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| 17:26 Uhr

Senftenberg
Am Reifenlager stinkt’s gewaltig

Schreckmoment vor zwei Wochen: Ein Glutnest in einer riesigen Gummiwalze hatte sich entzündet. Die Feuerwehr war aber schnell vor Ort und konnte löschen.
Schreckmoment vor zwei Wochen: Ein Glutnest in einer riesigen Gummiwalze hatte sich entzündet. Die Feuerwehr war aber schnell vor Ort und konnte löschen. FOTO: LR / Jan Augustin
Senftenberg. Nach den beiden Großbränden in einem alten Reifenlager in Senftenberg klagen Anwohner immer noch über mörderischen Gestank rund um das Gelände. Und das ist nicht das einzige Problem, das nach den Großfeuern geklärt werden muss. Von Jan Augustin

Und täglich grüßt der Gummigestank: Anwohner des Reifenlagers an der Senftenberger Ackerstraße klagen noch immer über Ausdünstungen, die seit den beiden Großbränden Ende Juli und Anfang August immer wieder in ihre Nasen kriechen. Das Online-Beschwerdeportal Maerker ist voll mit derlei Einträgen. „Der unerträgliche Gummigestank von verbrannten Reifen zieht durch die Straßen“, schreibt einer. „Schlaf ist mittlerweile für die ganze Familie ein Fremdwort“, klagt ein anderer. Von „massiven Geruchsbelästigungen“ berichtet auch Anwohnerin Andrea Riedel. „Es stinkt gewaltig. Sobald der Wind aus nördlicher Richtung weht, und dies war seit den Bränden vier Wochen lang der Fall, liegt ein extremer Gummibrandgeruch in der Luft. Fenster können nicht geöffnet werden. Kann man am Abend noch bei geöffneten Fenstern einschlafen, wird man des Nachts vom Gestank wach.“ Ein Durchlüften der Wohnungen oder ein entspanntes Verweilen im Garten sei nicht möglich. „Wäsche im Freien trocknen – Fehlanzeige, denn der Geruch haftet an der Kleidung“, sagt Andrea Riedel.

Das Reifenlager stinkt der Anwohnerin aber nicht erst seit den beiden Großbränden vor ein paar Wochen gewaltig. Schon vor zehn Jahren sei sie gemeinsam mit ihrem Mann an die Stadt Senftenberg herangetreten, um auf Mängel und Probleme hinzuweisen. Sorgen wegen des wachsenden Reifenlagers und der undurchsichtigen Firmenbezeichnungen blieben zwar nicht ungehört. Geräumt worden ist das Lager aber nie. Weder von den Eigentümern und Betreibern, noch vonseiten einer Behörde. „Unsere Bedenken haben sich nun in diesem Sommer bestätigt“, sagt Andrea Riedel.

Ein genauerer Blick auf den Lebenslauf des Reifenlagers bestätigt die von den Riedels damals mit großer Skepsis gemachten Beobachtungen. Seit der Jahrtausendwende wird auf dem Gelände mit Altreifen gehandelt. Der Gummi wird angekauft, verarbeitet und als Rauhmehl oder Granulat wieder veräußert. Die Geschäftsführer wechseln mehrfach, die Firmennamen auch. Die drei Eigentümer des Grundstückes sind zeitweise auch die Betreiber gewesen. Auf dem Briefkasten am Eingangstor kleben noch die Buchstaben „SFB Gummiwerk“.

Thomas Frey, Sprecher des zuständigen Landesumweltamtes (LfU), erklärt, dass seiner Behörde im Jahr 2007 der tatsächliche Tätigkeitsumfang mitgeteilt worden ist und so die Genehmigungsbedürftigkeit festgestellt wurde. Zwei Jahre später habe das Land eine Genehmigung für den Betrieb einer Gummigranulier- und Granulatverarbeitungsanlage mit Lagerflächen ausgestellt, befristet bis zum 31. August 2011. „Eine unbefristete Genehmigung zur Abfallbehandlung und -lagerung ist nie erteilt worden“, betont Frey. Doch die Lausitz Gummi GmbH geht pleite. 2009 meldet sie Insolvenz an. Das Lager gilt nun als illegal. 2011 erlässt das LfU erst eine Räumungsverfügung dann einen Zwangsgeldversteigerungsbeschluss gegen den letzten Geschäftsführer der Lausitz Gummi. Vergebens.

