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| 06:45 Uhr

Die schwimmenden Häuser auf dem Geierswalder See
Wohnen auf dem Wasser als Lausitzer Albtraum

 Die schwimmenden Häuser auf dem Geierswalder See sind für das Lausitzer Seenland konzipiert worden. Die gefluteten Tagebaue in der Lausitz und im Leipziger Seenland sollen Beispiele moderner Wohnkultur werden.
Die schwimmenden Häuser auf dem Geierswalder See sind für das Lausitzer Seenland konzipiert worden. Die gefluteten Tagebaue in der Lausitz und im Leipziger Seenland sollen Beispiele moderner Wohnkultur werden. FOTO: Frank Hilbert
Geierswalde. Geflutete Lausitzer Tagebaue wie der Geierswalder See werden als Ferienorte für das Wohnen auf dem Wasser entwickelt. Inzwischen gibt es kräftig Streit um die schwimmenden Ferienhäuser. Denn für Kapitalanleger ist der Vermieter-Traum vom modernen Urlaub in den futuristischen Modulhäusern schon zum Albtraum geworden. Von Torsten Richter-Zippack

Für moderne Wohnwelten auf dem Wasser stehen die schwimmenden Häuser im Lausitzer Seenland. Eine neue Lebenskultur, gebaut mit Glas und Stahl auf einem unsinkbaren Ponton, auf dem Geierswalder See (Landkreis Bautzen) ist bereits mehrfach preisgekrönt – seit anderthalb Jahren aber auch Gegenstand eines Rechtsstreites um fünf Millionen Euro.

Denn zwei Bautzener Unternehmer, die in drei schwimmende Häuser im Wohnhafen Scado auf dem Geierswalder See investiert haben, können sie nicht nutzen. Wegen mangelnder Sicherheit sind die Ferienobjekte von der Genehmigungsbehörde des Landkreises Bautzen gesperrt worden. Angeblich baugleiche schwimmende Häuser anderer Eigentümer, die am selben Steg liegen, werden indes weiter uneingeschränkt vermietet.

Die Nehrigs investierten viel in die Anlage auf dem Wasser

 „Mein Bruder und ich haben unfassbar viel Herzblut und Geld in diese Ferienhaus-Anlage gesteckt“, sagt Investor Holm Nehrig. Gemeinsam mit Bruder Dirk führt er in der Oberlausitz erfolgreich ein Firmenkonsortium mit Unternehmen in der Immobilienbranche, Logistik und Verpackung.

 Eine der Kollisionsstellen. An dieser Stelle stießen die beiden westlichen Schwimmhäuser zusammen. Das westlichste Gebäude dient als eine Art Wellenbrecher.
Eine der Kollisionsstellen. An dieser Stelle stießen die beiden westlichen Schwimmhäuser zusammen. Das westlichste Gebäude dient als eine Art Wellenbrecher. FOTO: Torsten Richter-Zippack

Den Herbststürmen Xavier und Herwart, die im Oktober 2017 mit mehr als 110 Stundenkilometern über die Lausitz hinwegfegten, haben die Unternehmer-Brüder eine traurige Gewissheit zu verdanken: Die schwimmenden Häuser sind bei extremen Wetterbedingungen nicht sicher, ja lebensgefährlich.

Zwei der drei schwimmenden Ferienhäuser haben dem extremen Wind nicht standgehalten. Sie wurden von den Stegen gerissen, die Gebäude kollidierten miteinander. In der ersten der beiden Sturmnächte hatte eine Bautzener Familie das westliche der insgesamt fünf Geierswalder Schwimmhäuser gemietet. „Der Vater ist mit seinen drei Kindern in Panik geraten. Er nahm an, sie würden mit dem Haus untergehen und haben es mitten in der Nacht verlassen“, schildert Holm Nehrig. Er behauptet: Die schwimmenden Häuser von Geierswalde hätten niemals aufs Wasser gedurft. „Sie haben eine Gebrauchstauglichkeit, die gegen null tendiert“, sagt Nehrig. Die beiden auf dem Wasser des heftig bewegten künstlichen Binnensees treibenden schwimmenden Häuser mussten von Kräften des Technischen Hilfswerkes wieder zur Steganlage nahe dem Ufer zurückgebracht werden – und sind dann sofort amtlich gesperrt worden.

 Blick auf vier der fünf schwimmenden Häuser im Geierswalder See – die beiden linken Gebäude gehören den Nehrig-Brüdern, die zwei rechten der Firma St37 Wilde & Wilde GbR.
Blick auf vier der fünf schwimmenden Häuser im Geierswalder See – die beiden linken Gebäude gehören den Nehrig-Brüdern, die zwei rechten der Firma St37 Wilde & Wilde GbR. FOTO: Torsten Richter-Zippack

Die Nehrig-Brüder haben einen Gutachter beauftragt. Bernd Sauter aus Siegen (Nordrhein-Westfalen) hat die Konstruktionen zwischen den schwimmenden Häusern und dem Steg aus verschiedenen technischen Gründen als mangelhaft beurteilt. Eine zweite Sicherung, beispielsweise mit einer Kette unter Wasser, fehle. Zudem habe der Gebäude-Hersteller, die Firma Metallbau Wilde aus Massen bei Finsterwalde (Elbe-Elster), bei der ursprünglichen Gebäudeplanung lediglich maximale Wellenhöhen von 37 Zentimetern am Geierswalder See berücksichtigt. Von Natur aus könne die Wellenhöhe aber deutlich über 1,20 Metern liegen. Das wiederum besagt ein Wind-Wellen-Gutachten von Prof. Jürgen Stamm vom Institut für Wasserbau und Technische Hydromechanik der Technischen Universität Dresden.

