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| 14:27 Uhr

Heimatgeschichte
Als die Parodie in Zelle 53 endete

 Günter Georgi präsentiert seine frühere Lehrstelle bei der Sparkasse in Senftenberg. Heute befinden sich darin die Touristinformation und Teile des Rathauses.
Günter Georgi präsentiert seine frühere Lehrstelle bei der Sparkasse in Senftenberg. Heute befinden sich darin die Touristinformation und Teile des Rathauses. FOTO: Torsten Richter-Zippack
Senftenberg. Warum es der Fotograf Günter Georgi vor 60 Jahren in Senftenberg nicht mehr aushielt. Von Torsten Richter-Zippack

1958 bezeichnet Günter Georgi als das Schicksalsjahr seines Lebens. Vor gut sechs Jahrzehnten hatte der gelernte Bankkaufmann und Gesundheitsfürsorger sowie spätere Fotograf seine Heimatstadt Senftenberg für immer verlassen. Und zwar gen Westen. Noch wenige Jahre zuvor war der gebürtige Annahütter mit Stolz dabei, ein neues, besseres Deutschland aufzubauen, wie er selbst sagt. „Ich musste im Alter von 16 Jahren noch Soldat werden und habe den Krieg erlebt. Daher rührte meine Motivation.“

So beendete Günter Georgi nach der Heimkehr nach Senftenberg die im Krieg begonnene Lehre bei der Sparkasse am Markt, ließ sich anschließend im Gesundheitsamt als Gesundheitsfürsorger ausbilden und begann mit dem Schreiben. „Mein erster Lokalredakteur, den ich kennenlernte, war Erwin Strittmatter“, erinnert sich Georgi. Er behielt den Schriftsteller als „schweigsamen Mann, der sich überall auskannte“, in Erinnerung.

Eigentlich war im Leben des Günter Georgi alles in Ordnung, hätte es da nicht den schicksalsvollen Abend im Advent 1957 gegeben. „Im Gesellschaftshaus, dem späteren Haus der Werktätigen, habe ich als Weihnachtsmann die Kinder der Bergleute beschenkt“, sagt der heute 90-Jährige. Nach der Veranstaltung zogen sich die Erwachsenen in die dortige Gaststube zurück. Mit einer Parodie wollte Günter Georgi für Unterhaltung sorgen. „Ich habe dabei Hitler, Goebbels und Mussolini lächerlich gemacht. Das bekam allerdings jemand spitz und ging in die Polizeiwache gleich gegenüber“, sagt Georgi.

Was dann folgte, bezeichnet der Senftenberger als Albtraum. Georgi verlor seine Arbeit im Gesundheitsamt des Rates des Kreises. Nach langer Suche war er als Bauhilfsarbeiter im Volkseigenen Betrieb (VEB) Bauunion Lauchhammer tätig. „Später holte mich Vater ins Industriewarenlager nach Annahütte“, erinnert sich der 90-Jährige. Eines Tages wurde er dort abgeholt und fand sich in der Haftanstalt in Zelle 53 am Senftenberger Amtsgericht wieder. „Wir waren vier Mann auf engstem Raum, eine Toilette gab es nicht“, sagt Georgi. In der Anklage hieß es, der Senftenberger hätte mit seiner Parodie den Faschismus verherrlicht. Nach 100 Tagen wurde er entlassen. „In dieser Zeit habe ich nicht einmal einen Anwalt gesehen“, erinnert sich Günter Georgi.

Durch gute Bekannte erfuhr er, dass er hätte wieder in der Senftenberger Sparkasse anfangen können. „Dazu war aber die Erlaubnis der SED-Kreisleitung erforderlich. Und die gab es nicht. Das war für mich der Punkt, an dem ich wusste, dass es für mich keine Zukunft mehr in der DDR geben würde.“

So machte sich Günter Georgi mit seiner Frau und den beiden Kindern auf nach Westberlin. Um bei den Behörden keinen Verdacht zu erregen, fuhr die Familie mit einem Annahütter Onkel in die Hauptstadt und weiter nach Potsdam. „Einen Tag später, es war der 9. November 1958, sind wir dann mit dem Zug von Potsdam nach Berlin gereist. Erste Station war dort das Notaufnahmelager Marienfelde“, sagt Günter Georgi. Von Berlin ging es über ein Verteilverfahren ins Saarland.

„Dort haben mich meine Eltern noch vor dem Mauerbau mal besucht“, erinnert sich Günter Georgi. Sie durften aber in der DDR darüber nicht sprechen.“ Stattdessen hätten sie so getan, als ob sie von den Fluchtvorbereitungen nichts wussten.

Jahre später reiste Georgi öfter ins heimatliche Senftenberg. „Mit meiner Frau habe ich dort sogar silberne und goldene Hochzeit gefeiert“, berichtet er. Der Neu-Saarländer versuchte dabei, jeglichem Konflikt mit der Obrigkeit aus dem Weg zu gehen und verhielt sich möglichst unauffällig.

Nach der Wende reiste Georgi erneut nach Senftenberg. „Ich bin dann zur Polizei gegangen und wollte meine Zelle Nummer 53 wiedersehen. Tatsächlich wurde mir diese aufgeschlossen. Meine Gefühle waren damals unbeschreiblich.“ Darüber hinaus studierte der Fotograf seine 356 Seiten starke Stasi-Akte. Die größte Enttäuschung war die „Enttarnung“ seines einstigen Zimmerkollegen von der medizinischen Fachschule. „Für ihn hätte ich meine Hand ins Feuer gelegt“, resümiert Günter Georgi.

Eine endgültige Rückkehr nach Senftenberg nach der Wende sei bei Familie Georgi nie ernsthaft diskutiert worden. „Wir hatten ja im Saarland bereits im Jahr 1963 ein Haus gebaut. Und mit damals knapp über 60 Jahren war ich einfach schon zu alt“, zählt der Fotograf die beiden Hauptgründe auf. Dennoch bezeichnet er sich noch heute als „Wahl-Saarländer“ und „echten Lausitzer“.