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| 01:03 Uhr

Thema der Woche: Chemie-Geschichte(n) „Die Bude musste wieder laufen“

Schwarzheide.. Otto Müller ist das „Muster-Exemplar“ eines DDR-Bürgers – was das Talent betrifft, aus nichts viel zu machen. Das hat der heute 82-Jährige im Synthesewerk Schwarzheide, das zur Zeit seines Wirkens als Betrieb der Sowjetischen Aktiengesellschaft (SAG) geführt wurde, eindrucksvoll unter Beweis gestellt. Von Kathleen Weser

Der in Zschornegosda geborene Otto Müller ist aus gutem Grund wiedermal zu Gast in seiner alten Heimat. Aufmerksam lauscht der agile Mann am Mittwochabend den Ausführungen „des Generals“ . Dr. Hans-Joachim Jeschke plaudert aus der Werksgeschichte. Die Zeit von 1945 bis 53 beleuchtet der langjährige Synthesewerker im zweiten Teil der Chronik der 70-jährigen Werksgeschichte. Wortgewandt und unterhaltsam umreißt Jeschke den Inhalt auch mit dem gebührenden Abstand des Historikers. Dennoch verleugnet er die sehr persönliche Beziehung zum Werk nicht eine Sekunde. Zweifellos eine Gratwanderung.
Unter den vielen, vor allem ehemaligen Mitarbeitern im Saal sitzt Otto Müller. Und er folgt den harten Fakten, Einschätzungen von Jeschke „die keine Wertung darstellen“ sollen, den Episoden und Anekdoten aufmerksam - mal schmunzelnd, aber teilweise auch mit sichtlicher Skepsis. „Dass die DDR wirtschaftlich kaputt gewesen sein soll, kriegt niemand in meinen Kopf rein“ , erklärt der rüstige Senior einen Tag später resolut. In dem Punkt folgt Müller dem Autor nicht. Hans-Joachim Jeschke schätzte bereits Ende der 80er-Jahre gegenüber Funktionären aus der Wirtschaft ein, „dass die DDR gegenüber jedem Jahr, in dem der Westen Fortschritt produziert, zwei Jahre Rückschritt produziert“ . Besser war die These „vom Überholen ohne Einzuholen“ praktisch nicht umzusetzen.
Doch Otto Müllers Überzeugung wird menschlich immer nachvollziehbarer, je länger er über den schweren Neubeginn und seine eigene Rolle dabei spricht. Aus englischer Gefangenschaft hatte er sich Ende 1945 endlich nach Hause durchschlagen können. „Mein Onkel, der schon wieder in der Grube Ferdinand arbeitete, hat mich sofort mit Bergmannsschnaps zugeschüttet. Das werde ich nie vergessen“ , erzählt er lachend. „So wie ich das Zeug geschluckt hatte, sind mir die Tränen aus den Augen geschossen“ , erinnert sich Müller an den gut gemeinten Begrüßungsschluck. Eine Cousine arbeitete damals im Konstruktionsbüro der Brabag als Sekretärin. Sie besorgte ihm den Job als Zeichner. Doch lange stand der Maschinenbauer nicht am Reißbrett.
Das Werk war zum großen Teil zerstört. Die Benzin-Produktion musste wieder zum Laufen gebracht werden. „Viele Pumpen waren defekt. Doch es gab ja nichts, keine Ersatzteile“ , erzählt Otto Müller. Und wenn die Maschinen in der Hauptwerkstatt wieder flott gemacht waren, gaben sie schnell wieder den Geist auf. Denn das Aluminium hielt den Belastungen nicht Stand. Aber Otto Müller hatte einen ausgedienten Hitler-Kopf entdeckt. Wohlweislich ließen er und seine Kollegen die Büste zunächst am Fundort. „Die Russen hätten böse darauf reagieren können, wenn wir sie durchs Werk getragen hätten“ , berichtet der Zeitzeuge. Doch die Bronze legierung versprach länger zu halten. Und so machte sich Müller zur Tischlerei Socher auf, wo nach seinen Modell-Zeichnungen die Gießmuster für neue Maschinengehäuse gefertigt wurden. Mit dem Hitler-Kopf im klapprigen Gefährt wurde Otto Müller dann von den Sowjets auf der Autobahn angehalten. In der Ortrander Hütte wollte er das Bronze-Konterfei einschmelzen lassen. „Nach langen Telefonaten haben mich die Russen dann schließlich mit einem Dawai gehen lassen und unsere Pumpen liefen länger“ , erinnert sich der 82-Jährige. Jede Schraube wurde gesammelt und wieder gangbar gemacht. Darauf hat er geachtet.
