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| 17:10 Uhr

Spektakel an der Neuen Bühne
In Senftenberg ist bald Fontane am Zug

  Regisseur Tilo Esche (M.) bei der Probe im verborgenen Tunnel, einem der ungewöhnlichen Spielorte des Spektakels – am Senftenberger Bahnhof. Hier werden sich die Schriftsteller Theodor Fontane (r.), gespielt von Roland Kurzweg, und Theodor Storm  (Dimitrij Breuer) in einer Zwischenwelt begegnen.
Regisseur Tilo Esche (M.) bei der Probe im verborgenen Tunnel, einem der ungewöhnlichen Spielorte des Spektakels – am Senftenberger Bahnhof. Hier werden sich die Schriftsteller Theodor Fontane (r.), gespielt von Roland Kurzweg, und Theodor Storm  (Dimitrij Breuer) in einer Zwischenwelt begegnen. FOTO: Rasche FOTOGRAFIE / Steffen Rasche
Senftenberg. Der Regisseur verspricht Ehebruch, starke Frauen, Kriegserfahrungen und mehr beim Neue-Bühne-Spektakel 2019.

Zum Spektakel zur Spielzeiteröffnung lädt die neue Bühne Senftenberg bereits für den 3. August 2019 zur Premiere ein. An insgesamt sieben Vorstellungen in nur einer Woche werden die Zuschauer ein  ungewöhnliches Theaterfest auf dem  Gelände des Güterbahnhofs der Kreisstadt erleben. Mit „Fontane am Zug“ eröffnet  der Deutsche Bühnenverein/Landesverband Ost gleichzeitig seine 11. Theatertage.  Im RUNDSCHAU-Gespräch verrät Tilo Esche, Regisseur und stellvertretender Intendant, was die Zuschauer erwartet.

Mit dem Premierentermin für das Spektakel 2019 am 3. August eröffnet die Neue Bühne fast zwei Monate früher als bisher die neue Spielzeit – und bis zum 28. Juli sind Theaterferien. Da haben Sie sich ja ganz schön was vorgenommen.

Esche Ja, die Nerven werden in der letzten Woche garantiert blank liegen. Aber eigentlich ist das immer so vor der Premiere, und es funktioniert dann doch. So ist eben Theater. Natürlich haben wir schon lange mit den Vorbereitungen begonnen, egal, ob der technische Bereich mit den Herausforderungen, aus der doch recht hinfälligen Substanz in der Güterbahnhofstraße eine Brandenburger Szenerie aufzubauen und die verschiedenen Spielstätten herzurichten, oder das Schauspielensemble mit den Proben, die schon seit Wochen laufen.

Das Spektakel dreht sich um Theodor Fontane, dessen 200. Geburtstag in diesem Jahr gefeiert wird und der im heutigen Land Brandenburg zu Hause war.  Mögen Sie Fontane?

Esche Ehrlich gesagt, mit der Vorbereitung auf das Spektakel hat sich mein Interesse an Fontane verändert. Ich hatte gefürchtet, er wäre für so einen langen Theaterabend zu langatmig. Dieses Gefühl rührte wohl noch aus der Schulzeit, in der wir „Effi Briest“, seinen wohl bekanntesten Roman, lesen mussten und der ist nicht gerade „spannend“ in Erinnerung geblieben. Doch je mehr ich jetzt in unterschiedlichen Werken gelesen habe, um so neugieriger bin ich geworden – und irgendwann hat es sogar Spaß gemacht.

Ist er für Sie ein Brandenburger Heimatdichter?

Esche Er ist viel mehr. Sicher spielen gerade seine Romane meist in Brandenburger Milieus des 19. Jahrhunderts, und er war ein unheimlich fleißiger Arbeiter, sehr beeindruckend.

Vor allem, wenn man bedenkt, dass viele seiner Romane erst nach dem 60. Lebensjahr entstanden sind.

Esche Genau. Und wenn ich mir seine Formulierungen und Worte angucke – ein großer Poet.  Seine Romane gehen weit über seine Heimat hinaus, er setzt sich mit der Rolle der Frau in der preußischen Gesellschaft auseinander, mit den scheinheiligen Konventionen, der Doppelmoral. In seinem Leben  hatte er ja, nachdem er die Arbeit als Apotheker aufgegeben hatte, auf vielen Reisen auch Erfahrungen als Journalist, Kriegsberichterstatter, Theaterkritiker gesammelt.

Fontane ist also bedeutend mehr   als Effi Briest oder der Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland. Welchen Fontane werden die Spektakel-Besucher erleben?

