ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 17:49 Uhr

Kunstraub im öffentlichen Raum
Kopieren, umzäunen? - Senftenberg sucht Lösung für Skulpturenklau-Problem

Vor einem Jahr sprudelte es am Senftenberger Neumarkt noch: Diese Plastik gehört zum vierteiligen Figurenensemble „Spiele am Wasser“ von Ernst Sauer.
Vor einem Jahr sprudelte es am Senftenberger Neumarkt noch: Diese Plastik gehört zum vierteiligen Figurenensemble „Spiele am Wasser“ von Ernst Sauer. FOTO: Rasche FOTOGRAFIE / STEFFEN RASCHE
Senftenberg/Hoyerswerda. Nachdem in Senftenberg immer öfter Kunstwerke aus Bronze von dreisten Metalldieben gestohlen wurden, muss die Stadt nun umdenken. Sollen solche Plastiken in Zukunft nur noch als Kopie im öffentlichen Raum stehen? Ein Blick nach Hoyerswerda zeigt: Auch hier wurden Vorsichtsmaßnahmen ergriffen. Von Catrin Würz

Eine Serie von Kunstdiebstählen erschüttert die Stadt Senftenberg: Die „Badenden Jungen“ von Bildhauer Ernst Sauer vor dem Erlebnisbad hat es im September 2017 erwischt. Jürgen von Woyskis „Stehende“ verschwand im selben Jahr von ihrem Platz vor dem Haupteingang der Senftenberger Stadtwerke. Nur noch ein hässlicher, leerer Sockel ist von Siegfried Krepps Kunstwerk „Sitzender Akt“ im Schlosspark übriggeblieben. Gewaltsam von Vandalen beschädigt wurde die Kunststeinfigur „Mutter mit Kind“ am Steindamm. Und als vor ein paar Monaten am Mahnmal für die Opfer des Faschismus und Militarismus an der Plastik des stehenden Mannes Spuren eines offenbar noch nicht vollendeten Diebstahls bemerkt wurden, ging alles ganz schnell: Aus Angst, noch weitere Kunst zu verlieren, traf die Stadtverwaltung die unvermeidbare Entscheidung, auch alle verbliebenen Plastiken aus Bronzeguss vorerst abzubauen und sicherzustellen. Ebenso wie die Skulptur des stehenden Mannes vom Mahnmal vor dem Tierpark betrifft dies auch eine vierteilige Figurengruppe „Spiele am Wasser“ des Senftenberger Bildhauers Ernst Sauer, die Bestandteil des Brunnens am Neumarkt im Stadtzentrum sind. An sicherem Ort verwahrt ist ebenfalls jene Woyski-Plastik „Hockende“, die als Pendant zu der gestohlenen „Stehenden“ aus dem Figurenensemble vor dem Stadtwerke-Haupteingang noch gerettet werden konnte.

„Das alles ist natürlich kein befriedigender Zustand. Wir müssen eine Lösung finden“, sagt Amtsleiter Falk Peschel. Das dürfte nicht so einfach sein. Einzig für Jürgen von Woyskis „Stehende“ zeichnet sich ab, einen adäquaten Ersatz zu bekommen. „In der damals beauftragten Kunstgießerei Hann in Altlandsberg ist die Gussform noch vorhanden. Die Kosten für eine Neuanfertigung sind in diesem Fall von der Versicherungssumme gedeckt“, erklärt der Amtsleiter. Ein Glücksfall.

Bedeutend schwieriger ist das jedoch für die beliebte Sauer-Plastik „Badende Jungen“. Für das Kunstwerk gibt es keine Gussform mehr. Die Stadt lässt deshalb von der Kunstgießerei Lauchhammer prüfen, inwiefern ein Replikat überhaupt machbar und finanzierbar ist.

