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| 02:43 Uhr

Seit Jahrzehnten wird um Gründungstag des Fanfarenzuges Großräschen gestritten

Herbert Krüger (r.) aus Großräschen wehrt gegen das nach seiner Auffassung permanent falsch zitierte Gründungsdatum des Fanfarenzuges. Links: Kurt Luboch vom Chronikbeirat der Stadt.
Herbert Krüger (r.) aus Großräschen wehrt gegen das nach seiner Auffassung permanent falsch zitierte Gründungsdatum des Fanfarenzuges. Links: Kurt Luboch vom Chronikbeirat der Stadt. FOTO: Feller
Großräschen. Es gab Höhen und Tiefen. Trotz alledem gehört der Fanfarenzug Großräschen zu den namhaftesten Klangkörpern seiner Art in Brandenburg und darüber hinaus. 2017 begeht er sein 65-jähriges Bestehen. Doch das Gründungsdatum ist ein Streitfall. Manfred Feller

In diesem Jahr feiert der Fanfarenzug Großräschen seinen 65. Geburtstag. "Das Datum ist gesetzt, auch wenn es irgendwann neue Erkenntnisse geben sollte", stellt Benjamin Seidemann fest. Der 28-Jährige gehört dem Klangkörper als Spieler seit dem Jahr 2008 an und leitet diesen seit 2011.

Anlässlich des Jubiläums sorgt der Zug für einen Paukenschlag: Nach 18 Jahren findet am 17. Juni in Großräschen wieder eine Fanfaronade statt. Das ist gewissermaßen die Europameisterschaft der Naturtonfanfarenzüge. Erwartet werden mindestens 800 Musiker.

Der Fanfarenzug ist in seinem Jubiläumsjahr gut aufgestellt. "Wir haben erst im Sommer 28 Nachwuchsspieler zwischen sechs und 13 Jahren aufgenommen", ist Benjamin Seidemann zufrieden. Allerdings steckt dahinter auch viel ehrenamtliche Arbeit. Denn die Kinder und Jugendlichen müssen noch an das Niveau der anderen herangeführt werden. Der Fanfarenzug zählt derzeit 65 Mitglieder.

Die Großrä- schener feiern, ohne einen geschichtlichen Nachweis hinsichtlich des Gründungsjahres 1952 zu besitzen. "Niemand hat handfeste Beweise für das Jahr 1950 oder 1952", sagt der Leiter. Begangen wird der Geburtstag, weil er überliefert ist. "Uns fehlt der erste Band der Chronik vom Beginn bis zum Jahr 1960. Er ist nach der Wende während des Umzuges vom Haus der Jugend in die damalige Grundschule III, heute GutsMuths, verschwunden", weiß Ramona Krull. Die 45-Jährige ist Mitgliedsbeauftragte und Nachwuchsverantwortliche sowie seit 35 Jahren dabei. Vermutet wird, dass ein ehemaliges Mitglied diesen Band besitzt. Verschwunden sei auch die Gründungsfanfare mit Gravur. Beides könnte Licht ins Dunkel bringen.

Den Beweis für das wahre Gründungsdatum will Herbert Krüger aus Großräschen haben. Der heute 85-Jährige liegt mit den Verantwortlichen des Zuges und mit der Stadt seit Jahrzehnten im Streit und vermutet eine Verschwörung: angezettelt bereits zu frühen DDR-Zeiten von den Genossen der SED.

Seine Version ist diese: Die lange Tradition der Fanfarenzüge war nach dem Krieg auch in der sowjetisch besetzten Zone mit neuen Liedern wiederbelebt worden. Im März 1947 wurde der Fanfarenzug Grube Ilse-Bückgen der Freien Deutschen Jugend (FDJ) gebildet. Herbert Krüger war der Zugführer. "Die jungen Leute kamen aus den Bergbaudörfern Bertha, Rauno und Bückgen", erinnert sich der Senior. Offiziell gegründet worden sei der Zug am 1. September 1950 mit der Einweihung des Lehrbetriebes "Walter Ulbricht" in Anna-Mathilde (Sedlitz). Fortan nannte er sich Fanfarenzug der Betriebsberufsschule (BBS) "Walter Ulbricht".

Bereits Monate zuvor war aus den sieben Zügen in der Umgebung der Kreisfanfarenzug Senftenberg gebildet worden. Dies war ein loser Zusammenschluss der damals besten etwa 140 Musiker. Mit 30 Spielern ging es 1951 zu den Weltjugendspielen in Berlin. Dort wurde der Vize-DDR-Meistertitel errungen.

Bei einem weiteren Massenereignis 1953 in Erfurt habe der damalige FDJ-Vorsitzende Erich Honecker die deutsche Jugend aufgefordert, wieder zur Waffe zu greifen, um den Sozialismus zu verteidigen. "Den Krieg noch im Kopf, haben einige Fanfarenzugführer, auch ich, ihr Amt niedergelegt", so Herbert Krüger. "Das war das Ende einiger Züge."

Nach einigen Monaten der Pause sei beim BBS-Fanfarenzug das Spiel wieder aufgenommen worden. Nun mit anderen Leuten in der ersten Reihe. "Warum dann das Jahr 1952 als offizielles Gründungsdatum geführt wurde, weiß ich nicht", sagt er. Der Großrä- schener vermutet jedoch ein politisches Komplott. Insofern hätte der Fanfarenzug bereits 2015 sein 65-jähriges Bestehen feiern müssen.

Auch die Stadtverwaltung kann nicht weiterhelfen. "Die Recherche im Stadtarchiv hat keine eindeutigen Beweise wie eine Gründungsurkunde hervorgebracht. Es wurden viele Zeitungsausschnitte - die frühesten von 1961 - gefunden und auch Flyer, aber keine eindeutigen Beweise", teilt Stadtsprecherin Kati Kiesel mit. Der Fanfarenzug habe aber jahrelang ein Logo genutzt, in dem "seit 1952" stand. "Für das Gründungsdatum 1950 wurden uns auch keine schlüssigen Beweise vorgelegt. Der Chronikbeirat der Stadt Großräschen kümmert sich um die weitere Klärung des Sachverhaltes", versichert Kati Kiesel.

Beweise, zum Beispiel in Form von alten Betriebszeitungen und Protokollen, könnte das Archiv des BKK Senftenberg liefern. Dieses ist jedoch laut dem hier ehemals tätigen Bergbauunternehmen Vattenfall ausgegliedert worden. Eine Firma bei Berlin verwalte es. Schriftliche und fernmündliche RUNDSCHAU-Anfragen aus dem Vorjahr sind bis heute nicht beantwortet worden.

Wer Hinweise zur Anfangszeit des Fanfarenzuges Großräschen geben kann, darf sich gern bei Herbert Krüger melden (Telefon 035753 5418).