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| 17:44 Uhr

Fontane am Zug in Senftenberg
Ein wilder Fahrrad-Ritt zum Spektakel-Auftritt

 Wie der Blitz kommt Schauspielerin Catharina Struwe als Fontanes Mutter Emilie durch den Zuschauerbereich zur Bühne geradelt. Dieser überraschende Auftritt ist jeden Abend zweimal Teil eines Kostüm- und Rollenwechsel-Marathons.
Wie der Blitz kommt Schauspielerin Catharina Struwe als Fontanes Mutter Emilie durch den Zuschauerbereich zur Bühne geradelt. Dieser überraschende Auftritt ist jeden Abend zweimal Teil eines Kostüm- und Rollenwechsel-Marathons. FOTO: Rasche FOTOGRAFIE / Steffen Rasche
Senftenberg. Das Theater-Spektakel „Fontane am Zug“ der Neuen Bühne Senftenberg startet in das Finale. Die Schauspielerin Catharina Struwe muss zig Mal in neue Kostüme schlüpfen und kräftig in die Pedale treten. Das Ensemble zeigt zur Freude des Publikums vollen Einsatz. Von Catrin Würz

Huiii, da kommt sie angesaust. Der alte Drahtesel mit der rustikalen Hupe am Lenker ist kaum zu bremsen. Fontanes Mutter Emilie alias Schauspielerin Catharina Struwe rollt jauchzend an den Zuschauerreihen vorbei in Richtung Bühne am Wasserturm. Dort ist das Stück „Theodor und wie er sich in die Welt schrieb“ – als Teil des diesjährigen Spektakels „Fontane am Zug“ – bereits voll im Gange. Im langen weißen Kleid, mit Mantel und dicker Langhaar-Perücke auf dem Kopf ist das historische Fahrrad für die Schauspielerin gar nicht so leicht zu lenken. „Und dass ich danach jedesmal außer Puste bin, merkt hoffentlich niemand“, sagt Catharina Struwe im Gespräch mit der RUNDSCHAU schmunzelnd. Denn wenn die Theaterdarstellerin zweimal pro Spektakel-Abend in die „Fontanes Eltern-Szene“ radelt, hat sie jeweils schon knapp einen halben Kilometer Rad-Sprint „außen rum“ am Güterbahnhof hinter sich, um pünktlich genug am Startpunkt hinter dem Publikum stehen zu können. Denn zwischen ihrem Szenenauftritt als Chefin einer Wandertheatergruppe aus der Gegenwart und ihrem nächsten Erscheinen als Fontanes Mutter anno 1819  liegen schließlich nur wenige Minuten, ein Kostümwechsel und eben der 400 Meter-Fahrradsprint zum neuen Ausgangsort für ihren Auftritt. Noch etliche andere Kostüm- und Rollenwechsel – zum Beispiel zur Mutter von Effi Briest, zur Novizin und zum Kindermädchen Roswitha – stehen während des knapp einstündigen Stückes für Catharina Struwe noch an. Das gleiche Pensum absolvieren aber auch ihre fünf Schauspieler-Kollegen in dieser locker-leichten Inszenierung über Theodor Fontanes Biografie.

„Spekakel-Zeit ist immer Ausnahmezustand. Da wird dem gesamten Team alles abverlangt, bis zur physischen Leistungsgrenze Aber das macht zugleich auch den Reiz aus und einen Riesenspaß“, sagt die Schauspielerin. Catharina Struwe hat die beliebten Theaterspektakel der Neuen Bühne, von den „Glückauf-Festen“ angefangen, nahezu alle mitgestaltet. Seit der Spielzeit 1986/87 gehört sie ununterbrochen zum Ensemble des Senftenberger Theaters. „Das ist jetzt meine 34. Spielzeit. Ich gehöre quasi schon zum Inventar“, sagt sie selbstironisch.

Dass es sie so viele Jahre an der Senftenberger Bühne gehalten hat, hängt auch mit dem Selbstverständnis dieses Theaters zusammen. „Wir sind ein Ensemble-Ensemble“, sagt sie und erklärt, wie sie das meint: „Hier geht es nicht um einzelne Solisten oder Stars. Hier sorgt immer das gesamte Ensemble für das beste Ergebnis. Wir streiten und diskutieren miteinander, bis alles stimmt, hier helfen sich alle untereinander.“

 Ankleiderin Andrea Stark-Spasova hilft Schauspielerin Catharina Struwe beim schnellen Umziehen im provisorischen Garderoben-Zelt hinter der Bühne.
Ankleiderin Andrea Stark-Spasova hilft Schauspielerin Catharina Struwe beim schnellen Umziehen im provisorischen Garderoben-Zelt hinter der Bühne. FOTO: Rasche FOTOGRAFIE / Steffen Rasche

Das Fontane-Spektakel am Senftenberger Güterbahnhof erweckt in diesem Jahr einen jahrelang vergessenen Ort wieder für ein paar Tage zum Leben und bietet dort ein aus vielen Puzzleteilen bestehendes Gesamtkunstwerk: Kulisse, Kostüme, Musikstücke, kleine Episoden rücken Leben und Werk des vor 200 Jahre geborenen Dichters Theodor Fontane unterhaltsam ins bunte Scheinwerferlicht.

Aber: Nach der Premiere ist vor der Premiere: Wenn am Sonntag die allerletzte Spektakel-Vorstellung über die Bühne geht, starten am Montag sogleich die ersten Proben für die Produktion „Aus dem Nichts“. In der Theaterfassung von Fatih Akins preisgekröntem Film spielt Catharina Struwe die Rolle der Anwältin von Katja, der Hauptfigur, die mit dem Verlust von Mann und Sohn durch einen terroristischen Anschlag leben muss. „Dann heißt es, den Schalter im Kopf umlegen und die Festplatte neu laden“, sagt Catharina Struwe über diese Wechsel der Extreme in ihrem Schauspielerberuf. „Aber das ist es ja auch, was ich daran liebe.“

 Catharina Struwe in der Szene des Duells zwischen Effi Briests Ehemann und Liebhaber, die Tom Bartels (l.) und Patrick Gees verkörpern.
Catharina Struwe in der Szene des Duells zwischen Effi Briests Ehemann und Liebhaber, die Tom Bartels (l.) und Patrick Gees verkörpern. FOTO: Rasche FOTOGRAFIE / Steffen Rasche

Für die letzte Aufführung des Spektakels „Fontane am Zug“ am Sonntag, 11. August, ab 18.30 Uhr gibt es noch einige Restkarten an der Abendkasse.