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| 01:02 Uhr

Splitternackt: Sechs wollen auf die Bühne

Senftenberg.. Mal ganz ehrlich: So richtig knackig ist der Allerwerteste von Walter Czarnecki nicht mehr. Und über der Badehose wölbt sich ein properes Bäuchlein. Der arbeitslose Senftenberger (55) ist nicht der Schönste – und trotzdem traut er sich, nur so wie Gott ihn schuf, ins Rampenlicht. Splitternackt bewarb er sich mit fünf anderen Nackigen um eine kleine, aber denkwürdige Statisten-Rolle im Theaterstück „Was wollt ihr denn“ . Von Dörthe Hückel-Krause

Entblößte Laien auf der Bühne - ist das nicht eine Nummer zu progressiv für Senftenberg? Sogar Intendant, in diesem Fall auch Regisseur, Sewan Latchinian hatte Zweifel. Bis zum Casting-Termin: Zwei Damen und vier Herren, alle im winzigen Badedress, erklimmen im Gänsemarsch die Bühnentreppe. „Über drei hätte ich mich ja schon gefreut.“ Auch die Qualität ist voll und ganz in des Theater-Manns Sinne: Die Bewerber sind nicht mehr ganz frisch, die Herren mit angegrauten Häuptern, ein paar Pfunden zu viel auf der Hüfte. Ein erfahrener Blick - und Latchinian ist endgültig verzückt: „Sie sechs hat uns der Himmel geschickt!“
Bei der Besetzung des Werkes von Autor Volker Braun geht's nicht nach Schönheit, auch nicht nach Schauspiel-Talent. Zwischen 40 und 70 sollen die Statisten sein, einen recht durchschnittlichen Eindruck hinterlassen. Sieben Minuten lang erfreuen die Nackigen laut Skript mit ihrem blanken Hinterteil das Publikum, bewegungslos und ohne Worte.
Mit Pornografie habe die Inszenierung nichts gemein, beteuert Sewan Latchinian. „Wir haben lange überlegt, ob die Szene wirklich zwingend ist. Es geht hier nicht um billige Effekthascherei.“ Die nackten Tatsachen sind nur Kulisse für das bittere Gegenwartsstück über Bluthandel, Selbstmordattentäter und Flüchtlingstransporte.
Den beherzten Bewerbern ist der Inhalt vorerst egal, sie kämpfen sich noch über die letzte Schamgrenze: einmal alle Hüllen fallen lassen. Für die Sechs ein Klacks. Bewegt von so viel Mut ändert der Chef des Stücks sogar das Buch: Anstelle von einem Pärchen will Latchinian die Nackten zu dritt vors Publikum stellen, die beiden Dreier-Teams wechseln sich zu jeder Vorstellung ab.
Nicht nur Ruhm, auch ein paar Euro gibt's pro Auftritt und für die Proben. Für Walter Czarnecki ist der Bühnenjob nicht nur wegen des Zuverdienstes ein Segen: Der gelernte Koch, seit zehn Jahren arbeitslos, freut sich auf seine Auftritte vor Publikum. Auch wenn er in seinem Leben noch kein Theater von innen gesehen hat. Hemmungen hat er nicht. „Schon zu DDR-Zeiten stand ich Aktmodell am Senftenberger See.“
Die Senftenberger Bühne konnte sich die Rechte zur Uraufführung des Stücks „Was wollt ihr denn“ sichern. Premiere ist am 4. Februar.