„Das war eine schwere Zeit. Über dem Feuer haben wir uns die mitgebrachten Kartoffeln gekocht oder eine magere Suppe warm gemacht.“ Mit Entsetzen hat Müller außerdem festgestellt, dass Leute die Makroparaffine zur Seifenherstellung in die Pfanne gegeben und gegessen haben. Der Schmelzpunkt liegt in einem für die Magen- und Darmwände absolut schädlichen Bereich. Hungrig erklärte Müller den Arbeitern, die selbst kaum Kraft hatten, dass mehr geleistet werden musste. Havarien und schwere Explosionen mit Verletzten und Toten waren praktisch an der Tagesordnung. Aber: „Die Bude musste wieder laufen“ , bringt Otto Müller seine Motivation zum Ausdruck.
Der Schwarzhandel blühte. Und selbst die Russen aus Schwarzheide waren dicke im Geschäft. „Damals wurde Propangas nach Westberlin geliefert. Ein bis zwei Flaschen hatten präparierte Böden, die mit Strümpfen vollgestopft waren“ , weiß Müller zu berichten.
Mit Mitte 20 hatte sich Otto Müller mit seiner Fachkompetenz und Improvisationsgabe als Techniker einen guten Namen im Betrieb gemacht. Er wurde Chef der Nachverarbeitung. Als junger und motivierter Synthesewerker hatte er bald einen Posten bei der Gewerkschaft inne. Die sollte seinen weiteren beruflichen Werdegang bestimmen. 1950 wurde Otto Müller Funktionär. Er arbeitete zunächst bei der Industriegewerkschaft Chemie in Kleinmachnow, später in der Industrie-Führungscrew. 1977 wollte eine Brigade sich seinen Namen geben. „Ich wollte das nicht“ , erzählt er von seiner Reaktion auf das Anschreiben mit der Bitte um seinen Segen. „Ich habe gesagt, sie sollen wenigstens warten, bis ich den Löffel abgegeben habe“ , fügt der Senior der Geschichte hinzu.
Otto Müller ist bis heute überzeugt davon, dass die Menschen alles gegeben haben. Als einen der Grundfehler der sozialistischen DDR-Gesellschaft betrachtet er, „dass immer nur die Besten gelobt wurden. Die Mist gebaut hatten, wurden nie genannt. Dafür bin ich nicht gewesen. Und das war auch falsch“ , betont Müller. Erwirtschaftet worden sei genug. Von den sozialen Errungenschaften haben alle profitiert. Die Einschränkungen der persönlichen Freiheit haben das Ende der DDR besiegelt, so seine Überzeugung.
Mit Zahlen und Fakten belegt Dr. Hans-Joachim Jeschke im Teil II der Werkschronik am Beispiel des Synthesewerks anderes: Den „systematischen Kapitalentzug aus dem Betrieb durch die Sowjets und die ins Unverantwortliche ausufernde soziale Funktion des Werks, das zum Schluss auch das gesamte gesellschaftliche Leben für die Belegschaft organisierte und finanzierte“ nennt der Autor mit als Gründe dafür, dass die DDR wirtschaftlich immer stärker ins Hintertreffen geriet.
Einer, der sich diese Sicht auf die Geschichte ganz genau zu Gemüte führen will, ist Otto Müller. Gestern ist er zurück nach Berlin gefahren - im Gepäck die druckfrische Chronik des Werkes, dem er sich bis heute verbunden fühlt.