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| 20:33 Uhr

Sorbisch oder wendisch?
Senftenberg hat wendische Spuren

Sorbisch oder wendisch? Oder beides? Über die slawische Geschichte und Gegenwart wurde unlängst in Senftenberg diskutiert.
Sorbisch oder wendisch? Oder beides? Über die slawische Geschichte und Gegenwart wurde unlängst in Senftenberg diskutiert. FOTO: Richter-Zippack
Seitdem die Stadt offiziell zum Sorben/Wenden-Siedlungsgebiet gehört, wird über das Thema viel diskutiert. Von Torsten Richter-Zippack

Seit Mai 2017 gehört Senftenberg zum sorbischen/wendischen Siedlungsgebiet in Brandenburg. Aber was ist in der Kreis­stadt heute tatsächlich sorbisch? Oder wendisch? Obwohl der evangelische Pfarrer Manfred Schwarz aus Senftenberg eigenen Angaben zufolge über slawische Wurzeln verfügt, würde er sich nie als Sorbe bezeichnen. „In meinem Elternhaus wurde immer gesagt, dass wir mit den Sorben nichts zu tun haben. Diese wurden als SED-geführte Gruppe betrachtet. Stattdessen sahen sich meine Eltern immer als Wenden“, berichtet der Kirchenmann. Zwar steht das Elternhaus von Manfred Schwarz in der Spreewaldgemeinde Burg, die aber ebenso wie Senftenberg zur Niederlausitz gehört. So wurde, historisch gesehen, auch in der Seestadt kaum von Sorben, sondern vielmehr von Wenden gesprochen.

Das bestätigt der gebürtige Senftenberger Günter Paulisch, der die seit wenigen Jahren bestehende Domowina-Ortsgruppe Senftenberg leitet. Die Domowina versteht sich als Dachverband sorbischer/wendischer Vereine. „In der Stadt war früher immer von den Wenden die Rede“, erinnert sich Paulisch. Der Begriff Sorbe fand nur bei amtlichen Erledigungen Verwendung.“ Auf die Frage, ob sich Paulisch eher als Wende oder als Sorbe bezeichnen würde, antwortet er in der westslawischen Sprache: „Ja som Serb.“ Das bedeutet „Ich bin Sorbe“, aber auch „Ich bin Wende.“ Tatsächlich existiert für beide deutschen Begriffe im Westslawischen lediglich ein Wort.

Ob und wie viele Sorben/Wenden in Senftenberg leben, ist nicht bekannt. Der Grund: Entsprechende Angaben dürfen vonseiten der Behörden nicht erhoben werden. Doch das Stadtbild tendiert deutlich in eine Richtung. Denn eines der markantesten Gebäude stellt die Wendische Kirche dar, das heutige Bürgerhaus.

Dr. Peter Schurmann vom Sorbischen Institut  bringt in der Wendischen Kirche in Senftenberg, Licht in die Bedeutung der Begriffe "Sorben und "Wenden".
Dr. Peter Schurmann vom Sorbischen Institut bringt in der Wendischen Kirche in Senftenberg, Licht in die Bedeutung der Begriffe "Sorben und "Wenden". FOTO: Richter-Zippack

In diesem Gotteshaus, so steht es in der Chronik, wurde bis zum Jahr 1881 auf Wendisch gepredigt. 18 überwiegend wendischsprachige Dörfer gehörten zur Kirchgemeinde. Seit wenigen Jahren wird erneut zu wendischen Gottesdiensten eingeladen, die allerdings nicht nur Senftenberger, sondern Leute aus der ganzen Lausitz anziehen sollen. Eine Sorbenstraße oder ähnliches gibt es in der Kreisstadt hingegen nicht. Wendische Kirchen in der Niederlausitz gibt es unter anderem auch in Spremberg, Cottbus und Lieberose. Allerdings kein einziges sorbisches Gotteshaus.

Dass in der Niederlausitz die Wenden leben und in der Oberlausitz die Sorben, sei ein weit verbreiteter Stereotyp, erklärt Dr. Peter Schurmann, Historiker am Sorbischen Institut in Cottbus. „Daran ist aber etwas dran“, fügt Manfred Schwarz während einer Diskussion in Senftenberg gleich ein. Denn gewisse Unterschiede zwischen Sorben und Wenden gebe es in der Tat. Beispielsweise wegen ihrer zwei Sprachen. Allerdings, so erklärt Historiker Schurmann, gebe es das Phänomen, dass gerade diejenigen Leute, die so intensiv auf den Wendenbegriff bestehen, kaum des Sorbischen mächtig seien.

Ursprünglich hatten griechische und römische Geschichtsschreiber alle nichtgermanischen Stämme als Wenden bezeichnet. Im Deutschen wiederum sind alle westslawischen Stämme beziehungsweise Volksgruppen, die ab dem 6. Jahrhundert ins heutige Deutschland einwanderten, als Wenden betitelt worden. Die Urbezeichnung Surbi, aus der später die Sorben hervorgingen, hatte der fränkische Chronist Fredegar um das Jahr 631 ins Spiel gebracht.

Im 19. und 20. Jahrhundert wurden die Sorben/Wenden nicht selten als „deutscher Volksstamm“ bezeichnet, der keine eigene Geschichte hätte. So formulierte es der sächsische Landeshistoriker Rudolf Kötzschke (1867-1949). An dessen dazugehörigen Forschungsprojekt war auch der aus Senftenberg stammende Historiker Rudolf Lehmann (1891-1984) beteiligt.

Bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts, so hat Peter Schurmann recherchiert, wurde nicht nur in der Nieder-, sondern auch in der Oberlausitz häufig von Wenden gesprochen. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg begann sich das Sorbische nach Norden auszudehnen. „Der Wendenbegriff wurde als reaktio­när und konservativ betrachtet, der durch das Sorbische abgelöst werden sollte“, erklärt der Historiker, der ursprünglich aus der Hoyerswerdaer Gegend stammt. Anders formuliert: Besonders die obersorbischen Lehrkräfte haben den Niederlausitzern den Sorbenbegriff übergestülpt. „Daher erklärt sich, dass viele Wenden gegenüber den Obersorben eine Abwehrhaltung einnehmen“, resümiert Peter Schurmann.

Heute hingegen seien beide Begriffe gleichberechtigt. „Sie beschreiben ein und dasselbe Volk, das sowohl in der Nieder- als auch in der Oberlausitz siedelt und über zwei Schriftsprachen verfügt“, erklärt der Historiker. Nichtsdestotrotz sei der Begriff Sorben wissenschaftlich exakter. „Er leitet sich von der Eigenbezeichnung ab“, begründet Schurmann.

Günter Paulisch stellt indes die These auf, dass heutzutage zahlreiche Senftenberger mit dem Thema Sorben/Wenden nichts mehr zu tun haben wollen. „Ich sehe da eine gewisse Deutschtümelei. Wenn ich manche Leute auf die Problematik mit dem Siedlungsgebiet anspreche, bekomme ich zu hören, warum wir jetzt auch noch mit den Sorben anfangen müssen, die Leute hätten schon mit den Ausländern genug zu tun.“ Nichtsdestotrotz bezeichnen Günter Paulisch und Peter Schurmann die Eingliederung Senftenbergs in das sorbische/wendische Siedlungsgebiet als „Riesenerfolg“. Allerdings ist es ein offenes Geheimnis, dass dieser längst nicht nur auf Gegenliebe stößt. So hatte eine Mehrheit der Senftenberger Stadtverordneten die Eingliederung abgelehnt. Letztendlich entschied der Hauptausschuss des Landtages anders.