ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 17:46 Uhr

Speckgürtel frisst kleine Bahnhalte

Der Bündnisgrüne Michael Jungclaus (r.) in Schwarzheide. Er nimmt sich alle nachfrageschwachen Bahnstationen im Land vor.
Der Bündnisgrüne Michael Jungclaus (r.) in Schwarzheide. Er nimmt sich alle nachfrageschwachen Bahnstationen im Land vor. FOTO: Manfred Feller
Schwarzheide. In Brandenburg gibt es 80 Bahnstationen mit weniger als 50 Ein- und Aussteigenden am Tag. Davon liegen fünf im OSL-Landkreis. Es wird befürchtet, dass kleine Stationen zugunsten des Bedarfs im Berliner Speckgürtel geschlossen werden könnten. Manfred Feller

Um 14.48 Uhr meldet sich eine Stimme aus dem Lautsprecher der kleinen Bahnstation in Schwarzheide-Ost. Der Regionalzug nach Falkenberg/Elster hat etwa fünf Minuten Verspätung. Zusätzlich zeigt dies auch optisch ein Leuchtband an. Technisch ist dieser Minihaltepunkt also gar nicht so schlecht ausgestattet. Der moderne Zug fährt fast lautlos ein. Es steigen erstaunlich viele Fahrgäste aus.

Unter ihnen ist auch Michael Jungclaus. Der verkehrspolitische Sprecher der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen im Brandenburger Landtag tourt seit dem vorigen Jahr kreuz und quer durch das Land. Dabei besucht er alle kleinen Bahnstationen, um in den jeweiligen Orten mit Einwohnern, Kommunalpolitikern und Verwaltungsleuten über Bedeutung und Zukunft der Zwergenbahnhöfe zu sprechen.

Deren Bestand sieht er hier und da gefährdet. Im Landkreis Oberspreewald-Lausitz betrifft dies Schwarzheide-Ost, Bahnsdorf, Luckaitztal, Gollmitz und Raddusch. Denn die Fahrgastzahlen, deren Herausgabe der Abgeordnete vom Landes-Verkehrsministerium regelrecht erstritten habe, wie er sagt, sind alles andere als berauschend: Demnach gibt es wochentags in Bahnsdorf nur 18 Ein- und Aussteiger, an Wochenendtagen nur 13. In Schwarzheide-Ost sind es 24 beziehungsweise 13. "Das ist sehr wenig und kann nicht stimmen", sagt er mit Verweis auf seinen Ausstieg in Schwarzheide mit mehreren Fahrgästen. Ihm sei es ein Rätsel, wie das Ministerium an diese Zahlen gelangt sei. In Leuthen, seiner vorherigen Station, habe der Ortsbeirat im Gespräch angekündigt, die Zahl von täglich 42 Fahrgästen selbst überprüfen zu wollen. Stationen mit weniger als 50Ein- und Ausstiegen sind in der letzten Kategorie D eingeordnet.

Für die schwachen Bahnhalte sieht Michael Jungclaus deswegen eine Gefahr aufziehen, weil im Speckgürtel die Fahrgastzahlen wachsen und wachsen, was positiv sei. Doch das Land fahre nach wie vor aufgrund der begrenzten finanziellen Mittel die Strategie, dass Mehrbestellungen von Fahrleistungen auf der einen Seite, Kürzungen auf der anderen Seite zur Folge haben müssen - nämlich bei den sogenannten nachfrageschwachen Bahnhöfen, so der Landtagsabgeordnete. Das Land zweige zudem Bahn-Bundesmittel für Bus und Straßenbahn ab. Während Bayern und Sachsen-Anhalt zusätzlich Landesgeld in den Bahnverkehr stecken, verschließe sich dem Brandenburg.

Das Land müsse die Bahn attraktiver machen, um Kunden zu gewinnen. Doch die Realität ist am Beispiel Schwarzheide-Ost ernüchternd. "Die nächste Bushaltestelle ist weit weg. Kein Taxihalt. Die Fahrgäste müssen weit laufen", stellt der Schwarzheider Stadtverordnete Joachim Noack (CDU/FDP-Fraktion) fest.

Bevor es zu spät sein könnte, sollte aber auch die Stadt handeln, wirft Frank Pradel, Fachbereichsleiter Bauamt, ein. Der Bahnhalt im Stadtteil Ost hat eine miserable Zufahrt, keine offiziellen Pkw-Stellflächen und keine Fahrradständer. Warum sollen Fahrgäste diesen Halt überhaupt nutzen? Michael Jungclaus ist überzeugt: Wenn die Infrastruktur, der Takt der Züge und die Anschlüsse Bahn - Bus stimmen, dass dann wieder mehr Fahrgäste mit den Zügen fahren werden.