ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 14:20 Uhr

Rätsel um alten Brief: Was wollte der Richter vom Gastwirt?
100 Jahre Postgeheimnis in Senftenberg gewahrt

 Dieser Brief wurde vor 103 Jahren vom Königlichen Amtsgericht in Senftenberg verschickt - und erst jetzt geöffnet. Hans-Jürgen Tluste (r.) hat dieses rätselhafte Dokument gefunden und die Öffnung mit der Direktorin des heutigen Amtsgerichtes, Marion Müller, vorgenommen.
Dieser Brief wurde vor 103 Jahren vom Königlichen Amtsgericht in Senftenberg verschickt - und erst jetzt geöffnet. Hans-Jürgen Tluste (r.) hat dieses rätselhafte Dokument gefunden und die Öffnung mit der Direktorin des heutigen Amtsgerichtes, Marion Müller, vorgenommen. FOTO: LR / Catrin Würz
Senftenberg. Das Rätsel um einen ungeöffneten Brief, der den Gastwirt von Bückgen anno 1915 wohl nie erreichte, ließ einem Sedlitzer keine Ruhe. Im Amtsgericht Senftenberg holte er sich die Legitimation, das hundert Jahre alte Geheimnis nun zu lüften. Von Catrin Würz

Dass mancher Brief mit der Post auch mal länger zu seinem Adressaten unterwegs ist, kommt schon mal vor. In Senftenberg scheint nun jedoch ein höchst amtliches Schriftstück alle Rekorde gebrochen zu haben: Nach 103 Jahren ist ein vergilbter Brief jetzt zwar immer noch nicht beim richtigen Adressaten gelandet -– denn dieser lebt freilich schon lange nicht mehr auf dieser Erde. Trotzdem ist die rätselhafte Briefsendung – abgeschickt von der „Gerichtsschreiberei des Königlichen Amtsgerichts in Senftenberg“ im Oktober anno 1915 – noch immer ordentlich verschlossen und unangetastet.

Das hundert Jahre lang gewahrte Postgeheimnis ist dieser Tage nun aber gelüftet worden – mit einem beherzten Schnitt eines ebenso amtlichen Brieföffners in das historische Papier. Hans-Jürgen Tluste ist sogar ein bisschen aufgeregt, als er das amtliche Dokument aus dem vergangenen Jahrhundert in die Hände von Marion Müller, Direktorin des Amtsgerichtes Senftenberg, legt. Der Sedlitzer hat diesen merkwürdigen, noch ungeöffneten Brief mitten unter Urkunden und Schriftstücken im Nachlass seiner Mutter gefunden. „Komisch war nur, dass dieser Brief gar nicht an ein Mitglied unserer Familie adressiert war, sondern an den damaligen Gastwirt der Schankwirtschaft in Bückgen“, erzählt Hans-Jürgen Tluste. Wie seine Mutter in den Besitz dieses alten rätselhaften Schriftstückes gekommen ist und warum in all den Jahrzehnten nie jemand den Brief geöffnet hat, liegt indes völlig im Dunklen.

Das hundert Jahre lang eisern gewahrte Geheimnis hat nun auch Hans-Jürgen Tluste dazu veranlasst, nicht einfach selbst den Brief zu öffnen, sondern sich Beistand von der Senftenberger Amtsgerichtsdirektorin zu holen. Von hier stammt schließlich das historische Schriftstück. Marion Müller lächelt, als sie sich die im Briefumschlag befindlichen DinA4-Seiten in teils ziemlich unleserlicher Sütterlin-Schrift betrachtet. „Es ist ein Kostenerstattungsbeschluss des Gerichtes“, sagt sie amüsiert. „Über 35 Mark und 80 Pfennige, zu entrichten vom Gastwirt Robert Zahn in Bückgen.“

Die Juristin ist direkt ein bisschen begeistert. „Die Geschäftsnummer C 446/15 verwenden wir heute noch nach der gleichen Methode. Nur dass wir heute längst nicht mehr auf so hohe Zahlen kommen“, verrät sie schmunzelnd: Das C steht für eine Zivilklage, die Zahl 446 für die fortlaufende Nummerierung der Verfahren und die 15 für das Jahr 1915.

Auf deutlich mehr als 400 Zivilklageverfahren pro Jahr kommt das Amtsgericht Senftenberg heute schon lange nicht mehr. Da hatte das Gericht vor 100 Jahren offenbar mehr Streits zu klären. „Ich weiß aber, dass während der DDR-Jahre mehr als 600 Zivilklagen jährlich bearbeitet wurden“, sagt die Amtsgerichtschefin.

Der Brief vom Oktober 1915 hieß anno dazumal also nichts Gutes für den Adressaten, den Gastwirt Robert Zahn in Bückgen. Offenbar hatte der Schankwirt einen Zivilstreit mit der Genossenschaftsbrauerei Cottbus verloren und musste nun die Kosten des Rechtsstreites übernehmen. 35 Mark und 40 Pfennig machte der Rechtsanwalt Nehring der gegnerischen Seite, also das war der Cottbuser Braubetrieb, vom Bückgener Gastwirt geltend. Und 40 Pfennige erhob das Königliche Amtsgericht für die Erarbeitung des Beschlusses. Wie groß die Einnahmen des Rechtsanwaltes im Vergleich zu denen des Gerichtes waren – darüber muss Marion Müller herzlich lachen. Parallelen zur Gegenwart sind rein zufällig. . .

Welches Szenario sich nun hinter der Odyssee des 103 Jahre alten Briefes verbirgt, kann Hans-Jürgen Tluste nur vermuten. Der Großvater seiner Mutter, Max August Schweda, betrieb einst den Kolonialwarenhandel in Bückgen. Der befand sich direkt gegenüber der Zahn’schen Gastwirtschaft, wohin der gerichtliche Beschluss eigentlich amtlich zugestellt werden sollte. Warum der Brief im Kolonialwarenladen landete und dort die Zeit überdauerte, und ob der Gastwirt trotzdem irgendwann seine Schulden an das Gericht bezahlte, bevor der Gerichtsvollzieher auftauchte - man weiß es nicht. Für den 69-jährigen Erben des Briefes ist das aber alles höchst interessant. Denn Hans-Jürgen Tluste ist ein Fan von Heimatgeschichte, sammelt schon seit vielen Jahren Münzen und alte Postkarten, stöbert gern in der Historie der kleinen Ortschaften wie Bückgen oder Sedlitz., wo er heute lebt.

Den mysteriösen Brief anno 1915, dessen Geheimnis ja nun gelüftet ist, hat der einstige Elektriker und Ingenieurpädagoge inzwischen an den richtigen Ort dafür gebracht: ins Stadtarchiv von Senftenberg. Hier kann das Schriftstück weitere Zeit überdauern, bevor es vielleicht eines Tages für eine Geschichtsforschung oder ein historisches Thema als Zeitzeuge fungieren kann.

 Das Geheimnis ist gelüftet: Bei dem amtlichen historischen Schriftstück handelt es sich um einen Kostenerstattungsbeschluss des Gerichtes gegen den Gastwirt Robert Zahn nach einer zuvor verlorenen Zivilklage anno 1915.
Das Geheimnis ist gelüftet: Bei dem amtlichen historischen Schriftstück handelt es sich um einen Kostenerstattungsbeschluss des Gerichtes gegen den Gastwirt Robert Zahn nach einer zuvor verlorenen Zivilklage anno 1915. FOTO: LR / Catrin Würz