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| 14:29 Uhr

Theater-Spektakel 2019 in Senftenberg: Fontane am Zug
Theaterschwoof in der Gemüsehalle

 Ist das nicht ein toller Raum zum Feiern? Axel Tonn, Technischer Direktor der Neuen Bühne, in der früheren Gemüsehalle am Güterbahnhof. Geräumt und mehrfach geputzt wird sie das passende Ambiente für Musik und Tanz zum Abschluss der Spektakel-Feste in der ersten Augustwoche bieten.
Ist das nicht ein toller Raum zum Feiern? Axel Tonn, Technischer Direktor der Neuen Bühne, in der früheren Gemüsehalle am Güterbahnhof. Geräumt und mehrfach geputzt wird sie das passende Ambiente für Musik und Tanz zum Abschluss der Spektakel-Feste in der ersten Augustwoche bieten. FOTO: Rasche FOTOGRAFIE / Steffen Rasche
Senftenberg. Spektakel 2019 „Fontane am Zug“: Die Senftenberger bauen ihre Bühnen an ungewöhnlichen Orten auf. Von Heidrun Seidel

Für eine Woche zieht buntes Leben in das desolate Senftenberger Bahnhofsumfeld ein. Dafür sorgt ab 3. August die Neue Bühne mit ihrem 2019er-Spektakel „Fontane am Zug“. Dem 200. Geburtstag des brandenburgischen Schriftstellers und Dichters ist das Fest zum Spielzeit-Auftakt gewidmet.

Der war zwar im Norden des heutigen Oberspreewald-Lausitz-Kreises unterwegs, aber vermutlich nie in Senftenberg. Er hätte aber auf seinen Wanderungen durch Brandenburg (1862 bis 1889) durchaus am Bahnhof landen können. Schließlich soll das erste Bahnhofsgebäude der Stadt bereits 1869 und das zweite 1874 errichtet worden sein. Damals sah es sicherlich noch jung und frisch aus. Heute dagegen ist es auch nach Ansicht der Stadtoberen ein Schandfleck, weder einladend noch förderlich für den Tourismus.

Für eine reichliche Woche aber soll das anders sein. Dafür wollen die Verwandlungskünstler des Theaters in den nächsten Wochen sorgen und so mit ihren Kulissen vielleicht auch Anregungen für das wahre Leben geben.

Dass diese Aufgabe die Theaterleute besonders herausfordert, ist dem Technischen Direktor Axel Tonn bewusst. Nicht nur, dass die Räume im Bahnhof, die seit vielen Jahren nicht der Öffentlichkeit zugänglich waren, mit Aufwand und Theater-Tricks herzurichten sind. Auch das Umfeld um den Wasserturm, die ehemalige Gemüsehalle oder der Spielort vor dem „ozeanblauen Zug“ in der Güterbahnhofstraße, mit dem in der Inszenierung „Souvenir 1870“ die 11. Theatertage des Deutschen Bühnenvereins/Landesverband Ost eröffnet werden, fordern viel Arbeit und Geschick. Vor allem aber ist es die Zeit, die den Theaterleuten im Nacken sitzt. Denn nach den Theaterferien bleibt lediglich eine Woche, ehe am Premierenabend, dem 3. August, zur Abfahrt gerufen wird.

Doch das kann die Leidenschaft und den Ehrgeiz von Axel Tonn und den Mitarbeitern nur befördern. Schon jetzt brennt der 56-Jährige vor Begeisterung, wenn er durch das Areal geht. Da ist die einstige Mitropa-Gaststätte, in der es um die Essgewohnheiten Fontanes, wie er sie in vielen seiner Werke beschreibt, gehen wird. Während auf der einen Seite die Traversen für die Zuschauerplätze liegen, stehen auf der anderen bereits die ersten Kulissen und Requisiten bereit: Geweihe an den Wänden, Theater-Kochmaschinen mit weißblau angemalten Fliesen, Gläser, Kannen, Lebensmittel aus Plastik oder Pappmaché. Der Raum ist seit Jahren ungenutzt, obwohl er offenbar noch kurz vor der Schließung renoviert und modernisiert worden war und ein interessantes Ambiente für „coole locations“, wie es neudeutsch heißt, bieten könnte. Ebenso der einstige Mitropa-Imbiss nebenan. Hier verrät die Zimmerdecke, das die Arbeiten offenbar mitten in der Sanierung abgebrochen wurden. Zwar ist sie noch verkleidet und verspachtelt, doch nicht mehr gestrichen worden. Die Theaterleute lassen hier „Emilies Strand“ am See entstehen, an dem Fontanes Frau Emilie mit den Roman-Frauen des Schriftstellers ins Gespräch kommt.

