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| 15:30 Uhr

Gerichtsverhandlung in Senftenberg
Fragwürdige U-Haft entgiftet Drogendealer

 Bei dem Angeklagten aus Senftenberg wurden 55 Gramm Kokain und knapp 300 Gramm Marihuana gefunden.
Bei dem Angeklagten aus Senftenberg wurden 55 Gramm Kokain und knapp 300 Gramm Marihuana gefunden. FOTO: dpa / Christian Charisius
Senftenberg. Ein Senftenberger wird mit Kokain erwischt und muss sechs Monate hinter Gitter – ohne Prozess. Ein Richter übt Kritik. Doch dem Angeklagten hat seine Knasterfahrung offensichtlich gut getan. Von Jan Augustin

Tatort Güterbahnhofstraße Senftenberg: Ein heute 41-Jähriger Mann wird von einer Polizeistrafe angehalten. Die Beamten riechen Haschisch, filzen den Radfahrer und finden Drogen bei ihm.

Wenig später durchsuchen vier Polizisten die nicht weit entfernte Wohnung des Kontrollierten – und machen einen beträchtlichen Fund: 55 Gramm Kokain, fast 300 Gramm Cannabis, diverse Anbauutensilien, eine Feinwaage, ein Wiegemesser, mit dem man das Gras klein schneiden kann und über 8000 Euro fein sortiert im Schlafzimmerschrank.

Für Polizei und Justiz ist die Sache klar: Der Mann ist Drogendealer und gehört in Untersuchungs-Haft.

Richter sorgt in Senftenberg mit privater Anekdote für Heiterkeit

Aber für fast sechs Monate? Strafrichter Harald Rehbein hinterfragt im Prozess gegen den Senftenberger kritisch, warum die chemische Untersuchung der gefundenen Drogen durch Sachverständige so lange dauert.

„Haben die kein Personal?“, fragt er einen Polizisten, der im November vorigen Jahres bei der Wohnungsdurchsuchung dabei war und am Donnerstag als Zeuge aussagt. „Ja, richtig. Das sind traurige Sparmaßnahmen der Landesregierung“, antwortet dieser ohne Umschweife.

Richter Rehbein kommentiert das kopfschüttelnd mit der amüsanten Anekdote, dass es dafür aber genügend Polizisten gebe, die auf der A13 blitzen würden – so wie ihn kürzlich auf der Urlaubs-Heimreise.

Im Gerichtssaal sorgt der kleine private Ausflug für Heiterkeit. Selbst der Angeklagte muss schmunzeln. Das Thema ist damit vom Tisch und wird wohl auch keine Konsequenzen nach sich ziehen.

Senftenberger im Gefängnis entgiftet

Dem Angeklagten hat seine erste Knasterfahrung offensichtlich gut getan. Er lebt jetzt drogenfrei, sagt er klar und aufgeräumt. Im Gefängnis habe er sich nicht nur entgiftet, er habe auch ausreichend Zeit gehabt, über sein Leben nachzudenken.

Seit einem Monat hat der Mann ohne Berufsabschluss auch einen Job und er besucht die ambulante Suchtberatung des Landkreises. Mit 17, 18 Jahren habe er angefangen, Marihuana zu rauchen. Mit Kokain sei er schon wenig später in Kontakt gekommen.

Vor mehr als 20 Jahren muss er sich das erste Mal vor dem Amtsgericht Senftenberg verantworten. Danach folgen noch mehrere Strafen wegen Fahrens ohne Führerschein.

Rechtsanwalt Torsten Franz bringt den Werdegang seines Mandanten auf den Punkt: „Das Aufdecken der Tat war ein Schuss vor den Bug.“ Wegen des schon langen Aufenthaltes im Gefängnis, wo er „sein Leben überdenken“ konnte und dieses auch neu gestaltet habe, hält der Verteidiger eine Bewährungsstrafe von anderthalb Jahren für „völlig ausreichend“.

Senftenberger wegen Drogenhandel verurteilt

Die Staatsanwaltschaft plädiert indes für eine zweijährige Freiheitsstrafe mit vierjähriger Bewährungsfrist. Außerdem solle er eine Geldstrafe von 1000 Euro zahlen.

Das Schöffengericht findet einen Kompromiss: Wegen Handels mit Betäubungsmitteln in nicht geringer Menge verurteilt es den Senftenberger zu einer Freiheitsstrafe von einem Jahr und zehn Monaten, mit einer Bewährungsfrist von drei Jahren.

500 Euro soll er ratenweise an die Staatskasse zahlen oder wahlweise 100 gemeinnützige Stunden ableisten. Das Gericht geht davon aus, dass der Angeklagte künftig ein straffreies Leben führt. Vor allem das vollumfängliche Geständnis und der Haftaufenthalt ist ihm zugunsten ausgelegt worden.