Esche Es wird sehr unterschiedliche Annäherungen an Fontane geben. Gemeinsam mit der Dramaturgin Katja Stoppa habe ich einen spielerisch-biografischen Entdeckungstrip durch Fontanes Leben erarbeitet: Theodor und wie er sich in die Welt schrieb. Das wird auf vier Stationen an vier Orten zu erleben sein. Diesmal werden übrigens die Zuschauer alle Stücke an einem Abend sehen können.

Das heißt konkret?

Esche  Am Ort „Das weite Feld“ . . .

. . . also doch Effi Briest?

Esche   (lacht) Ja, aber völlig anders, als man es erwartet. Mirko Warnatz und Jan Mixsa werden als erzählende und singende Gaukler die Zuschauer abholen, nachdem diese ihre Eintrittskarte in Fahrkarten getauscht haben, die ihnen die Reihenfolge der Stücke vorgibt. Und am „weiten Feld“ werden die Zuschauer dort aufgefangen, wo man eben ist, wenn man sich seit der Schulzeit nicht mehr mit dem Schriftsteller und Dichter beschäftigt hat. Sie werden ihn also mit dem Ensemble gemeinsam entdecken. Ich kann versprechen, das wird sehr unterhaltsam und humorvoll.

Und weiter?

Esche Die anderen Spielorte sind am Bahnhof. Da wird die Mitropa zum „Weißen Hirsch“, in dem es um Theodors Gaumenfreuden geht. Dazu haben wir  Episoden aus „Der Stechlin“ und „Frau Jenny Treibel“ verschmolzen. An „Emilies Strand“ spricht Fontanes Ehefrau über zwei Frauenfiguren aus den Romanen ihres Mannes. Frauen, die für ihre Zeit – und sogar noch für unsere – sehr ungewöhnliche Entscheidungen getroffen haben. Da waren für mich übrigens die eher wenig bekannten Romane „L’Adultera“ und „Graf Petöfy“ eine echte Entdeckung, und die Szene ist aus meiner Sicht die poetischste an diesem Abend.

 Und dann ist da noch der „Tunnel“, tatsächlich gespielt in einem 30 Meter langen Tunnel am Bahnhof. Den Namen des Stücks haben wir in Assoziation dazu gewählt, dass Fontanes Mitgliedschaft in der literarischen Gesellschaft „Tunnel über der Spree“ in Berlin von 1844 bis 1865 seine Entwicklung sehr  beeinflusst hat. Hier wird es eine skurrile Szene in der Zwischenwelt geben, in der Theodor Storm und Theodor Fontane mit ihren Identitäten und den Verwechslungen spielen.

Verwechslungen, die ja auch heute noch anhalten...  Und dann ist da noch ein Zug. Was passiert da?

Esche Das Eisenbahntheater „Das letzte Kleinod“  setzt Fontanes Erinnerungen an die Gefangenschaft im Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 auf der Atlantikinsel Ile d’Oléron in den heutigen Kontext und bringt die Atmosphäre und die Geschichten mit nach Deutschland. Dieses Stück „Souvenir 1870“ ist die Eröffnung der 11. Theatertage des Deutschen Bühnenvereins/Landesverband Ost. Die Künstlergruppe „Das Letzte Kleinod“ um Jens-Erwin Siemssen inszeniert mit dem Ozeanblauen Zug Theaterprojekte auf dem Schienenweg. Das internationale Ensemble bringt so außergewöhnliche Theatervorstellungen in viele Länder. So etwas Besonderes wird es so schnell nicht wieder in Senftenberg geben.

Das Spektakel lebt auch vom Drumherum. Wird auch gefeiert?

Esche  Natürlich, wir wollen ja den 200. Geburtstag Fontanes feiern. Dazu wird die Gemüsehalle am Güterbahnhof hergerichtet und zu Musik und Tanz einladen. Und auf dem Nachhauseweg können die Besucher dann noch etwas Brandenburger Flair in der Güterbahnhofstraße genießen.

Das meinen Sie nicht ironisch?

Esche Nein, wir werden sie verwandeln und ihr das Brandenburger Flair der Fontane-Zeit geben, mit einer Art Potemkinscher Dörfer.

  Regisseur Tilo Esche (M.) bei der Probe im verborgenen Tunnel, einem der ungewöhnlichen Spielorte des Spektakels – am Senftenberger Bahnhof. Hier werden sich die Schriftsteller Theodor Fontane (r.), gespielt von Roland Kurzweg, und Theodor Storm  (Dimitrij Breuer) in einer Zwischenwelt begegnen.
Regisseur Tilo Esche (M.) bei der Probe im verborgenen Tunnel, einem der ungewöhnlichen Spielorte des Spektakels – am Senftenberger Bahnhof. Hier werden sich die Schriftsteller Theodor Fontane (r.), gespielt von Roland Kurzweg, und Theodor Storm  (Dimitrij Breuer) in einer Zwischenwelt begegnen. FOTO: Rasche FOTOGRAFIE / Steffen Rasche