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| 18:06 Uhr

Wie ein Wahl-Berliner Senftenberg kennen lernt
Die idyllischste Form von Lebensgefahr

Lebensgefahr in der Idylle.
Lebensgefahr in der Idylle. FOTO: LR / Daniel Roßbach
Senftenberg. Daniel Roßbach, seit vergangener Woche als Volontär für die RUNDSCHAU in Senftenberg im Einsatz, kommt eigentlich aus dem Thüringer Wald und aktuell aus Berlin in die Lausitz. So neu hier, muss er zunächst einmal die Region kennenlernen – und wie ginge das besser, als mit einer Erkundungsrunde um den Senftenberger See? Von Daniel Roßbach

Erinnern Sie sich an den Film „Der weiße Hai“? Der Film handelt davon, dass in dem Städtchen Amity eine Schwimmerin nach einem Hai-Angriff ums Leben kommt, Bürgermeister Larry Vaughn sich aber aus Angst vor Verlusten in der Hauptsaison weigert, die Strände zu schließen. Natürlich mit katastrophalen Konsequenzen. Dieser Film ist das erste, was mir einfällt, als ich den Senftenberger See kennen lerne, wenn auch als Kontrast. Denn eines kann man den zuständigen Behörden hier sicher nicht vorwerfen: nach der Rutschung im Septmber ähnlich sorglos gehandelt zu haben wie Bürgermeister Vaughn.

Stattdessen stehen um den See herum in kurzen Abständen Schilder, die das Betreten des Ufers untersagen und vor Lebensgefahr warnen. Es muss die idyllischste, am wenigsten bedrohlich wirkende Lebensgefahr sein, in der ich mich je befunden habe.

Dass es in Senftenberg vor allem um den See geht, bekommt jede Besucherin oder Zugezogene schnell mit. Warum nicht also um den See gehen, um mein neues Einsatzgebiet als Redakteur der Lausitzer Rundschau kennen zu lernen, denke ich mir. Und entscheide mich nach einem Blick auf die Karte für eine kleine Änderung dieses Plans: statt gehen doch besser mit dem Rad fahren.

Also schwinge ich mich am Senftenberger Stadthafen auf mein Rad und breche zu einer Runde um den See auf, im Uhrzeigersinn. Das erste der vor Lebensgefahr warnenden Schilder, das ich bemerke, steht unmittelbar neben einem, das einen Freikörperkultur-Badestrand auszeichnet: „Hm, für so gefährlich habe ich ein bisschen FKK bis jetzt eigentlich nicht gehalten,“ denke ich mir. Aber auch das ist in „Der weiße Hai“ ja anders.

Während ich dem Radweg in Richtung Kleinkoschen folge, sind es jedenfalls Insekten, die die größte Gefahr, oder zumindest Unannehmlichkeit, für den geneigten Radfahrer darstellen. Die Schwärme von kleinen Fliegen, die sich an einigen Ecken sammeln, bestrafen mich dafür, meine Brille vergessen zu haben. Dem Spaß an der Ausfahrt tut das aber ebenso wenig Abbruch wie der Umstand, dass es mir gelingt, mich an der Überquerung des Koschener Kanals ein wenig zu verfahren - gar nicht so einfach, sollte man meinen, bei einer Seerunde mit den daraus folgenden, doch eher simplen, Navigationsanweisungen.

Spätestens auf der „Straße zur Südsee“ finde ich den Weg aber wieder. Hier bemerke ich auch, dass Senftenberg, wenigstens was ambitionierte Namen betrifft, Cottbus mit seiner, Pardon, seinem Ostsee in nichts nachsteht. Tatsächlich ist dieser Teil der Runde aber vielleicht sogar der schönste. Ein schmales Asphaltband zwischen herrlich herbstlich aussehenden Bäumen und immer wieder mit Blick über den See - was mehr könnte sich der Radfahrer wünschen. Naja, das Ufer auch betreten zu können, ohne sich in Lebensgefahr begeben zu müssen. Aber das hatten wir ja schon.

Und tatsächlich erlebe ich auch selbst eine Rutschung - allerdings nur um einige Zentimeter im Sand am Straßenrand, als ich einmal anhalten möchte. Es ist wirklich nicht so, dass ich mir eine Herangehensweise im Stil Mayor Vaughns wünschen würde. Aber dem Besucher des Sees erschließt sich die Gefahr, vor der immer wieder gewarnt wird, beim Blick auf das ruhige Wasser nicht.

Ruhig, wenngleich nicht ganz leer, ist auch der Hafen immer noch, als ich nach gut einer Stunde dort wieder ankomme: die vielen Selfies und anderen Photos unterwegs halten doch sehr auf und mich davon ab, die Runde so schnell zu fahren wie ich es gewohnt bin. Im Vergleich zu Berlin, wo ich in den letzten Jahren gelebt habe, übernimmt hier also die Landschaft mit schönen Blicken auf den See die verlangsamende Funktion von roten Ampeln.

Hafen ohne Betriebsamkeit.
Hafen ohne Betriebsamkeit. FOTO: LR / Daniel Roßbach
Es ist etwas ironisch, dass die Straßen gerade auch deshalb so schön sind, weil sie leer sind.
Es ist etwas ironisch, dass die Straßen gerade auch deshalb so schön sind, weil sie leer sind. FOTO: LR / Daniel Roßbach