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| 19:05 Uhr

Countdown für das Theaterspektakel
Senftenberg bekommt einen zweiten Hafen

Regisseur Frank Düwel inmitten der im Bau befindlichen Kulisse für den Hafen im Theaterhof.
Regisseur Frank Düwel inmitten der im Bau befindlichen Kulisse für den Hafen im Theaterhof. FOTO: Theater Neue Bühne / Steffen Rasche
Senftenberg. Der sturmerprobte Regisseur Frank Düwel stimmt mit Ensemble und Laien atmosphärisch auf das Spektakel an der Neuen Bühne ein. Von Heidrun Seidel

Wenn die Neue Bühne Senftenberg ab morgen insgesamt zehnmal zum Spektakel „Stürme“ einlädt, wird es maritim in der Theaterpassage der Kreisstadt. In der traditionellen Spielzeiteröffnung, in der diesmal Shakespeares letztes Werk „Der Sturm“ im Mittelpunkt steht, werden die Zuschauer seetüchtig gemacht. Zum Einstimmen, also für den Prolog, hat Intendant Manuel Soubeyrand Frank Düwel als Ideengeber und Regisseur engagiert und damit einen sturmerprobten Theatermann nach Senftenberg geholt.

Gerade erst ist Düwel mit dem Theodor-Storm-Preis für seine Storm-Dramatisierungen ausgezeichnet worden. Insbesondere das Stück „Storm – das Meer – die Geister – Du“, das Düwel 2017 mit Laiendarstellern in Hamburg und in Storms (1817-1888) Heimatstadt Husum aufgeführt hatte, ist damit gewürdigt worden. Aber auch, wie gut es ihm gelingt, in seinen Inszenierungen Profis und Laiendarsteller zusammen zu bringen, wird damit anerkannt. „Der Preis kam für mich sehr überraschend“, gesteht Düwel. In den ersten Senftenberger Probetagen ist er deshalb schnell in die norddeutsche Heimat gedüst, um ihn entgegenzunehmen. „Diese Anerkennung hat mich sehr gerührt und bedeutet mir viel.“

Ansonsten ist der Regisseur, Dramaturg und Dozent für Musiktheaterregie an der Hochschule für Musik und Theater Hamburg eher kein Mann der roten Teppiche. Er arbeitet viel, hat außer in Lübeck, Paderborn, Heilbronn, Hannover, Hamburg oder Kiel auch schon in Kasachstan, Manila, Madrid, Shanghai und Xiamen inszeniert oder gelehrt. „Und ich habe auch noch ein Privatleben.“ Da sind rote Teppiche für ihn „Zwischenwelten, die ich nicht brauche, verschwendete Zeit“.

Lieber steckt er seine Energie und spürbare Leidenschaft in die Theaterarbeit. Denn Theater hat aus seiner Sicht das Potenzial, dass die Menschen „mit weniger Furcht und mehr Mut“ aus der Vorstellung ins Leben gehen. Doch glaubt er nicht, dass sie belehrt werden sollten. Er möchte aber „schon dazu beitragen, dass die Leute zu eigenen Erkenntnissen und Empfindungen kommen“ – gerade in stürmischen Zeiten, derer sich die Neue Bühne mit dem Spektakel 2018 angenommen hat.

So hat er sich eingelassen auf das Gestalten und Produzieren des Prologs zum Spektakel „Stürme“, Ideen entwickelt, Literatur dramatisiert – und zusammen mit seinen Kollegen eine verzaubernde Szenerie entwickelt. Schließlich kennt er sich mit dem Meer aus. „Es ist schon irgendwie so, als würden alle meine Stücke am Meer spielen“, lacht der Hamburger. „Meer als Sehnsuchtsort. Und vor allem als Metapher, wie wir Menschen auf dem Strom des Lebens dahinschwimmen.“

Schon eine Stunde vor Vorstellungsbeginn können sich die Zuschauer darauf vorbereiten, die Stürme des Lebens in unterschiedlichen theatralischen Ausdrucksformen auch in Senftenberg zu erleben. Per Winkeralphabet – das mittels zweier Fahnen zur optischen Nachrichtenübermittlung zwischen Schiffen dient – von jungen Signalgasten begrüßt, wird sie Herman Melvilles schicksalhafte Jagd nach dem weißen Pottwal Moby-Dick einstimmen auf die Abenteuer des Seefahrer-Lebens. Im neu entstandenen Hafen auf dem Theaterhof begegnen sie dreisten Fischweibern ebenso wie leicht bekleideten Damen in roten Fenstern, adretten Bootsmännern oder wagemutigen Seeleuten. So mancher Zuschauer wird sich an Robert Louis Stevensons „Schatzinsel“ erinnert fühlen, in dem der einbeinige Schiffskoch John Silver eine merkwürdige Mannschaft zusammengestellt hat. Hier werden auch die Zuschauer nach handfesten Proben ihrer Seetauglichkeit angeheuert, um sich, nachdem die Segel gesetzt sind, in weiteren Stationen auf die große Reise vorzubereiten. Ehe diese aber schließlich volle Fahrt voraus in Shakespaeres „Sturm“ nimmt, hören sie von dem zum Shantychor verwandelten Bergarbeiterchor Senftenberg und Schauspieler Heinz Klevenow Geschichten über Seemannsabenteuer und Seemannslieben in der Jugend, aufgeschrieben von Joseph Conrad (1857-1924), einem aus Polen stammenden britischen Kapitän, dessen Erlebnisse auf See sein schriftstellerisches Werk bestimmt haben. Dieses liegt auch zwei weiteren Vorspielen zugrunde. Den „Schattenlinien“, die vom Vorwärtskommen eines ehrgeizigen jungen Kapitäns um jeden Preis erzählen. Und das „Herz der Finsternis“, das 2015 von internationalen Literaturkritikern zu einem der bedeutendsten britischen Romane gewählt wurde. Dessen geheimnisvolle dunkle Gestalten werden die Zuschauer auf recht ungewöhnliche Weise im Maschinenraum unter der Drehbühne erleben.

So will Frank Düwel sowohl räumliche, als auch inhaltliche Bezüge zum Hauptakt des Abends schaffen. Dazu arbeitet er sowohl mit dem Ensemble als auch mit den Laiendarstellern aus allen Kinder-, Jugend- und Seniorengruppen des Theaters zusammen und hat eine „Riesenfreude“ daran. Er bewundert die Arbeit des Senftenberger Theaters „an der Front der kulturellen Grundversorgung. Wenn es irgendwo zwackt, sind sie alle da, um sich einzubringen.“ So ist der Prolog nicht nur ein Spektakel-Umfeld. Er hat einen eigenen Wert für das Gesamterlebnis.

Deshalb sollten die Spektakel-Gäste diesen bunten und stürmischen Prolog auf keinen Fall verpassen und unbedingt eine Stunde vor der ausgewiesenen Anfangszeit im Theaterhof ins Seemannsleben eintauchen, ehe sie sich dann in den Sturm begeben, der Intrigen aufdecken und mit Hilfe der Liebe und klugen Gedanken einen Neuanfang möglich machen soll.