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| 03:03 Uhr

Studenten wagen das große Experiment Eisenguss

Giorgi Gugunava, Sonja Schrade und Bianka Mieskes beim Ausklopfen ihrer Werke aus der Form und dem Ölsand. Foto: A. Jurk/ajk1
Giorgi Gugunava, Sonja Schrade und Bianka Mieskes beim Ausklopfen ihrer Werke aus der Form und dem Ölsand. Foto: A. Jurk/ajk1 FOTO: A. Jurk/ajk1
Kreative junge Bildhauer arbeiten in der Kunstgießerei Lauchhammer mit Eisen. Für die hoffnungsvollen Künstler ist das ein Experiment, das sich selten bietet. Dieses Metall hat den Vorteil gegenüber Bronze, dass die Schmelze sehr dünnflüssig ist und deshalb in feinsten Linien in den Formsand läuft. Damit kann haargenau gearbeitet werden – wie die jüngste Bildhauer-Werkstatt zeigt. Anne Jurk

Lauchhammer. Warm, wärmer, heiß ist es in der Kunstgießerei in Lauchhammer. Drei Studenten stehen mit dicken Handschuhen bewaffnet über klobigen Kästen, aus denen sie ihre fertigen Kunstwerke befreien. Die Formen, die zwischen dem roten Sand zum Vorschein kommen, sind erstaunlich. Sie ähneln einem Igel und einer Heugabel, in die eine Pistole eingearbeitet wurde. Auch eine Platte mit 1000 Gesichtern kommt zum Vorschein.

Zum zweiten Mal sind Studenten und Absolventen der Kunsthochschule Burg Giebichenstein bei Halle in der Traditionsmanufaktur zu Gast, um das Arbeiten mit Eisenguss selbst zu erfahren. Normal ist, dass Künstler ihre Werke gießen lassen. Hier können sie das selbst tun.

Sonja Schrade (32) aus Bremen hat ihr Studium als Diplom-Bildhauerin gerade abgeschlossen und ist zum zweiten Mal dabei. "Die Gießerei hat eine schöne und ganz andere Atmosphäre zum Arbeiten", sagt sie sichtlich begeistert. Auch Giorgi Gugunava (32), der aus Georgien stammt, und Bianka Mieskes (30) aus Tübingen sind jetzt froh, dass sie den langen Weg "zusammen mit Zug und Fahrrad" auf sich genommen haben. "Man hat so die Möglichkeit, einmal mit anderen Verfahren zu experimentieren, die wir an der Hochschule nicht anwenden können", erklärt Bianka Mieskes. Eines nennt sich "Ölsand-Verfahren". Ölsand ist ein Rohstoff, der im Tagebau abgetragen wird und aus dem Erdöl gewonnen werden kann. Er hat eine lehmrote Farbe, ist jedoch poröser als Lehm und verhärtet nicht bei Hitze.

Diesen Ölsand stampfen die Studenten in der Form fest und zeichnen dann ihr Negativ-Muster hinein, in das später das flüssige Eisen gegossen wird. Durch dieses Verfahren können sich die Studenten in Positiv-Negativ-Formen üben und lernen gleichzeitig, wie sich das flüssige Eisen verhält. "Es ist auch eine schöne Erfahrung, von dem Wissen und der Erfahrung der Arbeiter hier profitieren zu können", lobt Sonja Schrade. Dabei fällt Bianka Mieskes gleich noch eine witzige Geschichte ein. "Ein Experiment von einer Studentin vor uns war es, echte Weintrauben als Formgeber einzuarbeiten und diese dann von dem heißen Eisen ausbrennen zu lassen. Sie hat die frischen Weintrauben also in den Sand gedrückt, die Form verschlossen und das Eisen hineingegossen. Als sie die Form öffnete, waren die Weintrauben aber noch da. Das heiße Eisen hat ihnen nichts anhaben können", erzählt sie schmunzelnd und zeigt auf die Weintrauben, die als Beweismaterial noch immer am Boden liegen.

Da das Hauptthema "Eisen - Zukunft - Lauchhammer" der Bildhauer-Werkstatt viel Spielraum lässt, können die Studenten ihrer Kreativität freien Lauf lassen und alles ausprobieren, was ihnen in den Sinn kommt. "Ich habe bereits viele Gesicht-Körper-Konglomerate gezeichnet - und da denke ich, dass es kein Zufall ist, wenn ich jetzt wieder hier Gesichter habe. Man wird von seinen früheren Arbeiten schon beeinflusst", erzählt Bianka Mieskes. Vor ihrem Studium hat sie bereits eine Ausbildung als Steinhauerin beendet und hat, unterstützt durch ein Stipendium, längere Zeit in Florenz lernen können. "Bei vielen von uns ist das ähnlich. Deshalb sind wir auch schon etwas älter", erklärt sie weiter, während sie ihre Werke zum Auskühlen beiseite räumt und noch einmal kritisch betrachtet. "Ob unsere Werke eine tiefere Bedeutung haben, ist schwer zu sagen, für uns sicherlich. Aber genauso können sie dem Betrachter eine ganz andere geben, und keine von beiden ist falsch. Wir wollen unsere daher nicht verraten, um den Betrachter nicht in eine vorherbestimmte Richtung zu lenken."

Zum Thema:
Kunstgussmuseum Lauchhammer und die Traditionsmanufaktur haben im vergangenen Sommer eine zu DDR-Zeiten bereits fruchtbringende Kooperation mit der Kunsthochschule Burg Giebichenstein neu belebt. Prof. Bernd Göbel, bis zum Jahr 2008 Dekan für Bildende Kunst der Hochschule, hatte seit den 80er-Jahren einen engen Kontakt zur Kunstgießerei Lauchhammer aufgebaut Am Ende der diesjährigen Bildhauer-Werkstatt werden die Arbeiten der Studenten in einer Ausstellung ab dem 7. September im Kunstgussmuseum Lauchhammer gezeigt. Ein Werk stiftet jeder Student dem Museum. Eine zweite Ausstellung findet etwas später in Schloss Hohenbocka statt. Dort werden Bildhauerzeichnungen von allen Studenten der Kunsthochschule in Halle zu sehen sein.

Ein Gesicht mit tausend Formen. Das Kunstwerk von Bianka Mieskes. Foto: A. Jurk/ajk1
Ein Gesicht mit tausend Formen. Das Kunstwerk von Bianka Mieskes. Foto: A. Jurk/ajk1 FOTO: A. Jurk/ajk1