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| 21:48 Uhr

Kritik am Klinikum Niederlausitz
Skandalöser Umgang mit einer Patientin In Lauchhammer

 Die frisch operierte adipöse Patientin wurde menschenunwürdig abgelegt auf dem Boden des Krankenzimmers im Klinikum Niederlausitz.
Die frisch operierte adipöse Patientin wurde menschenunwürdig abgelegt auf dem Boden des Krankenzimmers im Klinikum Niederlausitz. FOTO: Mario Dresen
Lauchhammer. Eine frisch operierte schwergewichtige Frau ist im Klinikum Niederlausitz in Lauchhammer mehrere Stunden auf dem Boden eines Krankenzimmers abgelegt worden. Das Pflegepersonal war damit überfordert, die Patientin ins Bett zu legen. Der Sohn der Betroffenen ist sauer. Von Kathleen Weser, Verena Ufer und Bettina Friedenberg

Der Zorn über die menschenunwürdige Behandlung seiner frisch operierten Mutter im Krankenhaus Lauchhammer des Klinikums Niederlausitz hat das Blut von Mario Dreesen aus Schwarzheide (Oberspreewald-Lausitz) zum Jahreswechsel noch kräftig in Wallung gebracht. Die übergewichtige Patientin ist auf der Station für Geburtshilfe und Frauenheilkunde drei Stunden lang auf den Boden gebettet worden, weil hauseigene Hilfsmittel zum Umlagern adipöser Menschen nicht verfügbar und kostenpflichtige Fremdhilfe nicht angefordert wurden.

Der Sohn ist sauer und beklagt: „Das Klinikum Niederlausitz wirbt für sich als Haus mit einer etablierten Adipositas-Chirurgie und ganzheitlicher Behandlung fettleibiger Patienten.“ Deshalb habe sich die Mutter für die planbare OP auch den Medizinern und Pflegern dieses nahe gelegenen Krankenhauses anvertraut. „Doch der Umgang mit Patienten ist hier einfach nur skandalös“, sagt Mario Dreesen.

Zwischen den Feiertagen zum Jahreswechsel hatte die Frau aus Schwarzheide massive Blutungen bekommen. Das operative Entfernen der Gebärmutterschleimhaut ließ sich nicht mehr aufschieben. Am Freitag ist die Ausschabung, der von Frauenärzten am häufigsten durchgeführte Routine-Eingriff, in Lauchhammer vorgenommen worden. Am Sonnabend konnte die Patientin vom Aufwachraum, in dem Kreislauf, Atmung und Bewusstseinszustand frisch operierter Patienten für mehrere Stunden überwacht werden, auf die Station für Frauenheilkunde verlegt werden. Die Frau, die etwa 180 Kilogramm auf die Waage bringt, aber war ohne einen Patientenkran oder Hebelifter und auch mit vereinter Muskelkraft des Pflegepersonals nicht aus dem Rollstuhl in das Bett zu legen. „Deshalb ist meine Mutter einfach auf dem Boden abgelegt worden“, erzählt der Sohn. Er habe sich massiv beschwert über diese menschenunwürdige Behandlung. Der offensichtliche Mangel an geeigneten technischen Hilfsmitteln zum Aufnehmen schwergewichtiger Patienten sei ihm nicht begründet worden. Ein Schwerlast-Tragetuch, das ebenfalls für Umbettungen von Menschen bis 250 Kilogramm Gewicht geeignet und für etwa 200 Euro zu erwerben ist, sei ebenfalls nicht verfügbar gewesen. Dieses Hilfsmittel, so die Auskunft des Stationsarztes, befände sich in der Wäscherei. Zum Anfordern eines in der Lausitz durchaus verfügbaren Schwerlast-Rettungswagens mit spezieller Ausrüstung für stark übergewichtige Patienten war das medizinische Personal im Krankenhaus Lauchhammer offensichtlich auch nicht bereit.

Medizinisches Personal In Krankenhäusern ist befugt, wenn die Notwendigkeit besteht, einen Schwerlast-RTW anzufordern, bestätigt Lagedienstführer Andreas Neukirch von der Leitstelle Lausitz. Oft würden auch zusätzlich Tragehilfen der Feuerwehr benötigt. Solche Einsätze müssten bezahlt werden. Die Kosten seien je nach Satzung der Rettungsdienste in den verschiedenen Kreisen unterschiedlich. Es muss aber von mehreren Hundert Euro ausgegangen werden. Wie Neukirch sagt, nehmen seit etwa zehn Jahren Einsätze zu, bei denen die Feuerwehr Hilfe leisten muss, um schwer übergewichtige Menschen zu befördern.

Erst nach Rücksprache des Angehörigen mit seinem Anwalt und der Androhung juristischer Schritte ist in Lauchhammer schließlich die Feuerwehr gerufen worden. Die Einsatzkräfte hatten die Frau innerhalb von Sekunden mit den einfachsten Hilfsmitteln der Klinikstation in das Bett umgelagert. Stadtwehrführer Silvio Spiegel bestätigt das und erklärt diesen Einsatz „für sehr ungewöhnlich“. Die Einsatzkräfte werden zwar immer öfter um Tragehilfe gebeten. Denn die Zahl der stark übergewichtigen und hilfebedürftigen Menschen nimmt auch in der Lausitz zu. Dass eine medizinische und Einrichtung mit stationärer Pflege aber Patienten nicht selbst ins Bett bekommt, sei auch in Lauchhammer beispiellos.

Der besorgte Sohn der betroffenen Patientin ist dankbar für die Hilfe der Feuerwehrleute. Unverständlich und inakzeptabel aber bleibe, dass im Krankenhaus Lauchhammer adipöse Patienten zur OP aufgenommen werden, obwohl das Haus die Leistung nicht vollständig und menschenwürdig erbringen könne. „Es handelte sich um eine geplante Operation, nicht um eine akute Einlieferung“, betont Mario Dreesen. Das Gewicht seiner Mutter sei bei der Einweisung konkret bekannt gewesen. „Adipöse Patienten können dann im Klinikum Niederlausitz eben begründet nicht angenommen werden“, schlussfolgert er. Eine Überweisung nach Dresden sei möglich. Dreesen kritisiert, dass das Klinikum Niederlausitz offensichtlich gewinnbringende Operationen annimmt, aber anfallende Kosten zu eigenen Lasten meidet – um jeden Preis und zum Nachteil für Patienten.

Das Klinikum Niederlausitz ist um eine Stellungnahme gebeten worden, hat sich bis Redaktionsschluss aber nicht erklärt.