Ein paar Schritte weiter geht es in ein anscheinend vergessenes Tunnelsystem, in dem einst die von Reisenden aufgegebenen Gepäckstücke ihren Weg zu den unterschiedlichen Bahnsteigen gefunden haben. Mehrmals ausgekärchert und geputzt werden sie nun zur etwas unheimlichen Begegnungsstätte von Theodor Fontane und Theodor Storm.

Vor fast einem Jahr hatte Tonn begonnen, die Eigentümer und Partner für das Theaterprojekt zu begeistern. „Daraus ist eine wunderbare Zusammenarbeit geworden“, berichtet er. Deutsche Bahn, die Stadt Senftenberg als einer der neuen Eigentümer des Bahnhofumfeldes, der WAL, die Stadtwerke und Anlieger wie die Hummel-Druckluft GmbH helfen auf unterschiedliche Weise mit, das Areal „bewohnbar“ zu machen.

So wird im derzeit noch zugewucherten Gelände am Wasserturm nicht nur Fontanes Apotheke entstehen. Auch Bürgerhäuser oder Bootsschuppen laden zum Flanieren durch eine Brandenburger Kleinstadt-Idylle und schließlich am „Weiten Feld“ zu einer weiteren Episode des vierteiligen Theaterstückes „Theodor und wie er sich in die Welt schrieb“ von Tilo Esche und Katja Stoppa ein.

„Da ist noch viel zu tun“, weiß Tonn, ehe diese „Potemkinschen Dörfer“ aufgebaut sein werden. In den Werkstätten wird seit Monaten gebaut – und auch in den Theaterferien herrscht kein Stillstand. Ein paar Meter weiter schwingt auch Tim Lehmann den Pinsel. Der 14-jährige Gymnasiast hat vor seinem Praktikum in der Licht- und Tontechnik einen Ferienjob angenommen und streicht ein neu aufgebautes Geländer an der früheren Gemüsehalle. „Das mussten wir aus Sicherheitsgründen errichten“, erklärt Axel Tonn. Hier kommen die Zuschauer an und erhalten ihre Karten für die einzelnen Stücke. „Da muss die einstige Laderampe sicher sein, hat die Bauaufsicht mit Recht gefordert.“

Im Innern eröffnet sich eine lang gestreckte Halle. An den Wänden Schilder mit Städtenamen aus der Region: Finsterwalde, Kamenz, Hoyerswerda, Dresden, Riesa. Zwischen stützenden Säulen erinnern alte Plattformwaagen an die frühere Bestimmung. „Es ist die einstige Gemüsehalle. Vermutlich wurden von hier aus mit der Bahn angelieferte Waren per Lastwagen in die Region verteilt.“ Ab 3. August jedenfalls soll hier gefeiert werden. Bis lange nach Mitternacht spielt die extra für das Spektakel gegründete Band „Die fliegenden Lokomotiven“ zum Tanz auf. Zuvor aber geht es noch ein paar Schritte weiter die Güterbahnhofstraße entlang. Hier wird der Theaterzug „Das letzte Kleinod“, mit dem Jens-Erwin Siemssen mit seinen Mitstreitern seit Jahren durch die Lande tourt, im fünften Stück des Abends an die Kriegserlebnisse von Theodor Fontane erinnern. Die Künstler, unter ihnen auch Mitglieder des Senftenberger Ensembles, haben an Originalschauplätzen das Stück entwickelt und geprobt. „Ich stell mir das Spielen am und im Zug fantastisch vor“, freut sich Axel Tonn. „Das ist doch einmalig!“ Die Sondergenehmigungen für die Nutzung der Gleise hat er natürlich schon längst beantragt.

 Ist das nicht ein toller Raum zum Feiern? Axel Tonn, Technischer Direktor der Neuen Bühne, in der früheren Gemüsehalle am Güterbahnhof. Geräumt und mehrfach geputzt wird sie das passende Ambiente für Musik und Tanz zum Abschluss der Spektakel-Feste in der ersten Augustwoche bieten.
Ist das nicht ein toller Raum zum Feiern? Axel Tonn, Technischer Direktor der Neuen Bühne, in der früheren Gemüsehalle am Güterbahnhof. Geräumt und mehrfach geputzt wird sie das passende Ambiente für Musik und Tanz zum Abschluss der Spektakel-Feste in der ersten Augustwoche bieten. FOTO: Rasche FOTOGRAFIE / Steffen Rasche