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| 02:45 Uhr

Straße wird zum Gefrierschrank

Der Winterdienst hatte schon einiges zu tun, wie hier zwischen Schipkau und Senftenberg. Doch das soll es noch nicht gewesen sein.
Der Winterdienst hatte schon einiges zu tun, wie hier zwischen Schipkau und Senftenberg. Doch das soll es noch nicht gewesen sein. FOTO: Rasche/str1
Schwarzheide. Drei der sprichwörtlich sieben kleinen Winter sind geschafft. Aber diese hatten es teilweise in sich. Im Flachland reichen drei Flocken übereinander, und die Rutschpartie auf den Straßen und Wegen kann trotz des Winterdienstes beginnen. Manfred Feller

Nach jedem Schneefall klingeln in Ordnungsämtern der Kommunen und in Straßenmeistereien zeitweise die Telefone heiß. "Schlaft ihr?", ist da noch die harmloseste Kritik. Am 4., 5., 6. und 9. Januar hatte auch die Straßenmeisterei des Landesbetriebes Straßenwesen in Schwarzheide viele erhitzte Gemüter zu beruhigen, sagt deren Leiter Sören Miertzsch, obwohl alle Fahrzeuge und Kollegen seit 3 Uhr auf der Piste waren.

Die Beschimpfungen gehen teilweise tief unter die Gürtellinie, heißt es. Was in bergigen Regionen kein Mensch verlangen würde, eine Frau aus Hoyerswerda forderte es. "Sie müsse täglich von Hoyerswerda nach Senftenberg zur Arbeit und möchte auch im Winter auf den Bundesstraßen Tempo 100 fahren", erinnert sich der Leiter. "Es gibt auch Leute, die sachlich bleiben. Wir klären sie auf, warum es nicht anders geht, und sie sehen es ein", so Sören Miertzsch. Andere wollen das gar nicht hören, sondern fordern jederzeit freie Straßen. Mit dem vorhandenen Personal, der Technik und mit Blick auf die Gesamtkosten sei dies unmöglich.

Auf manchen Strecken sorgen laut dem Straßenmeister auch objektive, nicht beeinflussbare Gründe für glatte Straßen. Ein Beispiel: Wer in der vorigen Woche zwischen dem Bermuda-Dreieck bei Allmosen und Großräschen sowie weiter in Richtung Finsterwalde beziehungsweise in der Gegenrichtung unterwegs war, ist über kreuzgefährliche Eisplatten supervorsichtig wie auf Eiern gerollt. Bei einem plötzlichen Lenk- oder Bremsmanöver sind da selbst 30 bis 40 km/h zu viel. Solche Zustände müssen nicht sein!

Eiskalter Dammkörper

Diese Strecke bereitet den Winterdienstlern große Sorgen, erklärt Sören Miertzsch. Die B 96 ist dort leicht erhöht. Dieser Dammkörper kühlt auch durch den Wind schneller aus als jene Straßen in ebenerdiger Bauweise. "Dadurch wirkt die Straße wie eine Gefriertruhe", so der Meistereileiter. Das durch das Salz-Lauge-Gemisch aufgetaute Eis friert sofort wieder.

"Wir werden oft aufgefordert, noch mehr Salz zu streuen", sagt Sören Miertzsch. "Doch viel hilft nicht viel, im Gegenteil." Sei die Salzkonzentration zu hoch, "zerfällt" die Lauge und bewirkt Reaktionskälte. Das ausgebrachte Gemisch werde geleeartig und die Straße damit noch glatter.

Aus dem Streuer der Fahrzeuge kommt ein Gemisch aus Trockensalz und Lauge. Dies sei effektiv, weil das angefeuchtete Salz nicht von der Straße geweht wird und sofort tauend wirkt. Die Lauge hat eine Salzkonzentration von 22 bis 23 Prozent. Zusammen mit dem Trockensalz dürfen es maximal 32 Prozent sein. Alles darüber bewirke das Gegenteil. "Das ist physikalisch so", stellt der Straßenmeister fest.

Besonders dramatisch sei es an der Remondis-Einfahrt der B 96 bei Großräschen gewesen. Dort musste von Hand Splitt ausgestreut werden. Diese Straße könnte zudem das Winterschild mit der Flocke erhalten. Es mahnt zu besonderer Vorsicht.

Ein ähnlich gefährlicher Abschnitt in auskühlender Dammbauweise sei die B 169-Ortsumfahrung Senftenberg, wo es immer wieder kracht. Sehr vorsichtig, so der Rat, sollte zwischen Schwarzheide-Ost und Brieske gefahren werden. Dort ist schon so manch ein Kraftfahrer "abgeflogen". Gefährlich glatt könne es auch auf "unterkühlten" Brücken und in Waldlagen werden.

Laut Polizei ist eine den Straßenverhältnissen unangepasste Geschwindigkeit die Hauptursache für Verkehrsunfälle. Allerdings, so Sören Miertzsch, kennt auch eine andere Art von Unvernunft keine Grenzen. Darauf haben ihn seine Mitarbeiter hingewiesen. Wenn auf dreistreifigen Bundesstraßen mit wechselseitiger Überholspur in versetzter Fahrweise zwei Streu- und Räumfahrzeuge unterwegs sind, schlängeln sich immer wieder Autofahrer in lebensmüder Fahrweise zwischen den Fahrzeugen hindurch und über den beiseitegeschobenen Schnee hinweg. So manch einer habe sich danach neben der Straße wiedergefunden.

Eine Runde in fünf Stunden

Die Schwarzheider Meisterei hat laut Gesetz dafür zu sorgen, dass die Landes- und Bundesstraßen zwischen sechs und 20 Uhr befahrbar sind. Im Einsatz sind die Winterdienstler zwischen drei und 22 Uhr, bei Bedarf auch bis Mitternacht. Da die 275 Kilometer Straßen in beide Richtungen zu bedienen sind, summiert sich die Strecke auf 550 Kilometer. Für einen Umlauf brauchen die fünf bis sechs Fahrzeuge bis zu fünf Stunden.

Damit nach dem Winter nicht zu viele Fahrzeuge sinnlos herumstehen, hat auch diese Meisterei Vertragsfirmen gebunden: drei für B-Straßen-Radwege und zwei für Straßen im Raum Ort- rand und Welzow. Firmen brauchen, wenn sie sich teure Zusatztechnik anschaffen wollen, Planungssicherheit über Jahre. Dies bieten die Ausschreibungen oft nicht, heißt es.