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| 19:40 Uhr

Neue Bahnstrecke
Die Seenlandbahn nimmt Fahrt auf

 Das muss per Foto festgehalten werden: Nach langer Zeit hält nun wieder regelmäßig ein Personenzug am Bahnhof in Bernsdorf. Die Städtebahn Sachsen fährt mit ihrem schicken Triebwagen ein.
Das muss per Foto festgehalten werden: Nach langer Zeit hält nun wieder regelmäßig ein Personenzug am Bahnhof in Bernsdorf. Die Städtebahn Sachsen fährt mit ihrem schicken Triebwagen ein. FOTO: LR / Catrin Würz
Bernsdorf/Senftenberg. Seit Juli verbindet eine neue, direkte Zugverbindung die sächsische Landeshauptstadt mit dem Lausitzer Seenland. Vorerst nur samstags und vorerst nur sieben Mal – aber die Initiatoren wollen mehr. Die RUNDSCHAU ist mit der Seenlandbahn mal mitgefahren. Von Catrin Würz

Großer Bahnhof am Bahnhof Bernsdorf. 20 bis 30 Menschen drängeln sich auf dem schmalen Bahnsteig dicht beieinander unter Pavillons und Schirmen – denn ausgerechnet zur offiziellen Begrüßung der neuen Direkt-Zugverbindung von Sachsens Hauptstadt Dresden nach Senftenberg ins Herz des Lausitzer Seenlandes schickt der Himmel den lange erwarteten Regen in Strömen. Doch das tut der nahezu euphorischen Stimmung an diesem Samstagmorgen keinen Abbruch. Endlich! Endlich kann man in Bernsdorf wieder als Passagier in einen Personenzug einsteigen und mit diesem öffentlichen Verkehrsmittel unkompliziert und schnell südwärts nach Kamenz, Radeberg und Dresden oder nordwärts nach Senftenberg an die Strände des Lausitzer Seenlandes fahren.

Auf die Minute genau 10.03 Uhr rollt dann der moderne Triebwagen der Städtebahn Sachsen am Bahnsteig ein. Auch Andreas Balzke steigt mit seinem fünfjährigen Sohn Moritz an der Hand in den Zug ein. „Das ist direkt ein erhebendes Gefühl, nach so vielen Jahren wieder von Bernsdorf aus mit dem Zug fahren zu können“, sagt er. Seine kleine Reise ist zwar nur kurz, denn in Wiednitz steigt das Vater-Sohn-Gespann schon wieder aus. „Aber wir wollten das einfach mal ausprobieren. Ein kleines Abenteuer“, sagt Andreas Balzke augenzwinkernd.

 Lokführer Sven Fritze kennt die Gleisstrecke von Dresden über Kamenz in Richtung Senftenberg aus dem Effeff. Er ist sie früher mit Güterzügen gefahren.
Lokführer Sven Fritze kennt die Gleisstrecke von Dresden über Kamenz in Richtung Senftenberg aus dem Effeff. Er ist sie früher mit Güterzügen gefahren. FOTO: LR / Catrin Würz

Auf dem Bahnsteig in Wiednitz stehen indes ebenfalls gut zwei Dutzend Einwohner und jubeln und winken dem einfahrenden Triebwagen zu. Auch die Wiednitzer freuen sich, von der Seenlandbahn nun zumindest zeitweise wieder per Schiene an die großen Ballungszentren der Region angekoppelt zu sein. Und sie zeigen das mit Winkefähnchen, Luftballons und einem Plakat, auf dem sie sich für eine sinnvolle Ortsumfahrung der S 92 für ihren Ort aussprechen.

 Großer Bahnhof am Haltepunkt Wiednitz. Dort jubelten auf dem Bahnsteig mehr als 20 Wiednitzer dem Zug zu.
Großer Bahnhof am Haltepunkt Wiednitz. Dort jubelten auf dem Bahnsteig mehr als 20 Wiednitzer dem Zug zu. FOTO: LR / Catrin Würz

Bernsdorfs Bürgermeister Harry Habel (CDU) ist begeistert. Die Anteilnahme der Bürger seines Städtchens an der neuen Errungenschaft Seenlandbahn ist unverkennbar. „Diese Bahnverbindung ist wichtig, wichtig, wichtig. Wie sehr eine Stadt davon profitieren kann, per Bahn an die großen Städte mit der Kultur und den Arbeitsplätzen angebunden zu sein, das zeigt Kamenz. Da wollen wir auch hin“, sagt Habel. Seit mehr als sieben Jahren kämpft der Bernsdorfer Bürgermeister nunmehr an dieser Front. Er möchte, dass auf den Gleisen in Bernsdorf-Straßgräbchen, die tipp topp in Ordnung sind und für den Güterverkehr genutzt werden, künftig auch wieder Personenzüge rollen.

 Sie haben lange für die Wiederaufnahme der Seenland-Bahnstrecke gekämpft: Bernsdorfs Bürgermeister Harry Habel (r.) und der Bautzener Landrat Michael Harig sind am Wochenende gemeinsam eine Runde mitgefahren.
Sie haben lange für die Wiederaufnahme der Seenland-Bahnstrecke gekämpft: Bernsdorfs Bürgermeister Harry Habel (r.) und der Bautzener Landrat Michael Harig sind am Wochenende gemeinsam eine Runde mitgefahren. FOTO: LR / Catrin Würz