Und die Grundsatzfrage bleibt trotzdem bestehen: Wie will die Stadt Senftenberg künftig überhaupt mit ihren Kunstwerken im öffentlichen Raum verfahren? Längst hat sich eine Idee Bahn gebrochen, die kürzlich unter den Mitgliedern des städtischen Bildungs- und Kulturausschusses überwiegend Zustimmung fand. Von allen Bronzeplastiken könnten Kopien aus weniger wertvollem Material angefertigt werden, sagt Falk Peschel. Die Nachbildungen sollten am einstigen Standort des Kunstwerkes aufgestellt werden, während die Originale an sicheren Orten, zum Beispiel innerhalb öffentlicher Gebäude präsentiert werden. „Mir blutet das Herz. Aber wir haben wohl keine andere Wahl“, sagt Cornelia Wagner (Linke). Auch Fred Frahnow (SFB) fände es „fahrlässig, wenn wir die originalen Bronzearbeiten weiterhin im ungeschützten Außenbereich zeigen.“ Bedenken zu diesem Weg äußerte dagegen Norbert Philipp (Wir für Senftenberg/Grüne). Er vermutet, dass es zu Konflikten mit dem Urheberrecht kommen könnte. „Kunst ist eigentlich immer ein Original. Kopien davon anzufertigen, verfehlt wohl den Sinn der Sache“, glaubt er.

Dass dieser Weg der Repliken zudem nicht ganz billig für die Stadt sein würde, steht auch schon fest. Je nach Material und Größe des nachgebildeten Kunstwerkes könnten Summen von 20 000 bis 30 000 Euro pro Kunstwerk anfallen.

Ein Blick in Senftenbergs sächsische Nachbarstadt Hoyerswerda macht deutlich: Auch hier ist das Phänomen bekannt, wenngleich längst nicht in so großem Ausmaß. Vor Jahren wurde ein Bronzerelief vom Fritz-Heckert-Denkmal in der Hoyerswerdaer Altstadt gestohlen und erst im vergangenen Jahr wurde an der Kriegsgräberstätte in Nardt für die Opfer des Lagers Elsterhorst eine Gedenktafel aus Kupfer entwendet. „Das hat uns sehr geärgert“, sagt Kerstin Noack, die Leiterin des Stadtmuseums Hoyerswerda. Während in Hoyerswerda, der Stadt der internationalen Bildhauersymposien, vorwiegend Sandsteinskulpturen aufgestellt sind, wurden einige Kunstwerke aus Bronze und Aluminium schon gleich nach der Wende in den Zoo oder auch auf umzäunte Grundstücke von Schulen oder des Seenland-Klinikums umgesetzt. „Dort sind sie relativ gut vor Diebstählen geschützt“, sagt Heike Wenzel vom Gebäude- und Liegenschaftsmanagement der Stadt Hoyerswerda.

Jetzt ein trostloser Anblick: Nachdem mehrere Kunstwerke gestohlen wurden, hat die Stadt das Figurenensemble vom Neumarkt entfernt.
Jetzt ein trostloser Anblick: Nachdem mehrere Kunstwerke gestohlen wurden, hat die Stadt das Figurenensemble vom Neumarkt entfernt. FOTO: Rasche FOTOGRAFIE / Steffen Rasche
Die Bronzeplastik „Stehende und Hockende“ von Jürgen von Woyski stand früher vor den Stadtwerken.
Die Bronzeplastik „Stehende und Hockende“ von Jürgen von Woyski stand früher vor den Stadtwerken. FOTO: Stadt Senftenberg
Die Kunststeinfigur „Mutter mit Kind“ vor dem Schloss fiel Vandalismus zum Opfer und wurde gesichert.
Die Kunststeinfigur „Mutter mit Kind“ vor dem Schloss fiel Vandalismus zum Opfer und wurde gesichert. FOTO: Stadt Senftenberg
Die Bronzeplastik „Badende Jungen“ von Ernst Sauer wurde im Herbst 2017 gestohlen.
Die Bronzeplastik „Badende Jungen“ von Ernst Sauer wurde im Herbst 2017 gestohlen. FOTO: Stadt Senftenberg