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Stadt Ortrand erinnert sich ihrer großen Töchter und Söhne

Ortrand.. Scheinbar waren es immer die anderen, die die Welt verändert haben. Der Erfinder aus der Universitätsstadt X, der Feldherr aus der Metropole Y und der Staatsmann aus dem Lande Z. Manfred Feller


Dass auch kleine „Nester“ in der Vergangenheit große Töchter, meistens aber große Söhne hervorgebracht haben, will Ortrand der Öffentlichkeit optisch nahe bringen. An dem Haus, in dem der namhafte Baumeister oder Entdecker einst gewohnt hat, soll alsbald eine Plakette an ihn erinnern.
Der Heimatverein der über 800 Jahre alten Handwerkerstadt und Handelsdrehscheibe hat mit der Zeit ein paar Dutzend ehemalige Einwohner mit besonderen Leistungen aus der Vergessenheit zurückgeholt. Zum Beispiel Christian Leipold (1652 bis 1733). Der Rektor der Frauensteiner Kirche war Lehrer von Gottfried Silbermann. Wer weiß, ob dessen Orgeln so berühmt geworden wären, wenn „Pauker“ Leipold die Zügel hätte schleifen lassen.
Oder Johann-Christian Böhmig (1802 bis 1881). Ihm ist es zu verdanken, dass Ortrand nach dem letzten großen Brand von 1838 so wieder aufgebaut worden ist, wie sich die Pulsnitzstadt noch heute zeigt - mit der historischen Straßen- und Platzstruktur. Böhmig stammt zwar aus Linz (Sachsen), hatte sich aber als Maurermeister in Ortrand niedergelassen.
Zwischen Heimatverein, Amtsverwaltung, Stadtverordneten und dem Sanierungsträger ist nun ein Streit darüber entbrannt, in welcher Form an die für Ortrand wichtigen Persönlichkeiten erinnert werden soll. Die Freizeit-Geschichtsforscher um ihren Vorsitzenden Dietmar Schubert halten an Traditionen fest. Sie wollen dauerhafte Gussplaketten im A-4-Format (hergestellt in der Eisenhütte) an den ausgewählten Gebäuden befestigen. Darauf stehen nur die notwendigsten Informationen, wie Name, Lebensdaten, Profession und Leistung. Alles Weitere soll dem Geschichtsinteressierten in einem ausführlichen Begleitheft vermittelt werden.
„Zu umständlich“ , sagen unter anderem die Kritiker aus dem Parlament. Sie plädieren für A-3-Plexiglastafeln, auf denen alles Wichtige zu lesen ist. Die Kosten für beide Varianten halten sich mit 150 bzw. 160 Euro je Stück in etwa die Waage. Um das Budget nicht zu sprengen, sind zunächst 22 Tafeln ausschließlich im Sanierungsgebiet vorgesehen. Nach dem Bauausschuss vom Donnerstagabend sieht es so aus, dass die Acryl-Variante durchgesetzt wird. Heimatforscher Dietmar Schubert ist aus Gründen der Haltbarkeit und der Optik (sieht aus wie im Freilandmuseum) strikt dagegen.
Einen Kompromiss gibt es nicht. Beide Seiten sind allerdings aufeinander angewiesen. Die einen haben die historischen Daten und die anderen das Geld.
Es wäre schade, wenn die ganze Aktion kurz vor dem Zieleinlauf noch stirbt. Denn in Ortrand lebten und wirkten einige Personen, die Besonderes für die Stadt geleistet oder deren Namen in die Welt getragen haben. Wie der Bildhauer Paul Lindau (1881 bis 1945). Er wohnte in der heutigen Straße der Einheit und schuf sogar eine Plastik für die argentinische Hauptstadt.
Richard Rösiger (1886 bis 1946) aus der Rathausgasse wanderte gar mit seinem Bruder Robert nach Amerika aus. Im Staate Washington machte er einem Flecken urbar. Der nahe See bekam seinen Namen, das Postamt der Siedlung hieß Ortrand, und es wurde eines der ersten nordamerikanischen Naturschutzgebiete nach ihm benannt.
Erfinder, Afrika-Forscher und Maler (ein Künstlerkollege von Caspar David Friedrich) brachte gar die Familie Kummer hervor. Deren Pflegetochter wurde Gattin von Theodor Fontane, weiß Dietmar Schubert und noch viel mehr.
Da stellt sich die Frage: Welche Kleinstadt hat mehr zu bieten?