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| 02:43 Uhr

Spektakel mit dem großen Knall

Kanonenschüsse aus der Alten Stolberg sind am Wochenende in der Senftenberger Festung mehrmals zu erleben.
Kanonenschüsse aus der Alten Stolberg sind am Wochenende in der Senftenberger Festung mehrmals zu erleben. FOTO: Jenny Linke/ Museum OSL
Senftenberg. Die Preußen rücken in Senftenberg am Wochenende zwar in bester Laune zum traditionellen Festungsspektakel an, aber nicht in Frieden. Mit Musketen und Kanonen liefern sie – wie die bestürmten Sachsen – zur Unterhaltung der Schaulustigen eine Lehrstunde in der spannenden Regionalgeschichte der Stadt. Kathleen Weser

"Wir wollen hier nicht den Krieg verherrlichen, sondern zeigen, wie es war und dass es am Ende auf beiden Seiten nur Verlierer gab", hat der Kommandant der Schlosswache im vergangenen Sommer erklärt. Die Freizeit-Soldaten zelebrieren die Historie - hier in der Sachsenfestung in Preußen. Mit Schwarzpulver und Kanonendonner. Auf die früher übliche zerstörerische Kugel, die zuerst in das Rohr gestopft wurde, wird heutzutage in den originalgetreuen Gewehren freilich verzichtet. Das legendäre Schwarzpulver, das in gängigen Indianerfilmen fälschlicherweise als Zündschnur verharmlost wird, hat ein Abbrenn-Tempo von bis zu hundert Metern pro Sekunde, erklären die Freizeit-Militärs - vor dem großen Knall. Die mächtigste mobile Gefechtskanone, der Sächsische Zwölfpfünder, wird von der heimischen Artillerie mehrmals abgefeuert. Die Zuschauer sind gut beraten, derweil mit allen verfügbaren Händen die Ohren zu schützen. Und die Infanterie, das Fußvolk, flitzt durch den Schlosshof am historischen Markttreiben vorbei, um vor den nahenden Sachsen zu warnen. Denn auch sie rücken an, um ihre Festung zurückzuerobern.

Die große Kanone bringt 1,8 Tonnen auf die Waage und musste von sechs Pferden ins Gefecht gezogen werden. Ein halbes Kilogramm Schwarzpulver im gut gestopften Rohr hat den Feind in zwei bis drei Kilometern Reichweite früher das Fürchten gelehrt. Der deutlich kleinere Mörser, ein Original um das Jahr 1740, fungiert indes lediglich als Unruhestifter in der Festung. Mit 50 bis 80 Metern Reichweite soll der "frühe Granatenwerfer" kaum über den Wall gekommen sein.

Das Festungsspektakel ist eine gelungene Mischung aus musealen Entdeckungen, unterhaltsamem Vermitteln der Historie und regionalem bäuerlichen Leben. Von Holzpantoffeln aus der Spreewälder Manufaktur über ländliche Erntetraditionen, geschmiedete Klopapierrollen-Fackeln und handgemachte Körperpflege aus der reinen Natur bis zum Rundgang durch das Museum ist für Kurzweil gesorgt in Schloss und Festung. Bei Kanonendonner und barocker Festkultur ist hier ein ebenso spannendes wie unterhaltsames Wochenende zu erleben.

Zum Thema:
Die Festung Senftenberg ist einmalig in Deutschland. Die einfache Anlage ist ausschließlich in Erdbauweise errichtet worden. Der Wall besteht aus aufgeschüttetem Sand, der nur am Fuß von Steinen abgefangen wird. Auf dem alten sächsischen Territorium der Lausitz, das die Wettiner dem Königreich Böhmen nach dem verlorenen 30-jährigen Krieg mit dem Prager Frieden 1653 ganz abgenommen hatten, stand zuvor eine mittelalterliche Burg. Ein sächsisches Renaissanceschloss wurde dann gebaut, als Jagdschloss oder Witwensitz. 1609 wurde Senftenberg allerdings Garnisonsstadt. Der gewaltigen preußischen Festung Peitz stellte der sächsische Kurfürst im Norden seiner Herrschaft zum Schutze Dresdens hier aber nur spärliche 25 Soldaten entgegen. Die sind im 18. Jahrhundert im Siebenjährigen Krieg von der 3000 Mann starken Armee des Preußenkönigs auf dem Weg nach Dresden schnell überrannt worden. Die Senftenberger Festung hat sich sofort ergeben. Sie blieb nach dem Wiener Kongress 1815, als große Teile der Lausitz von den Verlierern auf der Seite Napoleons als Provinz Sachsen an Preußen abgegeben werden mussten, die sächsische Festung in Brandenburg. Bis heute.