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| 18:58 Uhr

Suchtpräventionsprojekt in Senftenberg
Senftenberger boxen gegen Drogen

Auf dem Suchtpräventionstag der Stadt Senftenberg „Update your life“ gibt Stefan Cepa vom fightclub 193 den Jugendlichen eine Einführung ins Kickboxen. 500 Schüler aller achten und neunten Klassen der weiterführenden Schulen nehmen an diesem Projekttag teil.
Auf dem Suchtpräventionstag der Stadt Senftenberg „Update your life“ gibt Stefan Cepa vom fightclub 193 den Jugendlichen eine Einführung ins Kickboxen. 500 Schüler aller achten und neunten Klassen der weiterführenden Schulen nehmen an diesem Projekttag teil. FOTO: Josephine Japke / LR
Senftenberg. 500 Senftenberger Schüler nehmen am Suchtpräventionsprojekt „Update your life“ teil. Von Josephine Japke

Auf die Frage „Welche Drogen fallen euch ein?“ antwortet ein Junge aus der letzten Reihe „LSD“ und lacht, weil er es witzig findet. „Sehr gutes Beispiel“, antwortet Carsten Bölke schlagfertig, „denn erst vor Kurzem hatte ich einen Patienten, der auf LSD war und glaubte, von einer Hexe verfolgt zu werden. Der Patient konnte Wirklichkeit nicht von Halluzination unterscheiden und verletzte sich auf der Flucht vor der Hexe schwer“, sagt er. Die 250 Schüler im großen Hörsaal im Konrad-Zuse-Medienzentrum der BTU Senftenberg sind plötzlich still.

Schonungslos ehrlich hält Carsten Bölke seinen Vortrag auf dem Suchtpräventionstag „Update your life“ der Stadt Senftenberg. Der Stationsarzt der Suchtambulanz am Zentrum für psychosoziale Gesundheit macht jeden Kommentar der Achtklässler zu ernster Realität. Drogen sollten nicht durch Witze verharmlost werden. „Vielmehr müssen sie raus aus der Schmuddelecke. Wir müssen darüber ernsthaft reden, ohne erhobenen Zeigefinger, ohne Vorurteile, ohne Moralpredigten“, sagt er und erklärt den Schülern, was die Folgen von Drogen sind. Nicht um sie zu schocken, sondern um ihnen die Realität zu zeigen: Straftaten, Schulden, gesundheitliche Schäden, soziale Isolation.

„Es geht nicht nur darum, was man machen kann, um nicht abhängig zu werden; sondern auch darum, Kindern zu zeigen, wie sie später verantwortungsvoll mit Suchtmitteln umgehen können“, erklärt die Organisatorin des Projektes, Anne Dick. Denn Suchtmittel gehören zu unserem Alltag: der Kaffee am Morgen, die Zigarettenpause, das Feierabendbier. Es kommt nur darauf an, wie viel wir von allem konsumieren“, sagt sie.

Ein Jahr feilte Anne Dick mit Schulsozialarbeitern an „Update your life“ und trommelte Partner zusammen, die heute Workshops und Vorträge rund um Suchtmittel anbieten. „Wie kann ich mein Selbstbewusstsein stärken? Welche Alternativen zu Drogen gibt es? Wohin wende ich mich, wenn ich Hilfe brauche? All diese Dinge wollen wir den Schülern vermitteln“, sagt sie.

Im Blindfahr-Simulator der Deutschen Verkehrswacht erfahren die 14-Jährigen, wie viele Meter auf dem Fahrrad sie beim Tippen einer SMS zurücklegen. „Handys sind aus dem Straßenverkehr nicht mehr wegzudenken. Jeder Zweite benutzt das Smartphone beim Fahren. Wie gefährlich das ist, wird ihnen hier gezeigt“, sagt Heiko Wiese von der Verkehrswacht Oranienburg. Nicht nur schockierende Videos sollen die Schüler sensibilisieren, sondern auch der Selbsttest. Während der 14-jährige Lukas „Bock auf Kino?“ tippt, fährt er knapp 30 Meter blind. „Auf der Strecke hättest du Fußgänger, Autos und Lkw gar nicht wahrgenommen. Überlege mal, was da passieren kann“, sagt Heiko Wiese dem überraschten Schüler.

Hoch im Kurs ist auch das Kickbox-Training von Daniel Komorek und Stefan Cepa. Die beiden Mitglieder im Fightclub 193 aus Schwarzheide zeigen den Jugendlichen ein paar einfache Tritte und Schläge, bevor die Schüler dann selbst probieren dürfen. „Wer Sport treibt, achtet auf seine Gesundheit. Der kommt gar nicht auf die Idee, Drogen zu nehmen und hat auch kaum Zeit, Mist zu bauen, weil er ja viermal die Woche trainieren kommt“, erklärt Daniel Komorek. Zudem stärke Sport die Persönlichkeit der Kinder, denn sie lernen, für sich selbst einzustehen und auch mal nein zu sagen.

Wie wichtig das ist, weiß auch Carsten Bölke. „Das Problem ist, dass Jugendliche cool sein wollen und der Sog der Gruppe meist stärker ist, als die eigene Vernunft. Nein sagen können nur die Wenigsten“, erklärt er. Etwa 80 Patienten befinden sich in Dauerbehandlung in der Suchtambulanz. „Das sind aber nicht alle Abhängigen. Einige gehen zur Suchtberatung und nicht zu uns. Die meisten suchen sich allerdings gar keine Hilfe“, stellt er fest. Manchmal, weil sie nicht verstehen, dass sie ein Problem haben. Manchmal, weil sie es selbst nicht wissen.

Umso wichtiger sind die Anzeichen, auf die engste Vertraute achten können: „Rückzug, Heimlichtuerei, schlechte Noten und Fehltage in der Schule, plötzliche Gewohnheitsveränderungen, wie einen neuen Freundeskreis oder wenn das jahrelange Taschengeld plötzlich nicht mehr ausreicht“, zählt Carsten Bölke einige der Dinge auf.

Sind diese erkannt, rät der Fachmann zum offenen Gespräch - unter einer Bedingung: „Machen Sie demjenigen keine Vorwürfe, sondern versuchen sie Verständnis aufzubringen, egal, wie schwer das fällt. Bieten Sie immer wieder Ihre Hilfe an und lassen Sie nicht locker. Das ist über Jahre zwar sehr frustrierend. Aber für den Menschen hinter den Drogen lohnt es sich.“