Großes Hallo vor dem Schultor in der Calauer Straße in Senftenberg: Frauen und Männer fallen sich in die Arme, lachen und rufen durcheinander. „Mensch, dich hab ich gleich wiedererkannt.“

Ein freudiges Szenario, wie eben immer bei einem Klassentreffen Jahrzehnte nach dem Schulabschluss. Und doch ist bei diesem etwas anders: Denn zu diesem Treffen hat ein Berliner Regisseur, Kulturmanager und Autor aufgerufen: Günter Jeschonnek (68) steht inmitten der quirligen Wiedersehensszene und freut sich.

Mutiges Stück mit Mauer und Stacheldraht auf der Bühne

Der Kulturmacher aus Berlin war 1983/84 schon einmal für einige Zeit in Senftenberg. Als junger Regisseur inszenierte er am damaligen Theater der Bergarbeiter in Senftenberg ein Stück mit dem Titel „Stadt ohne Liebe“. Dieses „Märchen für Erwachsene“ des Russen Lew Ustinow beschreibt einen schlimmen Zustand einer Gesellschaft im 20. Jahrhundert, in der die technischen Erfindungen eher gegen als für das Wohl der Menschen eingesetzt werden. Das Stück wird ziemlich mutig, sogar mit Mauer und Stacheldraht auf der Bühne und unterschwelligen Gleichnissen zur DDR-Grenze, inszeniert. „Wir wollten als junge Künstler etwas Unruhe in diese Stadt bringen“, benennt Günter Jeschonnek seinen damaligen Antrieb.

Wünsche und Träume im Programmheft

Passend dazu gestalten Regisseur und Dramaturg auch ein höchst politisches Programmheft zum Theaterstück: Dafür wurden Schülerinnen und Schüler einer damals sechsten Klasse zu ihren Träumen und Wünschen an die ferne Zukunft im Jahr 2000 befragt. „Die Fabriken müßten eine doppelte Entschwefelung haben, damit unsere Luft mal sauberer wird“ oder „Auf allen Neubauhäusern blühen in den Dachgärten Blumen, Gräser und Kirschsträucher“, heißt es darin. Aber einer wünscht sich auch „ein Gerät, mit dem man innerhalb von zehn Minuten alles weiß, was man in zehn Jahren Schule alles lernen müßte“. Kleine Utopien, aufgeschrieben von damals zwölf- und dreizehnjährigen Jugendlichen. Manches ist auch heute noch höchst aktuell.

Für Günter Jeschonnek ist dies ein Stück Zeitgeschichte. 30 Jahre nach dem Fall der Mauer ging er nun auf die Suche nach eben jenen Sechstklässlern von einst. Um zu erfahren, welche Hoffnungen, Sehnsüchte und Wünsche diese jungen Senftenberger fünf Jahre später an den Fall der Mauer und an die deutsche Wiedervereinigung geknüpft haben – und welche davon wahr oder auch nicht wahr geworden sind.

Gesucht und wiedergefunden

Von den einst 16 Schülern aus der 6R der damaligen POS „Anton Saefkow“ Senftenberg, einer Russisch-Sprachklasse, haben sich 15 tatsächlich bei Günter Jeschonnek gemeldet. Die Frauen und Männer sind heute so um die 47 Jahre alt, haben meist Familien, interessante Berufe und Hobbys. Drei von ihnen haben promoviert und tragen einen Doktortitel.

Nur vier leben noch (oder wieder) in Senftenberg und der Region. Einige hat es in den Speckgürtel von Berlin verschlagen, andere wiederum weit in den Westen nach Hamburg, Braunschweig und Frankfurt/Main. Die weiteste Anreise nimmt zu diesem Klassentreffen der besonderen Art eine Sprachwissenschaftlerin aus Cardiff in Wales auf sich, die an der dortigen Universität lehrt. Dr. Cornelia Opitz ist zum ersten Mal seit Jahrzehnten wieder in Senftenberg. „Ich habe sehr schöne Erinnerungen an meine Zeit hier“, sagt sie.

Darin sind sich auch die meisten der anderen 6R-Schüler aus dem Jahr 1984 einig. „Wir hatten eine behütete und glückliche Kindheit. Und wir haben aus allem das Beste gemacht“, sagt Thomas Müller, der heute in Friedberg in Hessen lebt.

Zu jung und jung genug

Dass die Umweltthemen den damaligen Schülern in ihrem Text für das Theaterprogrammheft am meisten am Herzen lagen, „ist nicht verwunderlich. Der Kohlenstaub war damals überall, sogar beim Schwimmen im See musste man sich anstrengen, den Dreck von sich weg zu wischen“, erinnert sich Cornelia Weise heute noch.

Um das Fehlen von Freiheit und Selbstbestimmung im DDR-Regime richtig schmerzhaft zu bemerken, sei man eventuell zu jung gewesen, bevor die Grenzen dann aufgingen, glaubt Alexander Winter, der heute in Dresden lebt. Aber gleichfalls waren alle auch jung genug, um die Möglichkeiten, die sich ab 1989 plötzlich zahlreich boten, beherzt zu ergreifen.

Ein Buch zur Wiedervereinigung

Für Regisseur und Autor Günter Jeschonnek sind die Gespräche mit den Frauen und Männern, die ihre Wurzeln in Senftenberg haben, hoch interessant. Er plant, bis zum Jubiläum der deutschen Wiedervereinigung 2020 ein Buchprojekt über die Schicksale der damaligen Schülerinnen und Schüler aus der „Patenklasse“ des Senftenberger Theaters zu realisieren.