Zwei Jahre später keimt Hoffnung auf. Nach nochmaliger Räumungsanordnung durch das LfU siedelt sich jetzt die Senftenberger Vollgummi-Recycling GmbH auf dem Grundstück an. Die Firma sorgt zunächst für eine Grundordnung, bildet Brandschneisen und räumt das Lager um fast 1500 Tonnen. Doch auch dieses Unternehmen meldet sich ab. Das war 2014. Ein Jahr später hat das LfU nach eigenen Angaben die angedrohten Zwangsgelder gegenüber den Grundstückseigentümern festgesetzt. Weil die aber ihre Wohnorte wechseln und sich teils im Ausland aufhalten, kommt es zu Vollstreckungsproblemen. „Die Vollstreckung läuft noch“, bestätigt LfU-Sprecher Thomas Frey.

Anwohnerin Andrea Riedel quält sich angesichts dieser nebulösen Historie mit vielen Fragen herum. Die wichtigste stellt sie zuerst: „Hätte die Betriebsgenehmigung überhaupt erteilt werden dürfen?“ Jens Magnus, der letzte Betriebsleiter der Senftenberger Vollgummi-Recycling GmbH (SVR), hat dazu eine klare Meinung: „Eine Genehmigung hätte nie erteilt werden dürfen.“ Erstens sei die Tonnen-Begrenzung von den vormaligen Betreibern nicht eingehalten worden. Zweitens gab es kein Löschwasser – was ja zu einer erheblichen Zeitverzögerung bei den Feuerwehreinsätzen führte. Und drittens befindet sich in unmittelbarer Nähe der ADAC-Hubschrauberlandeplatz mit einem Kerosinlager.

Dass seine Firma auf dem Gelände zeitweise arbeiten durfte, sei mündlich mit den Behörden vereinbart worden. „Wir haben viel Arbeit, Kraft und Geld hineingesteckt“, erinnert sich der 45-Jährige. Jens Magnus spricht von einer Investitionssumme von mindestens 250 000 Euro. Das Geschäft mit einer selbst entwickelten Schälmaschine sei gut angelaufen. Zehn Mitarbeiter sollen zuletzt beschäftigt gewesen sein. Doch die SVR durfte keinen zusätzlichen Gummi ankaufen, um es zu verarbeiten. „Dieser Input hat gefehlt“, begründet Magnus letztlich das Scheitern der Firma.

Senftenbergs Bürgermeister Andreas Fredrich (SPD) erinnert sich an die SVR: „Das war ein kleiner Hoffnungsschimmer.“ Mehr aber nicht. Die Stadt sitzt jetzt auf den Einsatzkosten der Brände, deren Ursachen noch nicht aufgeklärt sind. Die Ermittlungen dauern an, bestätigt Polizeisprecherin Ines Filohn. Der Stadt liegen bisher Rechnungen über 20 000 Euro vor. Die Summe wird sich aber erheblich vergrößern, sagt Fredrich. Wie das Landesumweltamt auch, versucht die Stadt an die Eigentümer zu gelangen, um die Kosten für den Einsatz und die Beräumung geltend machen zu können. Bisher erfolglos. „Da den Betroffenen der Rechtsweg offen steht, können weitere Verzögerungen eintreten“, erklärt Thomas Frey. Parallel prüfe das Land eine Ersatzvornahme - also eine Räumung auf Staatskosten.

Verschiedene Firmen waren auf dem Gelände in der Ackerstraße tätig. Auf dem Briefkasten ist noch der Name SFB Gummiwerk angegeben.
Verschiedene Firmen waren auf dem Gelände in der Ackerstraße tätig. Auf dem Briefkasten ist noch der Name SFB Gummiwerk angegeben. FOTO: LR / Jan Augustin