mit dem 17-jährigen Sohn und zwei Hunden wohnt sie jetzt in dem Haus, das sie vor 28 Jahren in einer ruhigen Seitenstraße von Schwarzheide aufgebaut haben.

Kollegen und Freunde geben Witwe viel Kraft

Vor allem ihr Mann, der Berufskraftfahrer, hat so viel Anteil am neuen Heim. „Er war ein ganz Fleißiger“, erinnert sich die aus Ortrand stammende Iris Große.

In Schwarzheide fühlt sie sich noch immer wohl. Auch wenn der Schmerz, seinen Liebsten so urplötzlich verloren zu haben, noch tief sitze.

„Es ist mühselig. Das erste halbe Jahr war nicht schön“, sagt sie. Im Kraftsport findet die Witwe ein neues Hobby. Hier kann sie sich auspowern und Leute kennenlernen. Viel Kraft geben ihr auch die Bewohner des Altenheimes, Kollegen, Freunde und ihre Familie. „Wenn sie nicht gewesen wären, wäre ich vielleicht hinterhergegangen“, sagt sie.