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| 13:00 Uhr

Meine Heimat Oberspreewald-Lausitz
Das Küchenwunder vom Windmühlenberg

 Sieglinde und Wilfried Schneider nehmen einen Reservistenkrug aus dem Jahr 1913 in Augenschein. Der Bierhumpen ist die jüngste Anschaffung der umfassenden Sammlung im Wohnhaus und in der historischen Bockwindmühle der Familie Schneider.
Sieglinde und Wilfried Schneider nehmen einen Reservistenkrug aus dem Jahr 1913 in Augenschein. Der Bierhumpen ist die jüngste Anschaffung der umfassenden Sammlung im Wohnhaus und in der historischen Bockwindmühle der Familie Schneider. FOTO: Uwe Hegewald
Calau. „Heimat ist, wo wir unseren Lebensfaden festgemacht haben“, sagt ein Sprichwort. Die RUNDSCHAU besucht Menschen, um zu erfahren, wann, warum und wo sie ihren Lebensfaden im Kreis festgemacht haben. Heute: Sieglinde und Wilfried Schneider (Calau). Von Uwe Hegewald

„Hinter jedem erfolgreichen Mann steht immer eine starke Frau“, heißt es in einem geflügelten Wort. Erfolgreiche Männer mit Charakter werden das bestätigen. Wie Wilfried Schneider, der „seine“ Sieglinde beim Tanz im Calauer Ortsteil Saßleben kennengelernt hat.

„Der hat mich zu jeder Tanzrunde geholt. Mir war das fast schon peinlich“, erinnert sich die Auserwählte, die eigentlich zum Tanzen nach Bischdorf wollte. Dass sich ein junger Mann mit schmucken Oberhemd und Krawatte nur für sie interessiert, war eine völlig neue Erfahrung. 1945 musste sie im Alter von nicht mal einem Jahr mit ihrer Familie das schlesische Liegnitz (heute Legnica) verlassen. „Meine Mutter war an Ruhr erkrankt. So lag die Verantwortung, mich groß zu ziehen, bei meinen beiden größeren Schwestern, die mich aufgepäppelt haben“, ist Sieglinde Schneider dem Geschwisterpaar noch heute dankbar. In Belten (Vetschau) habe man Quartier gefunden und mit einem Neuanfang begonnen.

Die Zuneigung und sicher auch die Hartnäckigkeit des jungen Wilfried sollten Früchte tragen. Im Herbst 1964 gaben sich beide das Ja-Wort. Sieglinde Schneider zog zu ihrem Mann auf das auffallende Anwesen nach Calau. Eine Bockwindmühle zieht dort gleichermaßen die Blicke auf sich und Besucher an. Inzwischen haben sich die Schneiders ein drittes Gästebuch zugelegt, um festzuhalten, wer schon alles in der historischen Mühle stöberte, deren Bau 1534 in Auftrag gegeben wurde. „Stöbern ist ausdrücklich erwünscht“, sagt der ehrenamtliche Windmüller, der auch schon den chilenischen Botschafter begrüßen durfte.

Aufgrund der Sammelleidenschaft des Calauers, der kürzlich 80. Geburtstag feierte, hat sich die Mühle zu einem Museum entwickelt. Besonders stolz ist er auf einen Opferstock, dessen Fertigung ein Wissenschaftler in die Zeit um 1600 einordnet.

Und wie in festgeschmiedeten Ehen üblich, tragen die Frauen die Hobbys ihrer Männer mit Tapferkeit. Sieglinde Schneider hielt ihrem Mann den Rücken frei, kümmerte sich um Töchterchen Katrin und Sohn Thomas, den Garten, das Kleinvieh und darum, dass immer ein vollwertiges Essen auf den Tisch stand. „Sie hat den kompletten Haushalt geschmissen“, so Ehemann Wilfried, der seine Sieglinde liebevoll „Küchenwunder“ nennt. Von ihr zubereiteter Kuchen, Braten oder Eintopf seien ein Gedicht, das Hühnerfrikassee unerreicht. Ihr Geheimrezept: Freude am Kochen und der Vorteil, auf Zutaten zurückgreifen zu können, die Hof und Garten bereithalten.

Seit seinem 15. Lebensjahr widmet sich Wilfried Schneider der Kleintierzucht und ist aufgrund seines Engagements kürzlich zum Ehrenmitglied ernannt worden. Für das überreichte Ehrenband, aus grünem Samt und mit goldener Schrift bestickt, sucht er noch einen würdigen Platz im Haus. Das Haus, in dem er geboren wurde und das Ehefrau Sieglinde so manches Mal allein hüten musste. „Wilfried war als Polizist tätig, was nicht immer einfach war“, räumt sie ein. Insbesondere bei Nachtschichten hätte sie auf dem abseitsgelegenen Anwesen ohne Telefonanschluss Ängste überwinden müssen.

1960 trat der Calauer mit einem Anfangsgehalt von 319 Mark in den Polizeidienst, den er bis 1980 ausübte. Heute würde er mit keinem einzigen Polizisten mehr tauschen wollen. „Die Respektlosigkeit gegenüber der Polizei und Mitarbeitern der Rettungsdienste ist furchtbar“, beklagt er. Seine Aufgeschlossenheit gegenüber anderen Schichten der Gesellschaft und die etwas sträfliche Ausübung der gewünschten Linientreue, ließen den Calauer so manches Mal anecken. „Als ich Himmelfahrt einmal eine Kutschfahrt mit Calauer Handwerkern durchführte, musste ich mir den Vorwurf gefallen lassen, die Klassengegner könnten Einfluss auf mich ausüben“, so der Senior in seiner Rückblende.

2002 hatte er seine letzte Ausfahrt mit der historischen Kutsche aus dem Jahr 1911 unternommen. „Sie ist fahrbereit, und die Polsterung sogar neu bezogen worden“, berichtet Sieglinde Schneider. Gerne denkt sie an Ausflüge zurück, was auf ihre Grundeinstellung zur Landwirtschaft zurückzuführen ist. Mit einem Studienabschluss zur Staatlich geprüften Landwirtin in der Tasche, war sie auch im Rinderstall in Säritz tätig. Mit allen Aufgaben vertraut, die die Großtierhaltung so beinhalten: Fütterung, Ställe ausmisten, Milchvieh und Kälber beaufsichtigen und zeichnen.

Zeichnen? „Richtig. Um Tiere exakt zuordnen zu können, habe ich Farbmusterungen des Fells auf Papier gemalt. Fotografieren wäre einfacher gewesen. Aber für den Kauf einer Kamera hatte unser Betrieb damals kein Geld“, begründet die temporäre Malerin.

 Sieglinde und Wilfried Schneider nehmen einen Reservistenkrug aus dem Jahr 1913 in Augenschein. Der Bierhumpen ist die jüngste Anschaffung innerhalb der umfassenden Sammlung im Wohnhaus und in der historischen Bockwindmühle der Familie Schneider.
Sieglinde und Wilfried Schneider nehmen einen Reservistenkrug aus dem Jahr 1913 in Augenschein. Der Bierhumpen ist die jüngste Anschaffung innerhalb der umfassenden Sammlung im Wohnhaus und in der historischen Bockwindmühle der Familie Schneider. FOTO: Uwe Hegewald