ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 01:41 Uhr

Spreewälder: Deutsch soll Muttersprache bleiben

Rolf Radochla.Thomas Lubkoll.Sandy Schernikau.Sybille Hähnel.Angela Süß.
Rolf Radochla.Thomas Lubkoll.Sandy Schernikau.Sybille Hähnel.Angela Süß. FOTO: Marx Bernd
Lübbenau/Vetschau.. Die Wendische Volkspartei (SLS) hatte sich für eine weitgehende Autonomie der wendisch/sorbischen Bildungseinrichtungen in der Lausitz ausgesprochen und gefordert, Unterricht ausschließlich in sorbischer Sprache abzuhalten. Wenig später hat die SLS einen Rückzieher gemacht und sich für Zweisprachigkeit ausgesprochen. Parteichef Hannes Kell sagte jedoch, dass es notwendig sei, nach dem Vorbild anderer Regionen die Minderheitensprache „als obligatorisches Pflichtfach“ einzuführen. In einer RUNDSCHAU-Umfrage äußern sich Spreewälder zum Thema. Text und Fotos: Bernd Marx


Rolf Radochla (57), Buchhändler in Vetschau: "Das ist nicht im Interesse der Menschen und schürt nur Vorbehalte gegen die sorbisch/wendische Minderheit", erklärt der Diplom-Philosoph. Die Wendische Volkspartei als Interessenvertretung der Minderheit solle sich lieber für die Finanzierung der kulturellen Belange der Sorben/Wenden einsetzen sowie Bräuche und Traditionen weiter ausprägen.
Christa Janzon (57) von der Kita "Sonnenkäfer" in Vetschau: "Es ist doch weltfremd und nicht realistisch", sagt die Leiterin der Kindereinrichtung, in der es seit acht Jahren erfolgreich das Witaj-Projekt zum frühzeitigen Erlernen der sorbisch/wendischen Sprache bei den Jüngsten gibt. Von den 122 Kindern in der Kita werden gegenwärtig 28 Mädchen und Jungen im Witaj-Projekt von den Erzieherinnen Uta Körner, Ramona Gubatz und Britt Hegewald betreut. "Wir sind sehr stolz, dass die Kinder bei uns diese Sprache erlernen, doch zu Hause können sie sich mit ihren Eltern kaum auf Wendisch unterhalten", unterstreicht Christa Janzon.
Thomas Lubkoll (50), Karosserie-Meister und Kahnbauer aus Lübbenau: "Das ist doch maßlos übertrieben und fast nicht zu glauben, was diese Partei da fordert", sagt er entrüstet. Er zählt sich selbst zu den Sorben/Wenden, kann aber kein Wort in dieser Sprache verstehen oder sprechen. Er setzt sich dafür ein, dass Projekte wie die Slawenburg Raddusch, Museen oder Heimatstuben Unterstützung erhalten und die langjährigen Traditionen wie Vogelhochzeit, Fastnacht, Osterbräuche, Hahnrupfen und Kahnkorso auch durch die junge Generation weitergeführt werden.
Matthias Barth (38), Einwohner aus Zerkwitz: "Es steht dieser Wendischen Volkspartei nicht zu, solche absurden Forderungen zu stellen", findet der Sachbearbeiter bei Vattenfall. Er kann weder die sorbisch/wendische Sprache sprechen, verstehen noch schreiben. Für ihn ist es undenkbar, dass nur noch in dieser "fremden" Sprache unterrichtet und Deutsch als Fremdsprache eingestuft werden soll.
Sandy Schernikau (28), Erzieherin in der Kita "Marjana Domaskojc" in Raddusch: "Die sprachlichen Grundlagen sind bei Lehrern, Eltern und Schülern überhaupt nicht vorhanden, um hauptsächlich nur noch auf Wendisch zu unterrichten", hebt die Erzieherin hervor, die über Jahre am Witaj-Projekt in Vetschau mitgewirkt hatte. Auch sie betont, dass Deutsch die Muttersprache der Menschen in der Region ist und bleiben soll. Gleichzeitig begrüßt sie aber auch die Möglichkeit, freiwillig die sorbisch /wendische Sprache zu erlernen. In der Kita würden die Kinder über das gesamte Jahr mit sorbisch/wendischen Bräuchen vertraut gemacht. So freuen sich alle schon auf das Bemalen der Ostereier und das Waleien.
Sybille Hähnel (51), Mitarbeiterin im Tourismusverband Spreewald in Raddusch: "Deutsch ist auf gar keinen Fall eine Fremdsprache, sondern bleibt unsere Muttersprache", stellt sie klar. Sie ist der Auffassung, dass man nur über die Freiwilligkeit die sorbisch/wendische Sprache erlernen kann, Zwang führe zu keinem nennenswerten Erfolg. "Wichtig ist doch, dass man die sorbisch/wendische Kultur und die vielen Traditionen in den Dörfern und Städten pflegt und fortsetzt", so Sybille Hähnel.
Erich Schier (82), Rentner aus Lehde: "Ich halte das für sehr übertrieben und weltfremd, was die Wendische Volkspartei da fordert", erklärt der Lehdsche, der sich selbst zu den Wenden zählt. Zu seinen Forderungen gehört, dass die sorbisch/wendische Minderheit mehr finanzielle Mittel vom Staat bekommt, um die kultur-historischen Belange ohne Einschnitte realisieren zu können. "Wenn die Geschichte der Sorben/Wenden nicht verloren gehen soll, dann muss man sich jetzt sputen, bevor die Alten nicht mehr da sind", sagt der Rentner, der noch heute gern und aktiv Wissen über sorbisch/wendische Traditionen im Lübbenauer Ortsteil vermittelt.
Angela Süß (38), Inhaberin eines Souvenir- und Spielwarengeschäftes in Lübbenau: "Sorbisch als Pflichtsprache im Unterricht lehne ich strikt ab, auf freiwilliger Basis habe ich nichts dagegen", stellt sie fest. Für sie ist es undenkbar, dass ihre Tochter Stephanie (17) sowie die zwölfjährigen Zwillinge Marcel und Patrick Deutsch nicht mehr als ihre Muttersprache ansehen dürften. "Die Wendische Volkspartei wird einen Image-Verlust erleiden."