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Turmuhr Berta wegen Lärm angezeigt

Thomas Scholz hat Berta, die 100 Jahre alte Turmuhr aus dem Traditionsunternehmen Philipp Hörz aus Ulm, erst im Frühjahr generalüberholt. Finanziert aus Spenden. Jetzt soll die katholische Gemeinde wieder investieren, weil sich ein Anwohner nachts gestört fühlt.
Thomas Scholz hat Berta, die 100 Jahre alte Turmuhr aus dem Traditionsunternehmen Philipp Hörz aus Ulm, erst im Frühjahr generalüberholt. Finanziert aus Spenden. Jetzt soll die katholische Gemeinde wieder investieren, weil sich ein Anwohner nachts gestört fühlt. FOTO: Steffen Rasche
Senftenberg. Berta, der Turmuhr der Katholischen Peter und Paul-Kirche Senftenberg, soll mit der Gesetzeskeule der weltliche Schlag entzogen werden. Ein Anwohner hat sich über das Geläut beschwert, das jede halbe und volle Stunde auch nachts die Zeit verkündet. Von Kathleen Weser

Als vor knapp einem Jahr die Turmuhr der katholischen Kirche in Senftenberg den Geist aufgab, sind der halbe und volle Stundenschlag und das verlässliche Mittagsläuten im Wohnquartier an der Calauer Straße schmerzlich vermisst worden. "Anwohner und auch Patienten des Krankenhauses haben gefragt, warum die Uhr nicht mehr schlägt", bestätigt Pfarrer Roland Elsner. Die katholische Gemeinde hat Spenden gesammelt und Benefizkonzerte veranstaltet, damit die liebevoll auf den Namen Berta getaufte elektromechanische Turmuhr wieder in Gang gebracht werden konnte. Und im April hat Bertas Stunde endlich wieder geschlagen. Zur Freude der Gläubigen und auch der Anwohner. Doch diese Freude ist offensichtlich nur von kurzer Dauer. Denn nunmehr fühlt sich vermutlich ein Neubürger durch den Stundenschlag um die Nachtruhe gebracht. Auf dem Beschwerdeportal Maerker Senftenberg hat er Berta als Ruhestörerin angezeigt. Und die Ordnungshüter im Rathaus schreiten nach Recht und Gesetz zur Tat: Die katholische Gemeinde soll die Turmuhr zwischen 22 und 6 Uhr zum Schweigen bringen.

Das allerdings ist technisch unmöglich. Denn Berta kann nur rund um die Uhr laufen oder ganz stillstehen. Das etwa 100 Jahre alte und frisch aufgemöbelte Uhrwerk funktioniert elektromechanisch. Berta nutzt die Schwerkraft und die Turmhöhe für den Antrieb von Werk, Zeiger und Glockenschlag. Alle sechs Stunden zieht sich das alte Uhrwerk selbst wieder auf. Und nach der Generalreparatur durch Thomas Scholz vom renommierten Unternehmen Schmidt Glockentechnik und Turmuhren aus Berlin läuft es seit April dieses Jahres auch wieder absolut zuverlässig.

Auf rechtlich schwacher Position (siehe Hintergrund) setzt Pfarrer Roland Elsner auf eine gütliche Einigung. Doch der Beschwerdeführer ist ihm unbekannt. Denn seine Anzeige bei der Stadt zwingt die Ordnungsbehörde zum Handeln, als Person aber bleibt er für die Beschuldigten aus Gründen des Datenschutzes anonym.

"Wir müssen etwa 5000 Euro ausgeben, um die alte Uhr durch eine moderne Funkuhr zu ersetzen, mit der der Glockenschlag zur Nachtzeit abgeschaltet werden kann", bestätigt Roland Elsner mit sichtlichem Bedauern. Die Gemeinde würde lieber in den Schallschutz der Wohnung des Anwohners, der sich belästigt fühlt, investieren - so ein Kontakt zustande käme. "Wir haben über die Stadt darum gebeten und können jetzt nur hoffen", so der Pfarrer. Auch Andreas Oyen, Justiziar des Bistums Görlitz, setzt auf eine gütliche Einigung.

Das Senftenberger Ordnungsamt hat gegenüber der Kirche noch keine Anordnung getroffen. Rathaus-Sprecher Andreas Groebe bestätigt, dass der Beschwerdeführer zunächst an die Ansprechpartner der Kirchengemeinde verwiesen wurde.

Bundesweit wird heftig gegen den Stundenschlag zur Nacht geklagt. Beschwerden hatte es auch in Brieske und Hermsdorf gegeben. In Ruhland indes gehört das Geläut als Zeitmesser zum normalen Leben in der Stadt.

Das sakrale, also kirchliche Geläut, das zum Gottesdienst ruft oder die Gläubigen dreimal am Tag daran erinnert, ein Gebet zu sprechen, muss allseits akzeptiert werden. Der kirchenkulturelle Hintergrund dieses Läutens wiegt schwerer als das Ruhebedürfnis des Einzelnen. Die Tradition des Kirchengeläuts ist durch die Religionsfreiheit im deutschen Grundgesetz geschützt. Für Streitfälle sind die Verwaltungsgerichte zuständig.

Das weltliche Geläut, das den Stundenschlag und auch das neue Jahr verkündet, genießt indes keinerlei rechtlichen Schutz. Die Lautstärke der Glocken darf normale Lärmwerte nicht überschreiten. Deshalb ist das Veto gegen den Stundenschlag in der Regel erfolgreich. Liegt der Lärmpegel jedoch nachts unter 40 Dezibel, bleibt es unerheblich, ob sich Anwohner gestört fühlen. Über Lärmbelästigungen durch das Zeitläuten entscheiden im Streitfall die Zivilgerichte.