Die Gebäudehülle ist nicht dicht genug

Dazu, so zitiert Investor Holm Nehrig den von ihm beauftragten Gutachter, kämen Schäden in den schwimmenden Häusern: Die Gebäudehülle sei nicht dicht genug, die Fußböden entsprächen nicht den Bauvorschriften, die Befestigungen der Vorhangfassaden der Gebäude erfolge nicht nach den Regeln der Technik, auch frostsichere Wasserleitungen und Dämmungen fehlten.

 Anlieferung der Pontons für drei schwimmende Häuser in Geierswalde. Sie werden zum endgültigen Anker-Standort gezogen.
Anlieferung der Pontons für drei schwimmende Häuser in Geierswalde. Sie werden zum endgültigen Anker-Standort gezogen. FOTO: Torsten Richter-Zippack

Nach Sturm Xavier hat die Genehmigungsbehörde des Landkreises Bautzen den Nachweis der Hauseigentümer gefordert, dass die schwimmenden Häuser sicher sind. „Bei solch einem Sonderbau hätte das Landratsamt aber doch vor Erteilung der Genehmigung besonders prüfen müssen“, sagt Holm Nehrig. Er hat inzwischen den Schriftverkehr des Antragsverfahrens eingesehen. Demnach soll die Behörde in der Tat erhebliche Bedenken vorgebracht haben. Diese sind, so glaubt Nehrig, dann aber in der Aktenlage versickert, weil durch politischen Druck das Seenland-Vorzeigeprojekt der schwimmenden Ferienhäuser unbedingt umgesetzt werden sollte.

Das Bautzener Landratsamt lehnt eine Stellungnahme dazu mit dem Verweis auf ein laufendes Verfahren ab, teilt Kreis-Sprecherin Frances Lein mit. Derzeit gehen die Brüder Nehrig rechtlich gegen die Behörde vor.

 Mit zwei Gebäuden begann im Jahr 2009 die Geschichte der schwimmenden Häuser auf dem Geierswalder See. Vier Jahre später folgten die nächsten drei.
Mit zwei Gebäuden begann im Jahr 2009 die Geschichte der schwimmenden Häuser auf dem Geierswalder See. Vier Jahre später folgten die nächsten drei. FOTO: Torsten Richter-Zippack

Der Erbauer der schwimmenden Häuser vom Geierswalder See, Unternehmer Thomas Wilde, erklärt: Die drei Gebäude der Nehrigs seien zu großen Teilen in deren eigener Verantwortung erstellt worden. „Unsererseits wurden lediglich die Schwimmkörper, also Pontons, und die Gebäudehüllen als Ausbauhäuser errichtet“, sagt Wilde. Zur Ausführung der Eigenleistungen der Bautzener Unternehmer lägen ihm keine detaillierten Angaben vor. Holm Nehrig erklärt, dass die von ihm und seinem Bruder durchgeführten Arbeiten „nichts mit der Statik und der Befestigung der Häuser zu tun haben“. Thomas Wilde betont indes, die von seiner Firma verwendeten Bauteilgruppen stimmten mit den Angaben im Bauantrag überein.

Wilde selbst besitzt am Geierswalder See zwei der insgesamt fünf Schwimmhäuser. Diese werden bis heute als „Lausitz Resort“ betrieben und können von Gästen gebucht werden. Denn: „Es liegen definitiv keine Beanstandungen seitens der Genehmigungsbehörde vor“, betont Wilde. Er will hier noch weitere 15 der schwimmenden Modulhäuser errichten.

Derzeit noch keine Normung in Deutschland

An der Brandenburgischen Technischen Universität (BTU) Cottbus-Senftenberg befasst sich ein fachübergreifendes Expertenteam am Institut für Schwimmende Bauten mit dem Thema Wohnen auf dem Wasser. „An der Projektierung und Umsetzung der Gebäude auf dem Geierswalder See haben wir keinen Anteil“, stellt Sprecher Prof. Horst Stopp klar. Derzeit aber gebe es für solche Gebäude in Deutschland noch keine Normung, stattdessen nur Zulassungen in Einzelfällen. „Deshalb ist es in der Regel so, dass es bei den zuständigen Behörden eine besondere Angst gibt, etwas falsch zu genehmigen. Daher wird eher alles ganz intensiv durchleuchtet“, schätzt er ein.

Haus-Lieferant und Investoren streiten jetzt vor dem Schiedsgericht. Holm und Dirk Nehrig wollen erreichen, dass ihr Kauf der schwimmenden Häuser rückabgewickelt wird. Sie beziffern den Streitwert auf rund fünf Millionen Euro. Insgesamt haben die Brüder eigenen Angaben zufolge knapp drei Millionen Euro am Standort Geierswalde investiert, davon 600 000 Euro Fördermittel. Hinzu komme mittlerweile eine siebenstellige Summe für Gutachten und Justiz. Vom ursprünglichen Plan, direkt neben dem Leuchtturm-Hotel am Geierswalder See zehn weitere Wasser- und sechs Landhäuser zu errichten, nehmen die Brüder vorerst Abstand.

Kommentar:Klarheit zur Sicherheit muss her

Hier geht’s zu einem 360-Grad-Panorama von den schwimmenden Häusern.

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Schlafen & Träumen im Wasserbett XXL:In den Schlaf geschaukelt

 Blick vom Wasser auf die schwimmenden Häuser.
Blick vom Wasser auf die schwimmenden Häuser. FOTO: Torsten Richter-Zippack