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Kriminalität
Skrupelloser Dieb beklaut Blinden

Marco Retzlaff am Tatort in seinem Ladenlokal „SehNix“. Aus den Vitrinenschränken haben Kriminelle ein iPad und ein Smartphone mitgehen lassen. Der blinde Unternehmer hat den Verlust erst Tage später entdeckt.
Marco Retzlaff am Tatort in seinem Ladenlokal „SehNix“. Aus den Vitrinenschränken haben Kriminelle ein iPad und ein Smartphone mitgehen lassen. Der blinde Unternehmer hat den Verlust erst Tage später entdeckt. FOTO: Steffen Rasche
Senftenberg. Nicht zu überbieten ist die Skrupellosigkeit der Geschichte, die Marco Retzlaff vor Ostern erleben musste. Kriminelle haben bei ihm die Vitrinen leer geräumt, während sie den blinden Unternehmer ablenkten. Von Andrea Budich

Wann genau dem 32-Jährigen, der seit seinem zweiten Lebensjahr blind ist, so übel mitgespielt wurde, kann er selbst nicht genau zurückverfolgen. Bemerkt hat er den dreisten Diebstahl am Gründonnerstag vor Ostern. Seine Assistentin, die dem blinden Geschäftsmann stundenweise zur Hand geht, will die Vitrinen gleich vorn am Eingang neu bestücken, weil Plätze leer sind. Das verwundert Marco Retzlaff sehr, denn er weiß genau, dass er das iPad und das Smarthone der Firma Neffos nicht verkauft hat.

Der Verlust macht ihn sprachlos. Denn der Schaden ist weitaus größer als der materielle Wert der beiden Geräte, den er mit rund 300 Euro angibt. „Die haben mich ausgetrixt und mein Handicap rücksichtslos ausgenutzt“, sagt er. Dabei ist zu spüren, dass er noch immer nicht darüber hinwegkommt, so reingelegt worden zu sein. Wahrscheinlich haben zwei Täter die vorher ausgekundschaftete Situation eiskalt ausgenutzt, dass der Ladeninhaber nichts sieht. Von einem der Ganoven clever in ein Verkaufsgespräch verwickelt, muss der andere mit flinken Fingern die Vitrinen leer geräumt haben. Den dreisten Übergriff nicht bemerkt zu haben, macht den Diplom-Ingenieur wütend. Denn auch wenn er nichts sieht, ist er hoch konzentriert, was das Hören angeht.

Die Polizei hat Marco Retzlaff nicht eingeschaltet. „Ich weiß ja nicht mal, wann es passiert ist“, bedauert er. Seine Hoffnungen setzt er auf das soziale Umfeld der Täter. „Ein Neffos-Handy hat kaum jemand“, erklärt er den Seltenheitswert. Wenn es in Kombination mit einem iPad zum Verkauf angeboten wird, dürfte das auffallen.

Weil er Angst hat, erneut Opfer von Dieben zu werden, hat Marco Retzlaff inzwischen aufgerüstet. Überwachungskameras sind jetzt installiert und auch andere Schutzmaßnahmen. Er wehrt sich dagegen, künftig allen Kunden zu misstrauen, bleibt aber wachsam und hoch konzentriert, sobald jemand seinen Laden betritt.

Seine Geschichte hat viele Senftenberger berührt. Von den Geschehnissen aufgewühlt, hat er sie  noch am Gründonnerstag auf Facebook gestellt. Die Anteilnahme ist groß. Noch am selben Tag übergibt ein Vertreter vom Unternehmernetzwerk Seenland eine spontan gesammelte Spende. Zu wissen, dass er in der Not nicht allein ist und es Menschen in der Stadt gibt, denen sein Schicksal nicht egal ist, macht Marco Retzlaff Mut fürs Weitermachen. Sein blindes Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten will er sich von skrupellosen Kriminellen nicht kaputt machen lassen.