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Stadtwildschweine fühlen sich wohl

Die Leitbache der Rotte und führende Bachen mit Frischlingen werden verschont. Auf den Nachwuchs darf und muss angelegt werden, um das Schwarzwild im Zaum zu halten. Durch hausgemachte Probleme wird das trotz starker Jagdstrecke beim Wildschwein in Lauchhammer torpediert.
Die Leitbache der Rotte und führende Bachen mit Frischlingen werden verschont. Auf den Nachwuchs darf und muss angelegt werden, um das Schwarzwild im Zaum zu halten. Durch hausgemachte Probleme wird das trotz starker Jagdstrecke beim Wildschwein in Lauchhammer torpediert. FOTO: Wiltrud/fotolia
Lauchhammer. Mit tatkräftiger Hilfe von peniblen Mitbürgern, die das eigene Grundstück stubenrein halten und den Gartenabfall im nahen Wald abladen, ist in Lauchhammer eine heftig beklagte neue Spezies herangezüchtet worden: das gemeine Stadtwildschwein. Und das fühlt sich hier sauwohl. Kathleen Weser / kw

Ganze Rotten drängen zum gut gedeckten Tisch in der Zivilisation. Bachen und Frischlinge haben inzwischen immer weniger Grund, die Hufe überhaupt noch aus der Stadt heraus zu bewegen. Neben Unkraut und Grünschnitt auf illegalem Wege im nahen Wald mit entsorgte Blumenzwiebeln und Fallobst sind Delikatessen für die Schwarzkittel. Auch Fruchtstände von verschnittenen Ziergehölzen sind begehrt und schaden durch Ausbreiten dem Wald. Die Haufen in den zahlreichen Waldinseln, die die Wohnsiedlungen der Orts- und Stadtteile von Lauchhammer umgeben, sind teilweise schon auf stattliche Höhen angewachsen. Die längste von den Anwohnern selbst erzeugte Futtermeile, die die Wildschweine lieben, ist die hinter den Kleingärten gelegene alte Kohlebahntrasse bei Kleinleipisch.

Die tierisch intelligenten Bachen führen den Nachwuchs zu diesen schier unerschöpflichen Nahrungsquellen. Und die oft zahlreichen, ebenfalls naturgemäß klugen Frischlinge finden diese später, auch auf sich allein gestellt, locker wieder. Seit Jahren. Auf den Geschmack gekommen, verwüsten die Wildschweine auf nächtlichen Streifzügen in Lauchhammer im ganzen Stadtgebiet leicht zugängliche Kleingärten und Grünanlagen. Denn neben der hausgemachten Sauerei im nahe gelegenen Wald locken auch die akkurat außer menschlicher Sichtweite platzierten Komposthaufen am und auch oft hinter dem Gartenzaun die Tiere an. Eine weitere Ursache für die unbeherrschbar gewordene Plage: In ungenutzten Hausgärten von leergezogenen Mehrfamilienhäusern, für die nach wie vor auch Eigentümer ordnungsrechtlich verantwortlich sind, fressen sich die Schwarzkittel von den verwilderten Obstbäumen die Schwarte fett. Auch Waschbären und Ratten sammeln sich hier.

Darüber wird lautstark geschimpft - mit deutlichem Fingerzeig auf das verdächtig ignorante und untätige Rathaus. "Alle Hilferufe der Betroffenen beim Ordnungsamt Lauchhammer liefen bisher ins Leere", beklagt auch Ralf Kruse, der an der Schillerstraße in Ost ein Grundstück besitzt. An der Formerstraße sei das "volle Ausmaß der Verwüstung" zu sehen.

Letzteres bestätigt auch Jäger Frank Dietz. Aber der Adressat für die Kritik sei klar verfehlt. Lauchhammer ist die einzige Kommune weit und breit, die ein Ausnahmejagdrecht im bewohnten Stadtgebiet sehr früh überhaupt erwirkt hat. Mehr als 300 Wildschweine haben die Weidmänner im vergangenen Jagdjahr (von April 2016 bis März 2017) gestreckt. "Das ist eine Menge", erklärt Stadt-Sprecherin Rotraud Köhler, die seit Jahren auch im Vorstand der Jagdgenossenschaft Lauchhammer arbeitet. Allein 74 Stück Schwarzwild, davon 41 Frischlinge, gehen auf das Abschuss-Konto von Frank Dietz und eines zweiten Jägers mit der Sonderberechtigung zur Jagd im befriedeten Bezirk - also nur innerhalb des bewohnten Stadtgebietes. Zwölf Schweine kamen in dem Zeitraum hier zudem unter die Räder. Der Eingriff in die wachsende innerstädtische Population ist damit stark - aber auch nur begrenzt möglich. "Ich kann nicht überall in der Stadt einfach rumballern wie John Wayne", stellt Frank Dietz klar. Der Jäger hat strenge Vorschriften zum Schutz der Leute einzuhalten und ist für jeden abgegebenen Schuss voll verantwortlich. Überall anzulegen, wo die Bürger über die Wildschweine klagen, sei unmöglich. Die Geschosse können im Umkreis von bis zu fünf Kilometern schweren Schaden anrichten. "Der sichere Kugelfang hat gerade im Stadtgebiet absoluten Vorrang", erklärt Dietz weiter. Spaziergänger seien leider auch in der Dämmerung, die den besten Jagderfolg verspricht, unterwegs. Hundebesitzer und Liebespärchen sind in den nahen Waldinseln in der Spur. Pilzsucher und Zweiradfahrer, die das Motorrad testen, treiben das Wild aus dem Wald. Die Bergbausanierer verdrängen es ebenfalls. Sommerpartys in den Gartensparten und die inflationär genehmigten sowie illegalen Feuerwerke seien kontraproduktiv. Und auch die Anwesenheit des Wolfes, der zum heimischen Wild gehört - wie Frank Dietz wertfrei sagt, ist spürbar. Der Schutzinstinkt der Tiere lasse die Wildschweinrotten und die Rehsprünge wachsen. Das alles erschwere die Jagd extrem.

Auf das Schwarzwild wird in und um Lauchhammer ganzjährig angelegt. Führende Bachen, also Wildsauen in Elternzeit, und die Leitbache der Rotte bleiben verschont. "Das ist wichtig, um die Rottenstruktur zu erhalten", bestätigt der Jäger. Denn fehlt die Leitbache, spielt der Keiler wilde Sau und das Vermehrungs-Chaos folgt.

Zum Thema:
Für den Schutz des eigenen Grundstückes, auch vor Wildschweinen, ist und bleibt zuerst allein der Eigentümer verantwortlich. Ein starker Maschendrahtzaun (Stahl) mit einem funktionierenden Stahldraht und einem Unterkriechschutz ist wirksam, betont Jäger Frank Dietz. Auch handelsübliche Wildzäune mit einer Elektrolitze, die zum Schutz von Kindern mit einer Zeitschaltuhr in Betrieb genommen werden sollten, sind erschwinglich und helfen gegen das Eindringen der Tiere. Die Sauerei des Abladens von Grünschnitt und Gartenabfällen in den Wäldern muss aufhören. Hier ist Zivilcourage der Leute gefragt. Die Ordnungsbehörde muss darauf drängen, dass ungenutzte Hausgärten beseitigt werden. (kw)