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| 19:30 Uhr

Zweiter Granatenfund in Ruhland
Explosives Erbe belastet Ruhland

 Sprengemeister Enrico Schnick zeigt eine Flakgranate aus dem Zweiten Weltkrieg, von denen er im Waldstück bei Arnsdorf noch viele vermutet.
Sprengemeister Enrico Schnick zeigt eine Flakgranate aus dem Zweiten Weltkrieg, von denen er im Waldstück bei Arnsdorf noch viele vermutet. FOTO: LR / Jan Augustin
Ruhland. Schon wieder wurde am Bahnhof eine Granate gefunden. Die Region rings um das ehemalige Brabag-Werk in Schwarzheide ist wohl noch tonnenweise mit Weltkriegsmunition verseucht. Von Jan Augustin

Auf der Baustelle am Bahnhofsvorplatz in Ruhland ist erneut eine Granate aus dem Zweiten Weltkrieg gefunden worden. Das bestätigt der amtierende Amtsdirektor und Ordnungsamtsleiter Christian Konzack. Nachdem im Dezember eine Sprenggranate mit einem Kaliber von 15 Zentimetern entdeckt worden war, sei es vor zwei Wochen eine Handgranate gewesen.

Wie schon beim ersten Fund ist dessen Existenz allerdings erst auf Nachfrage bestätigt worden. Der Zeitplan für die Baustelle sei etwas in Verzug geraten. Ende dieses Jahres sollen die Arbeiten aber abgeschlossen sein. Das ist das große Ziel, sagt Christian Konzack.

Enrico Schnick, verantwortlicher Sprengmeister beim Kampfmittelbeseitigungsdienst (KMBD), ist nicht verwundert ob der neuen Entdeckung. Was die Belastung mit alter Munition angeht, sei die Region um Schwarzheide und Ruhland einer der Schwerpunkte in Brandenburg. Das Land hat den höchsten Anteil an kampfmittelbelasteten Gebieten in der Bundesrepublik. Rund 392 000 Hektar gelten noch als belastet. Jahr für Jahr werden durch den KMBD Hunderte Tonnen Spreng- und Brandbomben, Minen, Nahkampfmittel, Granaten, Raketen und Unmengen an Kleinmunition vernichtet.

 Betonspuren der Vergangenheit: Auf einer Wiese kurz vor Ruhland sind mehrere Fundamente für Drehteller, auf denen Flakgeschützte montiert waren, noch gut erhalten zu sehen.
Betonspuren der Vergangenheit: Auf einer Wiese kurz vor Ruhland sind mehrere Fundamente für Drehteller, auf denen Flakgeschützte montiert waren, noch gut erhalten zu sehen. FOTO: LR / Jan Augustin

Der Süden des Oberspreewald-Lausitz-Kreises ist vor allem wegen des ehemaligen Braunkohle-Benzin-Werkes (Brabag) ein Schwerpunkt. Die Brabag veredelte hier Kohle zu Benzin und lieferte so den Treibstoff für Nazi-Deutschland. Das Werk, geschützt durch innere und äußere Verteidigungsringe, war immer wieder Angriffsziel der Alliierten. Auf einer Wiese kurz vor Ruhland sind die Betonfundamente für die Drehteller, auf denen die Flakgeschütze montiert waren, noch gut erhalten sichtbar. „Der Flakgürtel um Schwarzheide war etwa so groß wie der im Ruhrgebiet“, verdeutlicht Sprengmeister Enrico Schnick die Dimension.

Als Risikogebiet schätzt der 37-Jährige ein Waldstück nordöstlich von Arnsdorf ein, das die Wehrmacht vermutlich als Munitionslager genutzt hatte. „Die Munition wird mit den Jahren nicht ungefährlicher, sondern gefährlicher“, sagt der Sprengmeister. Aus diesem Wald gebe es immer wieder Fundmeldungen. Schnick vermutet noch tonnenweise Munition im Boden. Im vergangenen Jahr musste er dort eine Granate kontrolliert sprengen. Auf der Kampfmittelverdachtskarte KMBD ist die Fläche rot schraffiert. Sie zeigt mehrere Punkte, an denen Munition nachgewiesen und beseitigt wurde. Enrico Schnick hat das Amt Ruhland über die Gefahr informiert. Einen Untersuchungsauftrag hat es jedoch nicht ausgelöst. Das sei für ihn nicht nachvollziehbar.

Amtsdirektor Christian Konzack will daran auch festhalten. Verdachtsflächen wie die bei Arnsdorf gebe es viele im Land. Es sei nicht möglich, alles lückenlos zu untersuchen. „Wir werden das von unserer Seite nicht initiieren, und das können wir auch nicht“, betont er. Wenn allerdings das Land oder die Polizei entscheiden sollten, dass untersucht werden muss, „werden wir uns nicht in den Weg stellen“. Ohnehin wünscht sich Konzack in dieser Angelegenheit mehr Unterstützung von der Polizei. Als ein Mitarbeiter der Baufirma im Dezember die erste Granate am Bahnhof gefunden hat, habe ihm der Notruf-Beamte mitgeteilt, dass das Bau- und Ordnungsamt in Ruhland zuständig sei. „Wir sind das kleinste Rad, bekommen aber die Verantwortung aufgebürdet“, kritisiert Konzack.

Wer hat noch Informationen über mögliche muntionsbelastete Gebiete, alte Fotos oder Kartenmaterial aus der Zeit? Bitte senden Sie diese gern an:
www.senftenberg@lr-online.de