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Tragödien auf den Straßen um Ortrand

Der Verkehrsknoten an der Anschlussstelle Ortrand ist ein Unfallschwerpunkt. Hier treffen die Autobahnzufahrten und mehrere Straßen aufeinander. Zudem ist die Sicht eingeschränkt.
Der Verkehrsknoten an der Anschlussstelle Ortrand ist ein Unfallschwerpunkt. Hier treffen die Autobahnzufahrten und mehrere Straßen aufeinander. Zudem ist die Sicht eingeschränkt. FOTO: Steffen Rasche/str1
Ortrand. Innerhalb weniger Tage haben schwere Unfälle die Kameraden der freiwilligen Feuerwehren des Amtes Ortrand extrem gefordert. Die Belastung für die Einsatzkräfte steigt stetig, auch seelisch. Das bestätigt Sven Wielk, der stellvertretende Amtswehrführer. Kathleen Weser

Die Tragödien auf den Straßen haben in der Einsatz-Statistik der Feuerwehren des Amtes Ortrand das Bekämpfen von Bränden bereits deutlich überholt. Und wieder erschüttert eine schwere Unfallserie die Kameraden bis ins Mark. Neben dem Appell an die Vernunft der Bürger fordern Wehrführung und Amtsverwaltung die Baulastträger der Straßen mit den Unfallschwerpunkten deshalb auch mit Nachdruck zum Handeln auf.

Schreckliche Bilder wieder da

Sonnabend, 1. Oktober: Zu nächtlicher Stunde rufen die Pieper die Einsatzkräfte zu einem schweren Unfall auf der Kreisstraße zwischen Frauendorf und Tettau. Ein junger Mann (26) ist mit seinem Fahrzeug gegen einen Baum an der S-Kurve geprallt. Fünf Jahre zuvor war hier ein Kamerad der Feuerwehr mit seinem Kind tödlich verunglückt. "Diese schrecklichen Bilder sind sofort wieder da", bestätigt Sven Wielk. Dennoch stellen die Einsatzkräfte alle persönlichen Befindlichkeiten zurück. "Jeder, der ausrückt, hat nur den einen Gedanken, schnell zu helfen", erklärt der erfahrene Einsatzleiter.

Diesmal kann das Unfallopfer schwer verletzt aus dem völlig zerstörten Auto gerettet werden. "Auch hier hat es an ein Wunder gegrenzt, dass der junge Mann den Aufprall überlebt hat", schildert Sven Wielk sichtlich erleichtert. Doch nach der Freude über das Glück im Unglück holt die Einsatzkräfte sofort der Schock ein. Die Erinnerungen sind wieder voll präsent. Hauptbrandmeister Sven Wielk ruft den Notfallseelsorger. "Gespräche helfen zwar", sagt er. "Aber die Bilder bekommt keiner mehr aus dem Kopf, ein Leben lang", betont er.

Von Frauendorf kommend ist die Kreisstraße auf schnurgerader Trasse "eine absolute Rennpiste", beklagt Amtsdirektor Kersten Sickert. Tempo 100 ist auf der Strecke, die von Feldern und Wald gesäumt ist und auch starke Wildwechsel verzeichnet, erlaubt. Das muss verkehrsrechtlich überdacht werden, fordert er.

Radler stark gefährdet

Freitag, 7. Oktober: In Tettau wird am Morgen ein Radfahrer (81) von einem Auto erfasst. Beim Aufsteigen auf den Drahtesel vor der Grundstücksausfahrt ist der Mann am Fahrbahnrand aus dem Gleichgewicht und zu Fall gekommen. Feuerwehrleute sind die Ersthelfer vor Ort. Der Senior ist schwer verletzt. Und jede Sekunde des Wartens auf die medizinische Hilfe wird im Bangen um sein Leben sehr lang.

Individuelles Fehlverhalten ist eine der Hauptursachen für Unfälle im Straßenverkehr. "Wir können und wollen das weder be- noch verurteilen", betont Sven Wielk. Aber auf die Tatsache, dass der Anteil der betagten Bürger an der Bevölkerung im ländlichen Raum stark zunimmt, weisen der Feuerwehrmann und der Amtsdirektor eindringlich hin. "Das muss ins Bewusstsein der Fahrer gerückt werden", erklärt Kersten Sickert. Das Fahrrad sei gerade in den Dörfern ein unverzichtbares und viel genutztes Verkehrsmittel. Motorisierte Fahrer müssten sich darauf auch in den Ortslagen einstellen - unabhängig davon, wer vorfahrtsberechtigt sei. In Tettau sind die Hauptverkehrsadern bereits weitgehend mit Tempo-30 ausgewiesen und durch bauliche Verschwenkungen der Fahrbahntrasse beruhigt.

Sonnabend, 8. Oktober: Auf der Autobahn rauscht ein Kleintransporter auf gerader Strecke unter einen Lastkraftwagen, der Milch transportiert. Zufällig ist eine Feuerwehr aus dem Barnim auf der A 13 unterwegs und deshalb als Ersthelfer da. Die Ortrander Feuerwehr rückt unmittelbar danach an - und ist schockiert.

Unvernunft macht sprachlos

"Die Kameraden haben die linke Fahrspur blockiert, um Verletzten an der Unfallstelle ungefährdet zu Hilfe eilen zu können", erzählt Sven Wielk. "Doch die Unvernunft der Autofahrer ist unbeschreiblich. Um nicht im Stau aufgehalten zu werden, fahren viele dann eben rechts an der Einsatzstelle vorbei", schildert der Feuerwehrmann. Auch die Besatzungen der Rettungshubschrauber beklagen immer wieder: Auf der A 13 werden Notfalllandungen bei Unfällen verzögert, weil die Fahrer noch unter dem Helikopter weiterfahren.

Gefährlicher Verkehrsknoten

Montag, 10. Oktober: Nach einem Vorfahrtsfehler kollidieren am Nachmittag drei Autos am Verkehrsknoten, auf dem die Autobahnanschlussstelle Ortrand, die Landesstraße nach Groß kmehlen und die Kreisstraße nach Lindenau aufeinandertreffen. Eine Mutter (33), ihr Kind (2) und der Unfallverursacher (37) werden verletzt in Krankenhäuser gebracht. Diese Kreuzung, die neben der extremen Verkehrsbelastung wegen der Topografie der Landschaft zusätzlich schwer einsehbar ist, treibt dem Amtsdirektor die Sorgenfalten auf die Stirn. "Hier muss etwas geschehen, um mehr Sicherheit zu schaffen", fordert Kersten Sickert. "Aber wir sind bei dem Thema leider nur Bittsteller." Die Baulastträger der Verkehrsadern würden immer wieder und nunmehr erneut angeschrieben - und um eine Lösung, "die nur eine gemeinsame sein kann", gebeten. Bisher erfolglos. Zuständig sind die Brandenburger Autobahnmeisterei, der Landesbetrieb Straßenwesen und der Landkreis.

Der Amtsdirektor verweist darauf, dass der deutlich weniger problematische Verkehrsknoten, an dem bei Schwarzheide lediglich die Anschlussstelle Ruhland der A 13 auf die B 169 trifft, eine Ampelregelung hat. "Auch bei Ort rand ist eine Lichtsignalanlage oder ein Kreisverkehr zwingend erforderlich", stellt der Ort rander Verwaltungschef fest.