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| 17:19 Uhr

Ehrenamt im Landkreis Oberspreewald-Lausitz
Trubel, Thriller und Tragödien

Hans-Joachim Pallmann ist der Inbegriff für das Deutsche Rote Kreuz in Ortrand. Der 80-Jährige Helfer ist gleich zweimal geehrt worden: Am „Tag des Ehrenamtes“ des Landkreises OSL und der Sparkasse Niederlausitz und durch Mitarbeiterinnen des DRK, die sich für sein 45-jähriges Engagement bedankten.
Hans-Joachim Pallmann ist der Inbegriff für das Deutsche Rote Kreuz in Ortrand. Der 80-Jährige Helfer ist gleich zweimal geehrt worden: Am „Tag des Ehrenamtes“ des Landkreises OSL und der Sparkasse Niederlausitz und durch Mitarbeiterinnen des DRK, die sich für sein 45-jähriges Engagement bedankten. FOTO: Uwe Hegewald
Ortrand. Ohne Ehrenamt wäre das Leben in der Region nicht so bunt wie es ist. Für ihr Wirken werden deshalb jedes Jahr einige verdienstvolle Bürger aus dem Landkreis OSL ausgezeichnet. Doch wer sind diese engagierten Leute? Die RUNDSCHAU geht auf Personensuche. Heute: Hans-Joachim Pallmann aus Ortrand. Von Uwe Hegewald

Pallmann? Hans-Joachim? Klar kennen wir den, sagen sich nicht nur Einwohner von Ortrand. Zumindest jene, die schon mal mit dem Edelhelfer zu tun hatten. Hans-Joachim Pallmann streitet seinen Bekanntheitsgrad im Ort und darüber hinaus nicht ab. „So ist es eben, wenn man über Jahrzehnte mit so vielen Menschen zusammenkommt“, begründet der 80-Jährige.

Dabei waren die Begegnungen nicht immer von Heiterkeit und Freude begleitet. Als Berufskraftfahrer für den medizinischen Dienst hat der Ortrander nahezu alles erlebt: angespannten Trubel, packende Thriller und schmerzhafte Tragödien. „1960 bin ich ins Gesundheitswesen eingestiegen. Zuerst als Kraftfahrer, ab 1963 bindend für den DRK-Rettungsdienst“, erzählt der frühere Busfahrer. „Meine Eltern besaßen in Ortrand ein Fuhrunternehmen, da war es nur folgerichtig, im elterlichen Betrieb mitzuarbeiten“, so Hans-Joachim Pallmann.

Als er vom damaligen Ortrander Arzt Dr. Gerhard Arnhold gebeten wurde, ihn zu Hausbesuchen zu chauffieren, nahmen die Dinge ihren Lauf. Einer Schulung zum Sanitäter folgten eine Ausbildung zum Entbindungshelfer und weitere chirurgische Fachschulungen. „Es ist immer mal wieder passiert, dass Säuglinge schon auf dem Weg in Kliniken oder Geburtshäusern das Licht der Welt erblickten“, erinnert er sich. Der unverwüstliche B 1000 musste dann kurzerhand als Kreißsaal herhalten.

Gefreut habe es Hans-Joachim Pallmann und den zweiten Stammkraftfahrer Wilhelm Kurt, wenn sich Eltern Tage oder Wochen später für den „besonderen Einsatz“ bedankten. Wie viele Geburten der im benachbarten Klein-Kmehlen Geborene begleitet hat, habe er nie gezählt.

Auch nicht die vielen Menschen, für die nach schweren Verkehrsunfällen jede Hilfe zu spät kam. An drei tödlich verunglückte russische Offiziere eines Militärtransportes kann sich der Ersthelfer ebenso erinnern, wie an einen tschechischen Lkw-Fahrer, der einen defekten Reifen wechseln wollte und ausgerechnet von einem tschechischen Landsmann überrollt wurde. Angesichts fehlender Körperteile, die zusammengesammelt werden mussten, sei mit dem Begriff „Überrollen“ noch ein harmloses Wort gewählt. Hans-Joachim Pallmann war in der Verfassung, die schrecklichen Bilder nicht in seine Seele zu lassen. „Besonders schlimm waren Momente, wenn man Verunfallte oder schwer Erkrankte persönlich kannte oder wenn unter den Opfern Kinder zu beklagen waren. Da sind auch mir die Tränen gerollt“, gesteht er.

Als „wichtigen Anker“ zum Verarbeiten schlimmer Geschehnisse charakterisiert er die Familie. Ehegattin Karin, mit der er seit 1963 verheiratet ist, spendete Trost und zeigte immer Verständnis für die Arbeit ihres Mannes. „Der Krankenwagen stand einsatzbereit vor dem Grundstück. War ich nicht Zuhause, nahm sie am Telefon Notrufe entgegen“, beschreibt der Ortrander einen typischen DDR-Alltag.

Nach der politischen Wende habe sich vieles verändert. Der geliebte B 1000 wurde außer Dienst gestellt, nach Osteuropa verscherbelt und Hans-Joachim Pallmann Dienstfahrten in den Westen gewährt. Verlegungstouren führten bis nach Holland, Hamburg oder in den Schwarzwald und ja, er sei „hin und wieder auch mal geblitzt worden“, so der Berufskraftfahrer, der selbst nie einen Unfall verursacht hat.

Dass mit Eintritt ins Rentenalter nicht gleichzeitig die Zusammenarbeit mit dem DRK endete, zeugt vom Charakter des heute 80-Jährigen. 21 Jahre fungierte er als Vorsitzender des Ortsverbandes der DRK Ortrand, anschließend als Stellvertreter. Als sich der Vorstand 2008 aus gesundheitlichen Gründen zurückziehen musste, übernahm er den Vorsitz bis 2015 ein weiteres Mal.

Veranstaltungen oder Turniere von Sportvereinen begleiten, das medizinische Kontrollfahrzeug beim Pulsnitz- oder Schneeglöckchenlauf besetzen, Musik- und Stadtfeste absichern oder zu welchen ehrenamtlichen Hilfen Mitglieder des Ortrander DRK-Ortsverbandes sonst noch gerufen wurden – auch dafür brachte die Familie Pallmann Verständnis auf. Hörbarer Stolz klingt in den Worten von Hans-Joachim Pallmann mit, wenn er von seinen beiden Töchtern erzählt. „Daniela ist stellvertretende Leiterin eines Pflegedienstes in Schwarzheide, Janett im sächsischen Großenhain in der Altenpflege tätig. So gesehen sind sie beide meiner Laufbahn gefolgt und haben einen Beruf gewählt, in dem es darum geht, anderen Menschen zu helfen“, betont er.