Schon von 2014 bis 2016 hatte es einen ersten Modellversuch für eine Touristenbahn von Dresden nach Senftenberg ins Lausitzer Seenland gegeben. „Das war jedoch streng an touristische Leistungen gebunden. Jeder Fahrgast buchte zusammen mit der Beförderung auch Ausflüge und Tourismusangebote“, erinnert sich Habel. Mit Modellversuch Nummer zwei, der seit Anfang Juli nun insgesamt an sieben Sonnabenden während der sächsischen Sommerferien läuft, ist das anders. Hier muss jeder Fahrgast nur die Beförderungsleistung nach dem Tarif des Verkehrsverbundes Oberelbe (VVO) bezahlen. Und weil der VVO-Tarif auf dieser Strecke sogar bis ins Brandenburgische – nach Hosena und Senftenberg – reicht, ist das sehr attraktiv. Mit der Tageskarte für 14 Euro kann jeder Erwachsene von Dresden bis Senftenberg und wieder zurück reisen (oder umgekehrt) – und sogar noch zwei Kinder mitnehmen. Die VVO-Familienkarte für zwei Erwachsene und bis zu vier Kinder kostet 20 Euro. „Dieser Tarif gilt länderüberschreitend nur für die Seenlandbahn“, informiert VVO-Pressesprecher Christian Schlemper.

Möglich wird das freilich nur deshalb, weil der Freistaat Sachsen insgesamt 120 000 Euro für den sommerlichen Seenlandbahn-Probebetrieb zur Verfügung stellt. Auch für den Sommer 2020 steht das Geld schon bereit: Dann soll die Seenlandbahn in den Sommerferien sogar jeweils samstags und sonntags rollen.

Das finden Gabriele Nitsche (70) und Gunter Otto (75) ganz toll. Die beiden Dresdner haben sich an diesem Samstagvormittag von Dresden-Klotzsche aus auf den Weg gemacht, um einen Verwandten in Niemtsch am Senftenberger See zu besuchen. „Einfacher hätten wir kaum reisen können. Und ich freue mich auch für all die jungen Familien, die jetzt zum Baden oder für schöne Ausflüge super ins Lausitzer Seenland kommen“, sagt die 70-Jährige begeistert.

So ein „Ausflügler“ ist zum Beispiel Hagen Ruppert. Der Kamenzer hat am Morgen zusammen mit seiner Frau einen Fahrradausflug zum Senftenberger See unternommen. Von Kamenz aus rollte es 40 Kilometer lang immer leicht bergab bis zum Seeufer. „Das war ein schöner Ausflug, auch wenn es mehrmals geregnet hat“, sagt er lächelnd. Jetzt steht das Ehepaar auf dem Bahnsteig 1 des Bahnhofes Senftenberg. „Zurück fahren wir jetzt aber mit diesem Zug“, sagt Hagen Ruppert und rollt sein Tourenrad in den Triebwagen der Städtebahn.

 Niels Lochmann (l.) und Sebastian Keilwitz sind Eisenbahn-Fans und wollten die neue Seenland-Strecke einfach mal ausprobieren. Am Bahnhof Senftenberg angekommen, orientierten sie sich am Stadtplan, wo es zum See geht.
Niels Lochmann (l.) und Sebastian Keilwitz sind Eisenbahn-Fans und wollten die neue Seenland-Strecke einfach mal ausprobieren. Am Bahnhof Senftenberg angekommen, orientierten sie sich am Stadtplan, wo es zum See geht. FOTO: LR / Catrin Würz

Lokführer Sven Fritze, der mit dem Triebwagen morgens um 9.02 Uhr in Dresden-Hauptbahnhof gestartet war, bringt die Passagiere nun ab 11.15 Uhr von Senftenberg in Richtung sächsische Landeshauptstadt. Auch dafür gibt es Bedarf – zwar nicht ganz so großen, wie in der Gegenrichtung. Aber das bietet noch Potenzial für die Zukunft.

An den beiden ersten Samstagen im Juli hat die Seenlandbahn jeweils zirka 160 Fahrgäste transportiert. „Mit dem Schwerpunkt, dass die meisten Passagiere – etwa 70 bis 80 – morgens die erste Bahn von Dresden ins Seenland genutzt haben und am Nachmittag mit der Bahn ab 16.15 Uhr nach Dresden zurückgekehrt sind“, berichtet Pressesprecher Christian Schlemper vom Verkehrsverbund. Die Zahlen seien ermutigend, und man habe jeweils auch 15 Fahrräder transportiert.

 Mit dem Fahrrad in die Seenlandbahn - kein Problem. Hagen Ruppert hat das gleich mal ausprobiert. Von Kamenz aus ging es auf Radtour  nach Senftenberg, von dort zurück mit dem Zug.
Mit dem Fahrrad in die Seenlandbahn - kein Problem. Hagen Ruppert hat das gleich mal ausprobiert. Von Kamenz aus ging es auf Radtour nach Senftenberg, von dort zurück mit dem Zug. FOTO: LR / Catrin Würz

Die Touristiker im Lausitzer Seenland setzen nicht geringe Hoffnungen auf diese attraktive Verkehrsanbindung in Richtung Sachsen. Ab dem kommenden Wochenende wird beispielsweise Sören Hoika mit seiner Firma iba aktiv tours Seenlandbahn-Reisende am Senftenberger Bahnhof abholen und eine kleine Rundfahrt durch die Seenlandschaft mit anschließender Aqua-Phönix-Schiffsfahrt anbieten. „Mal sehen, wie das ankommt“, sagt er. Das Angebot müsse jedoch im Vorfeld gebucht werden.

Der Bautzener Landrat Michael Harig (CDU) hat die neue Seenland-Bahn am vergangenen Samstag ebenfalls persönlich getestet. Er ist froh, dass das Land Sachsen einen zweijährigen Modellversuch mit der Städtebahn Sachsen finanziert. „Und am Ende darf es keinen Zweifel mehr daran geben, dass diese Bahnstrecke wieder in den Regelverkehr aufgenommen werden muss – und zwar nicht nur am Wochenende.“